Heidelberger Studie für den Weißen Ring Kriminalitätsopfer klagen die Polizei an

Von Gerhard Kneier 

Wer Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist, erwartet Verständnis und Aufmerksamkeit von der Polizei – keine zermürbenden Vernehmungen. Foto: dpa
Wer Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist, erwartet Verständnis und Aufmerksamkeit von der Polizei – keine zermürbenden Vernehmungen. Foto: dpa

Eine Untersuchung des Kriminologischen Instituts der Universität Heidelberg deckt eine große Unzufriedenheit der Verbrechensopfer mit den Ermittlern auf. Auftraggeber ist die Hilfsorganisation Weißer Ring, die mehr Schutz der ohnehin belasteten Opfer fordert.

Wiesbaden - Roswitha Müller-Piepenkötter hat ein Beispiel parat: Eine Frau, die Opfer sexueller Belästigung wurde, musste sich nach der Tat von einem Polizisten anhören, was ihr da passiert sei, sei doch „nicht so schlimm“. Bei einer Tagung im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) schildert die Kuratoriumsvorsitzende der Hilfsorganisation Weißer Ring: Verständlicherweise habe die tief getroffene Frau im Lauf der weiteren Vernehmung „dichtgemacht“ und kaum noch Angaben gemacht. Das unsensible Verhalten des Polizeibeamten mag nicht typisch sein für die Behandlung von Opfern in Ermittlungsverfahren. Nach einer vom Weißen Ring in Auftrag gegebenen Studie klagen aber viele von ihnen über eine starke oder sehr starke Belastung bei den Vernehmungen, die auf die kriminellen Taten folgen.

Die Wissenschaftler vom Kriminologischen Institut der Universität Heidelberg haben versucht, die Erkenntnislücke über den Umgang von Polizei und Justiz mit den Opfern von Straftaten zu schließen. Für ihre Studie „Belastungen von Opfern in Ermittlungsverfahren“ werteten sie 178 Strafakten mit 251 Erhebungsbögen aus dem Bundesgebiet aus. Sie führten 87 Interviews mit Opfern und deren Angehörigen, analysierten 320 an Opfer gerichtete Fragebögen und nahmen an Gruppengesprächen mit Polizisten, Anwälten, Opferhelfern und Therapeuten teil.

Mehr als 60 Prozent fühlen sich stark belastet

Haupterkenntnis: Vor allem die sehr langen und wiederholten Vernehmungen belasten die Opfer. Manche fühlten sich nicht ernst genommen, abwertend behandelt, in der Glaubwürdigkeit angezweifelt oder sogar von den Ermittlern angegriffen. Die bei der Studie federführenden Professoren Dieter Dölling und Harald Dreßing berichten, mehr als 60 Prozent der Befragten schätzten ihre Belastung im Ermittlungsverfahren als „sehr stark“ ein. Generell dauern die Vernehmungen oft mehr als zwei Stunden, bei mehrfachen Treffen würden viele Fragen als redundant empfunden. Bei der Befragung ausländischer Opfer durch Polizei und Justiz wird oft das Fehlen eines Dolmetschers bemängelt. Opfer hätten den Eindruck, dass Informationen nur lückenhaft weitergegeben würden, die Polizei wegen Personalknappheit zu wenig Zeit habe, sie sich vor den Ermittlern rechtfertigen müssten, die Privatsphäre zu wenig beachtet werde und sie zu wenig über ihren Schutz und ihre Rechte aufgeklärt würden. 30 Prozent der Befragten empfanden die Ermittler als unfreundlich.

Ein Rechtsanwalt ist selten dabei

Die Forscher konzentrierten sich bei den Untersuchungen auf drei Felder von Straftaten: Wohnungseinbrüche, Sexualdelikte und Gewalttaten. Was sie als problematisch einschätzen: Weniger als zwei Prozent der befragten Opfer wurden bei den Befragungen von einem Rechtsanwalt begleitet, und eine Vertrauensperson der Betroffenen war in 8,5 Prozent der Fälle dabei. Dabei sei eine solche Unterstützung für die manchmal sogar traumatisierten Opfer von Straftaten sehr hilfreich. Der Weiße Ring fordert als Konsequenz der Erkenntnisse unter anderem eine stärkere Stellung der Opferschutzbeauftragten bei der Polizei, die Einführung eines angemessen bezahlten Fachanwalts für Opferrechte sowie die feste Verankerung der ­Opferperspektive bei der Aus- und Weiterbildung von Polizei- und Justiz. Die Studienautoren plädieren zudem für mehr von den Opfern abzuzeichnende Wortprotokolle – ähnlich wie bei Video- oder Audioaufzeichnungen der Vernehmungen. So müssten nicht immer wieder dieselben Fragen gestellt werden.

Ex-BKA-Chef bittet um Verständnis für die Polizei

Der stellvertretende BKA-Präsident Peter Henzler betont, ein Patentrezept gebe es nicht. „Vielmehr benötigt man ein hohes Maß an Feingefühl und Erfahrung, um auf die individuellen Ängste und Bedürfnisse von Opfern einzugehen“, sagt er. Auch der ehemalige BKA-Chef Jörg Ziercke macht sich die Appelle für einen sensibleren Umgang mit den Opfern zu eigen, bittet aber auch um Verständnis für die schwierige Lage der Beamten. Täter nicht vorverurteilen, falsche Anschuldigungen ausmachen und den Opfern gerecht werden: Polizei und Justiz haben es auch nicht leicht.

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