Frankreich Champagner - für die ganze Welt!

Von Walther Rosenberger aus Épernay 

Rebstöcke und alte Gemäuer - typisch für die Region. Foto: Rosenberger
Rebstöcke und alte Gemäuer - typisch für die Region.Foto: Rosenberger

Champagner steht für Luxus und Überfluss und gilt als Getränk der Reichen und Schönen. Den Winzern wäre es allerdings viel lieber, wenn auch Lieschen Müller hin und wieder am Perlwein nippt. In der Champagne öffnet man sich nun einem breiteren Weintourismus.

Jetzt, fast ein halbes Jahr nach seinem großen Tag, ist Pierre Cheval immer noch ganz aus dem Häuschen. Vor ihm auf der Tafel, im noblen Restaurant La Briqueterie, wird das Charolais-Rind an Sellerie und Steinpilz so langsam kalt, und der Rotwein im Glas erwärmt sich bedenklich. Rind und Rotwein sind aber heute auch nur Nebensache. „Champagner!“, ruft Cheval freudig aus und reißt die Arme in die Höhe. „Champagner für die ganze Welt.“ Seit die Champagne Mitte Juli dieses Jahres in den erlauchten Kreis der Unesco-Welterbestätten aufgenommen wurde, ist der 64-Jährige in Feierlaune. Jahrelang hat er als Vorsitzender der Champagne-Dachorganisation „Paysages du Champagne“ für diesen Titel gekämpft, und dass es im Sommer dann geklappt hat und seine Heimatregion jetzt in einem Zug mit dem Schloss von Versailles und der Kathedrale Notre-Dame genannt werden darf, verbucht er als so etwas wie die Krönung eines langen beruflichen Strebens. Er glaubt aber auch, dass die beschauliche Ecke Frankreichs mit dem großen Namen so etwas wie eine Initialzündung nötig hat.

Einen echten Weintourismus gab es lange nicht

Die Champagne, jener Flecken Erde, der dem wohl pompösesten Getränk der Welt seinen Namen gibt, lag bis vor kurzem nämlich in einer Art selbstverordnetem Dornröschenschlaf. Betuchte Touristen, die den großen Champagner-Häusern wie Veuve Clicquot oder Moët & Chandon einen Kurzbesuch abstatteten und dann schwer bepackt mit Kartons voller feinperlender Cuvées den Rückzug in ihre Nobeletablissements in Paris, London oder Brüssel antraten, gab es zwar schon immer; einen echten Weintourismus, wie er sich im Bordeaux, dem Burgund oder auch in einigen deutschen Anbaugebieten schon seit langem etabliert hat, suchte man in der Champagne aber lange vergeblich. Reisende, die die malerischen Hügel dies- und jenseits des Marne-Tals durchstreiften, hatten nicht selten Wein-Fachbücher unter dem Arm geklemmt und interessierten sich eher für malolaktische Champagner-Gärung und das Flaschen-Degorgieren als für Land und Leute.

„Wir sind ein bisschen wie das Elsass vor 40 Jahren“, sagt Frédérick Nebout, Chef von Épernay-Tourismus. „Im Weinbau sind wir ganz vorne. Für den Tourismus müssen wir uns aber viel stärker öffnen.“ In Épernay beispielsweise, jenem idyllisch-quirligen Zentrum der Champagner-Produktion, gibt es gerade einmal 500 Touristenbetten. Der Unesco-Welterbe-Titel soll jetzt als Initialzündung wirken und Investoren und Touristen gleichermaßen locken. Wer die Region durchstreift, merkt schon etwas von dem neuen Geist. Immer mehr Erzeuger - insbesondere die kleineren Betriebe - schließen ihre Tore auch für Reisende auf und bieten Verkostungen oder Führungen durch die eigene Champagner-Produktion an. „Die junge Generation der Winzer hat erkannt, dass die Champagner-Erzeugung allein nicht selig macht“, sagt Nebout - eine Erkenntnis, die man wohl als eine Lehre aus der Geschichte bezeichnen könnte.

