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Gen entschlüsselt Hoffnung für Manisch-Depressive

Markus Brauer, vom 23.03.2011 14:35 Uhr

Stuttgart - "Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt" - ein Zustand, unter dem viele Menschen leiden. Zwei Millionen Deutsche sind manisch-depressiv. Ihnen könnte geholfen werden: Forscher entschlüsseln den Gencode der Erkrankung, um wirksamere Arzneien zu entwickeln.

Es ist die vielbeschworene Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Nur dass der Heuhaufen in diesem Fall das menschliche Genom ist. Das Erbgut des Menschen umfasst rund 24000 Gene und drei Milliarden Basenpaare oder Erbgutsteine. Darin enthalten sind eine große Zahl von Erbgutmerkmalen, die sich individuell unterscheiden.

Unter diesen Genvarianten versuchen Forscher jene herauszufinden, die für die seelische Stabilität zentral sind. Einem internationalen Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlern aus Bonn, Mannheim und Jülich ist jetzt eine wichtige Entdeckung gelungen - vielleicht sogar ein Durchbruch. Sie haben eine Variante des Gens Neurocan (NCAN) ausfindig gemacht, die das Risiko erhöht, dass jemand an einer manisch-depressiven Störung erkrankt.

Suche nach der Ursache für bipolare Störung

Diese Erkenntnis sei ein "wichtiger Puzzlestein", um die Entstehung und die genetischen Ursachen dieser komplexen Krankheit zu verstehen, erklärt der Molekularbiologe Sven Cichon vom Institut für Humangenetik der Universität Bonn und vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich.

Auf der Suche nach den Ursachen der manisch-depressiven Erkrankung tappen die Wissenschaftler weitgehend im Dunkeln. "Umso höher ist die Identifizierung des Risikofaktors im Neurocan-Gen bei der Bipolaren Störung zu werten", sagt Markus M. Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik der Uni Bonn. Zusammen mit Cichon und der Psychiaterin und Genetischen Epidemiologin Marcella Rietschel vom Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim war er verantwortlich für die Studie.

Die Forscher haben Hunderttausende häufig vorkommende Genvarianten zwischen 8500 Patienten mit Bipolarer Störung und 35.000 gesunden Personen verglichen. Dabei fanden sie heraus, dass eine Variante des Neurocan-Gens bei Manisch-Depressiven "signifikant" häufiger auftritt als bei Gesunden. "Die identifizierte Risikovariante erhöht das Risiko der Träger zu erkranken", betont Rietschel. "Sie bestimmt aber nicht alleine, ob man erkrankt." Denn der Beitrag eines einzelnen genetischen Risikofaktors zur Krankheitsentstehung - auch der des Neurocan-Gens - sei begrenzt.

Risikofaktoren für manisch-depressive Erkrankung

Wie wichtig die Grundlagenforschung für den medizinischen Fortschritt ist, zeigt sich deutlich an diesem Forschungsprojekt. Der Einfluss der Gene auf die menschliche Psyche ist außerordentlich komplex. Es gibt vermutlich Hunderte, wenn nicht gar Tausende genetische Risikofaktoren, die zur Ausbildung einer manisch-depressiven Erkrankung beitragen können. Ohne genaue Kenntnis der beteiligten Risikofaktoren ist es quasi unmöglich, Medikamente und Therapien zu entwickeln, die besser helfen als die bisher bekannten.

Seit 20 Jahren sucht man mit Hilfe der Molekularbiologie nach genetischen Veränderungen, die mit dieser neuropsychiatrischen Erkrankung in Verbindung stehen könnten. In den 90er Jahren wurden vor allem gezielt Varianten von Genen untersucht, bei denen man sich eine Krankheitsbeteiligung vorstellen konnte. Hierbei geht es vor allem um Gene, die bei der Informationsübertragung zwischen den Neuronen eine Rolle spielen - also etwa Rezeptoren für bestimmte Botenstoffe (Dopamin, Serotonin und andere) oder Proteine, die diese Botenstoffe in die richtigen Zellbereiche transportieren. Schlüssige Hinweise auf die Beteiligung dieser Gene und ihrer Varianten an der Entstehung der manisch-depressiven Erkrankung konnte man aber nicht finden.

Kommentare (1)
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MRZ
26
12:19 Uhr, geschrieben von Anonymer Benutzer
Erstaunlich
15 % der Erkrankten sind mit ihrem Selbstmord "erfolgreich". Damit liegt die Todesrate der bipolaren Störung erheblich über der mancher Krebsarten. Das ist erstaunlich und erschreckend zugleich. Noch schlimmer ist es, daß diese Krankheit - wie im Artikel gut veranschaulicht - letztlich vererbbar ist. Allerdings hat diese Vererbung auch einen Vorteil: Man weiß um das Risiko und kann früher medikamentös eingreifen.
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