Hitlers „Mein Kampf“ Psychogramm eines Verlierers

Von Thomas Morawitzky 

Hitlers „Mein Kampf“ Foto:  
Hitlers „Mein Kampf“Foto:  

Das Erscheinen der kommentierten, der historisch-kritischen Ausgabe von Adolf Hitlers stilisierter Biografie und Programmschrift „Mein Kampf“ sorgte für viele Diskussionen. Der Historiker Andreas Wirsching sieht in Hitlers Schrift eine Frage an die Gesellschaft als Bühne.

Stuttgart - Das Buch liegt auf dem Tisch, es steht in den Bestsellerlisten. Und also ist es Zeit, über Adolf Hitler zu reden, über „Mein Kampf“ – das berüchtigte Propagandawerk, die ­stilisierte Biografie, die Programmschrift zum Massenmord. In Stuttgart versuchte jüngst Andreas Wirsching, Direktor des ­Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin, eine Annäherung und äußerte sich in der Folge auch gegenüber unserer Zeitung.

Wirsching war Gast im Theodor-Heuss-Haus. Und in diesem Haus, benannt nach dem ersten Präsidenten der Bundesrepublik, lag „Mein Kampf“ am Abend des ­Gespräches auf dem Büchertisch – Restexemplare einer rasch ausverkauften Auflage. Die wissenschaftlich editierte, keineswegs günstige Ausgabe befand sich Mitte Februar 2016 auf Platz zwei der „Spiegel“-Bestenliste. „Hitler sells“: Dieses Stichwort wirft ­Thomas Hertfelder, Gastgeber im Theodor-Heuss-Haus, gegen Ende des Abends in die Diskussion. Nicht nur wissenschaftlich ­aufbereitet – auch als Satire, auch im Kino kehrt der Diktator zurück und macht Kasse.

Andreas Wirsching sieht dies skeptisch. „Hitler“, sagt er, „lädt zur Satire so sehr ein, dass man aufpassen muss, die Skurrilität dieser Figur nicht zu entkoppeln und dabei die Gewalt zu vergessen.“ Wirsching glaubt nicht daran, dass die Faszination Hitler sich im Negativen erschöpfe. „Auch die Beschleunigung der Geschichte durch Gewalt und Verbrechen übt eine gewisse Faszination aus“, sagt er.

Neuedition als Dekonstruktion eines Mythos

Die wissenschaftlich editierte Ausgabe des Hitler-Werkes, die sein Institut nun veröffentlichte, sieht er als eine „Rationalitätsbotschaft“, als Dekonstruktion eines ­Mythos. „Es durfte keine Seite Hitler geben, bei der man nicht zumindest visuell, am­ ­besten auch kognitiv, den Kommentar zur Kenntnis nehmen muss“, erläutert er ein Anliegen der Ausgabe.

Ist diese Neuausgabe aber tatsächlich einzig dem Urheberrecht des Textes geschuldet, das bis Januar 2016 beim Freistaat Bayern lag und nun ­endete? „Mein Kampf“ ist ja nicht nur in Bibliotheken, im Ausland, es ist auch im Internet frei erhältlich; unter Strafe stand der Besitz des Buches nie, lediglich der Nachdruck in Deutschland war untersagt – bisher.

Aber genau dies ist für Andreas ­Wirsching ein schlagendes Argument. Nach Ende des Urheberschutzes, sagt er, musste die ­Veröffentlichung seines Institutes ­unseriösen Veröffentlichungen zuvorkommen: „Stellen Sie sich vor, in einem politisch interessierten Verlag würde eine Neuausgabe gemacht und ein Gericht würde feststellen, dass es sich dabei nicht um Volksverhetzung handelte – für mich wäre das ein Worst-Case-Scenario, auch international, was die politische Kultur angeht.“

Gegen einen neuen Rechtspopulismus

Die Gefahr einer unkommentierten ­Neuausgabe steht für Wirsching noch immer im Raum. „Wir sind heute in der Zeit eines neuen Rechtspositivismus, der sehr formalistisch argumentiert“, sagt er. „Ich habe keine Ahnung, wie ein Gericht damit um­gehen würde.“ Der kommentierte Blick auf Hitler soll dem zuvorkommen: „Das wichtigste moralische Argument für diese ­Ausgabe ist: eine Referenzausgabe zu ­schaffen, an der man sich auch reiben, auf die man sich beziehen muss. Wenn wir gar nichts gemacht hätten, dann würde der Text frei vagabundieren, wäre offen für alle ­möglichen anderen Interessen.“