Denn immer wieder haben Absatzkrisen die heute knapp 370 Champagner-Erzeuger der Region ziemlich gebeutelt. Die Reblaus-Plage erzwang ab 1890 eine umfassende Neubestockung der Weinberge und warf die Weinbauern, deren Perlgetränke bis dahin reißenden Absatz gefunden hatten, um Jahrzehnte zurück. Erster und Zweiter Weltkrieg verschonten dann zwar die Reben, legten die Städte und Dörfer aber in Schutt und Asche. Erst danach begann sich die Region wieder zu berappeln. Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand in der Nachkriegszeit kam der Champagner-Durst zurück und trübte - wie manche Kritiker heute meinen - auch den Blick für eine nachhaltige Entwicklung der gesamten Region. Insbesondere in den 2000er Jahren trank die Welt Champagner bis zum Umfallen. Dann fiel in Folge der Finanzkrise die Weltwirtschaft und mit ihr die Lust auf das „Getränk der Könige“, wie die Franzosen ihren Champagner heute noch nennen.

Der Tourismus ist bedeutend für die Champagne

Damals wurde vollends klar, dass mit dem Tourismus ein zweites Standbein neben der Champagner-Erzeugung hermusste. Heute locken zwischen der Champagner-Hauptstadt Reims im Norden und den südlichsten Weinbergen um das Städtchen Sézanne mehr als 100 Wanderungen Aktiv-Touristen. Fahrradwege durchziehen vielerorten die rebbestockten Hügel. Entlang der Routen stellt das Kunsthandwerk aus und in den Cafés und Restos laden die Patrons auch schon mal zum Champagner-Kochkurs ein. Der wahre Schatz liegt jedoch tief unter der kalkigen Erde. In den Champagner-Kellern, die Städte wie Reims oder Épernay weitläufig untertunneln, lagern insgesamt rund 1,5 Milliarden Flaschen. Jeder Stollen hat dabei seine eigene Geschichte. In den 28 Kilometer langen Gangsystemen des Marktführers Moët & Chandon schritt einst Napoleon Bonaparte auf und ab. Und bei Mercier nebenan wurden einst - auf Initiative des schrullig-genialen Firmengründers Eugène Mercier - Autorennen unter Tage abgehalten. Beide Keller liegen übrigens an der prachtvollen Avenue de Champage in Épernay. An dieser Prunkstraße haben sich die großen Champagner-Häuser der Region wie an einer Perlenkette aufgereiht und in alten Kaufmannsvillen hübsch eingerichtet. Einige von ihnen können besichtigt werden. In manchen kauft man den Champagner sozusagen „direkt ab Haus“.

Wer dagegen die Beschaulichkeit liebt, ist mit dem Weiler Hautvillers am gegenüberliegenden Marne-Ufer besser bedient. Hier legte der Benediktinermönch Dom Pérignon einst die Grundlagen der modernen Champagner-Produktion, und hier befinden sich einige der besten Lagen des Anbaugebiets überhaupt. Kurzentschlossene können in dem Weiler am 22. Januar übrigens einem besonderen Ereignis beiwohnen: Die Champagner-Winzer begehen an diesem Tag alljährlich ein Ritual zu Ehren des heiligen Vinzenz von Valencia. Dieser ist Schutzherr der Seeleute und Holzfäller, aber eben auch der Winzer. Eine - wohl frei erfundene - Heiligenlegende besagt, dass er seine Standhaftigkeit im Glauben teuer bezahlte. In eine Weinpresse gespannt, wurde er langsam ausgequetscht. Sein Blut rann gen Erde. Kein wirklich schonendes Verfahren, aber für die Champagner-Winzer Grund genug zur Huld. Alljährlich halten sie einen Teil der Ernte zurück, um sie Ende Januar über eine Weinpresse im Dorf zu gießen - und natürlich in die eigenen Hälse.

  Alle Reisereportagen sind in Sonntag Aktuell erschienen
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