Französische Literaturtage Eine Litté-Rad-Tour durch Stuttgart

Von Sara Maria Behbehani 

Zu Gast in Stuttgart: der Kongolese Fiston Mwanza Mujila, Autor von „Tram 83“ Foto: AFP
Zu Gast in Stuttgart: der Kongolese Fiston Mwanza Mujila, Autor von „Tram 83“ Foto: AFP

An diesem Wochenende führen das Institut Français und das Literaturhaus Stuttgart durch die französische Literatur und Kultur.

Stuttgart - An diesem Wochenende veranstalten das Institut français und das Literaturhaus Stuttgart die „Litté-Rad-Tour“. Im Jahr, in dem Frankreich Gastland auf der Frankfurter Buchmesse ist, laden die beiden Häuser dazu ein, nicht nur der französischen Literatur, sondern vielmehr der französischen Kultur im Allgemeinen näherzukommen.

Es gibt französische Spezialitäten, es wird performt, Musik gemacht und gelesen. Die mit Stuttgart in Zusammenhang stehenden Geschichten der großen Autoren Stendhal, Rimbaud und Balzac werden erzählt, auch filmisches oder bildliches Material wird es zu sehen geben. All das wird eingebunden in eine Fahrradtour durch die Stuttgarter Innenstadt.

Auftakt der Veranstaltung sind am Freitag die „Karambolagen“, bei denen sich der französische Lyriker Hédi Kaddour und die deutsche Schriftstellerin Gila Lustiger gegenübertreten und ihre Thesen zum Thema „fremd“ diskutieren. „Wir wollen das Aufeinanderprallen von Sichtweisen und Meinungen produktiv machen“, sagt Stefanie Stegmann, die Leiterin des Literaturhauses Stuttgart. „Denn genau das brauchen wir im heutigen Europa mit seinen Konflikten. Wir müssen versuchen, für die Konflikte, die es gibt, eine Sprache zu finden. Andererseits wollen wir diese Konflikte auch ins Gute wenden, anstatt sie als Bedrohung zu sehen.“

Immer wieder geht es in diesen Tagen um das Thema des Fremden, um die französische Kolonialgeschichte und die tief greifenden Probleme, die sie in Afrika und auch Frankreich hinterließ. Auf Afrika legen die senegalesische Schriftstellerin Ken Bugul und der französische Autor Sylvain Prudhomme im Gespräch am Samstag ihren Fokus im Institut français. „Es geht um den Austausch von Kulturen und das Thema der Migration“, sagt die Projektleiterin des Institut français, Johanne Mazeau-Schmid. „Es sind zwei sehr spannende Persönlichkeiten, die viel erlebt und einen ganz anderen Blick auf Afrika haben.“

Prosa an der Grenze zur Musik

Der wohl bekannteste zeitgenössische Autor, der für das Literaturfestival nach Stuttgart kommt, ist der kongolesische Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila. Für seinen Debütroman „Tram 83“ erhielt er nicht nur 2017 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt, sondern kam damit 2016 auch auf die Longlist des britischen Man Booker International Prize. Am Sonntag wird der Autor Mujila seinen Roman im Literaturhaus vorstellen. Und wenn er aus seinem Werk vorträgt, dann ist das für gewöhnlich keine Lesung, wie man sie kennt. Was der Literat macht, ist kraftvolle, rhythmische Performance, ist ganz in afrikanischer Erzähltradition beinahe Musik. Er nimmt seine Zuschauer mit in ein fremdes Land, an einen fremden Ort, in eine fremde Bar.

„Tram 83“ heißt sie. Und dort trifft alles aufeinander: die Studenten, die ehemaligen Kindersoldaten, die Prostituierten, die Mächtigen und die Verlierer der Gesellschaft. Alles ist gezeichnet von Krieg, von Korruption, von Chaos und Elend. „Tram 83“ wird zum Fluchtort. Zum Ort, der Vergessen verspricht.

„Die französischsprachige Literatur ist im Moment geprägt von Stimmen mit Migrationshintergrund, die einen ganz eigenen intensiven Ton herstellen“, hält Stegmann fest. „Stimmen, die sich ganz selbstverständlich mit einschreiben in die Geschichte und die Literatur.“

Das gilt auch für die indisch-französische Schriftstellerin Shumona Sinha. Ihre Lesung, die am Sonntag im Literaturhaus auf die von Mujila folgt, trägt nicht zu Unrecht den Titel „Geschichten der Wut“. Eben so sind ihre Geschichten: zornig, kraftvoll, auch skrupellos. In ihrem Skandalroman „Erschlagt die Armen“ nimmt sie das Baudelaire-Gedicht „Assumons les pauvres“ („Erschlagen wir die Armen“) wörtlich und lässt ihre Protagonistin einen Migranten erschlagen. Sozialkritisch und poetisch führt sie dem Leser das französische Asylsystem vor Augen. Ihr Auftritt bildet den Abschluss der Literaturtage.

Fragt man Stefanie Stegmann, wie die Besucher die „Litté-Rad-Tour“ verlassen sollen, sagt sie lachend: „Gesättigt. Sowohl literarisch als auch kulinarisch. Mit genügend Frischluft und gut bewegt sollen sie vom Fahrrad steigen.“

Informationen zum Programm unter
https://stuttgart.institutfrancais.de.

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