Die Neuausgabe ermöglicht es nun, den Werdegang des Diktators, die Faszination, die er auf seine Zeitgenossen ausübte, ­nachzuvollziehen. „Wie war es möglich, dass jemand, der Mord als politisches Mittel ansah, ernst genommen wurde als möglicher politischer Mandatsträger?“, fragt ­Wirsching. Wie konnte Ernst von Weizsäcker, Vater des späteren Bundespräsidenten, in Hitlers Mordprogramm einen „Ton der Warmherzigkeit gegenüber der sozialen ­Frage“ hören? „Offenbar“, sagt Andreas Wirsching, „sind unsere Augen nicht mehr dieselben wie die eines Menschen, der diese Schrift 1933 las.“

Strategien von Hitlers Selbstinszenierung werden offengelegt

Dank des wissenschaftlichen Kommentars, der Hitlers Text in der Neuausgabe ­umzingelt – „symbolisch, pragmatisch“ –, liegen die Strategien der Selbstinszenierung und Verschleierung, mit denen Adolf Hitler arbeitete, heutigen Augen offen; Hitler wird zum „Negativbeispiel eines Autors und ­Redners“, der Fakten ungehemmt fälschte, dessen Weltbild aus einer paranoiden Konstruktion bestand. „Er reduzierte die gesamte erfahrbare Welt – auf Feinde. Überall sah er sinistre Kräfte am Werk, die es zu bekämpfen galt.“

Die 3700 Kommentare, die sich in der Neuausgabe finden, begegnen dieser Konstruktion auf allen Ebenen: Vier Herausgeber arbeiteten an ihnen, vier weitere Mitarbeiter, mehrere Dutzend Fachberater beschäftigten sich mit Fragen beispielsweise zur Habsburgermonarchie oder Molekular­biologie. Ein wissenschaftliches Kollektivwerk liegt vor, das sehr deutlich ein Ziel ­verfolgt: Adolf Hitler zu widerlegen, seinen Nimbus des Einzelnen, der die Geschichte veränderte, endgültig zu zerstören.

Als Redner hatte Hitler den Erfolg seines Lebens

Ob Hitler mit „Mein Kampf“ ein politisches Programm verfasst habe, das er in den Jahren nach seiner Machtergreifung konsequent umsetzte – dies hält Andreas ­Wirsching nach wie vor für eine schwierige Frage. „Es wäre kurzsichtig und gefährlich zu sagen: Er denkt sich da etwas aus und setzt es danach in die Tat um“. Hitler, erklärt Wirsching, formulierte mit seinem ­Programm Positionen aus, die in der politischen Kultur seiner Zeit, im Bildungsbürgertum, bereits gegeben waren, deren Spuren bis zurück ins Kaiserreich führen. Zuvor war dem späteren Diktator jede Anerkennung verwehrt geblieben – als Künstler in Wien, als Gefreitem im Ersten Weltkrieg. Hitler war ein Verlierer; erst als Redner, der die Ressentiments seiner Zeit aufgriff und sich zunutze machte, hatte er den Erfolg seines Lebens.

„Persönlich“, sagt Andreas Wirsching, „stelle ich die Frage so: Was ist das für eine Gesellschaft, was ist das für eine politische Kultur, in der es möglich ist, dass es eine Bühne gibt, auf der man ungestraft Hass predigen, zur Verfolgung von Feinden auf­rufen kann, die man konstruiert hat?“ Jene Bühne, sagt Andreas Wirsching, war da, schon vor Hitler – er musste sie nur betreten. Sie ist nicht verschwunden, steht heute wieder, allen sichtbar, in der Mitte der Gesellschaft. Wenn die kommentierte Wiederveröffentlichung von „Mein Kampf“ geeignet ist, Lesern die Augen dafür zu öffnen – dann ist, da mag man Andreas Wirsching folgen, die Frage des Urheberrechts ganz beiläufig und dieses Buch zum unbedingt richtigen Zeitpunkt erschienen.

www.ifz-muenchen.de

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