Fiebermessen vor der Bundestagswahl Gerchsheim: Frankenwein, Madonnen und ein Syrer

Von Hanna Spanhel 

Vor den Bundestagswahlen sind unsere Reporter die A81 entlang durch Baden-Württemberg gefahren. Und haben die Menschen gefragt, was sie bewegt. Dieses Mal: Gerchsheim.

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Gerchsheim - Wenn Pfarrer Damian Samulski morgens aus dem Haus geht, dann schaut er zuerst nach seinem Garten. In diesem Jahr stehen die Tomaten gut, weil es viel geregnet hat. Wenn die Leute im Ort sein Gemüse loben, sagt Samulski immer, das liege am Weihwasser, mit dem er es gieße. „Ich bin eben ein Landpfarrer.“

Als Samulski, 53, vor 20 Jahren nach Gerchsheim kam, hat sein Vorgänger zu ihm gesagt: „Hier auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung.“ Samulski wechselte damals von einer Mannheimer Gemeinde in die Pfarrei, und er mochte Gerchsheim auf Anhieb. Madonnenland, nennt er die Gegend. Das Ländliche hat ihn an seine Heimat in Polen erinnert: die schönen Kirchen, die hügelige Landschaft, das gute Essen, die Madonnen an den Häusern, und dass man hier die Türen nicht abschließen muss. Samulski sitzt in seiner Stube im Pfarrhaus, auf dem Tisch stehen Sesamgebäck und polnische Toffees, auf dem Fensterbrett wacht eine Marienfigur aus Holz.

An der menschlichen Nähe im Ort habe sich über die Jahre nicht viel geändert. Samulski kennt die Leute und ihre Geschichten, weil man sich hier eben kennt und weil die Kirche auf dem Land noch immer eine wichtige Rolle spielt. Ein paar Hundert Leute kommen jeden Sonntag zur katholischen Messe, etwa 35 Prozent der Einwohner, rechnet Samulski vor. „In Mannheim hatte man bei Beerdigungen eine halbe Stunde auf dem Friedhof. Hier ist das noch ein richtiger Abschied.“ Rosenkranz, Seelenamt, und nach der Beisetzung setzt man sich dann gemütlich zusammen.

Im letzten Jahr haben die Sparkassenfiliale und die Schule zugemacht

Eigentlich ist hier auch sonst die Welt noch in Ordnung. Es gibt einen Bäcker, einen Metzger mit regionaler Bekanntheit, einen kleinen Supermarkt, ein paar Vereine, eine Tankstelle mit Bierausschank, eine Gaststätte und einen Kindergarten. Zum Einkaufen und zum Arbeiten fährt man ins 20 Kilometer entfernte Würzburg.

Aber der Strukturwandel hinterlässt auch in Gerchsheim seine Spuren. Bis in die 70er Jahre war hier alles Landwirtschaft. Davon merkt man heute nichts mehr. Im Winter wird wohl der letzte Milchbauer seine Kühe verkaufen. Im vergangenen Jahr haben die Schule und die Sparkasse zugemacht. „Das hat die Leute sehr getroffen“, sagt Damian Samulski. „Vor allem, weil es eigentlich genug junge Familien gibt, die hier wohnen wollen.“

Gerchsheim liegt direkt an der Grenze zu Bayern, hat eine eigene Autobahnabfahrt und um die 1500 Einwohner. Glaubt man Ortsvorsteher Heinz Schmitt, dann singt man hier das Frankenlied, auch wenn sie ja offiziell Badener sind. In den siebziger Jahren wurde Gerchsheim mit drei anderen Orten zur Gesamtgemeinde Großrinderfeld. Verwaltungseinheit nennen sie das, aber als Einheit wollen sich die Leute bis heute nicht so recht fühlen. Weil jede Teilgemeinde Angst hat, dass die anderen mehr bekommen.

 

In Syrien war Haitham Hasan Rechtsanwalt, jetzt ist er Fleischer – und Imker

Ein paar Meter die Straße rauf, im Schlachthaus der Metzgerei Knab, steht Haitham Hasan, 32, an einem Stahlbecken und drückt mit einem Plastiksieb Gelbwürste unter Wasser. Dienstags fangen sie immer mit Gelbwürsten an, große und kleine, mit Petersilie und ohne, danach kommen die Bratwürste, 50 bis 100 Kilo. „Als Muslim esse ich keine Wurst vom Schwein, aber sie zu machen, ist für mich kein Problem.“ Hasan holt die Ringe aus dem Wasser und hängt sie der Reihe nach in ein Metallgestell. In Syrien wusste Hasan nicht mal, dass es so viele verschiedene Wurstsorten gibt: Gelbwurst, Bratwurst, scharfe Salami, normale Salami, Putensalami.

Früher, in Damaskus, war Haitham Hasan Rechtsanwalt. Vor zwei Jahren flüchtete er vor dem Krieg nach Deutschland, wo er ein paar Monate nach seiner Ankunft bei McDonald’s in Tauberbischofsheim Arbeit fand. Als er nach Gerchsheim kam, war das mit der Busanbindung in die Stadt und den Schichtzeiten schwierig, also half ihm der Ortsvorsteher, den neuen Job zu bekommen. Was er arbeitet, sei nicht so wichtig. Aber dass er arbeitet und eigenes Geld verdient, das sei wichtig – auch um von den Leuten respektiert zu werden.

Jetzt steht er jeden Morgen ab 6 Uhr in der Metzgerei. Nach der Arbeit kümmert er sich um den Garten, den ihm Leute aus dem Ort zur Verfügung gestellt haben, und um seine Bienenvölker. Freizeitimker war er auch schon in Syrien, deshalb ist ihm die Arbeit mit den Händen nicht fremd. Er habe richtig Glück gehabt mit Gerchsheim, sagt Hasan: das Leben auf dem Land, die freundlichen Menschen.

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