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Feinstaub in Stuttgart „Das Unsichtbare ist gefährlich“

Von Barbara Czimmer-Gauss 

Atemmasken halten  nur  größere Partikel wie zum Beispiel sichtbaren Ruß zurück, Feinstaub fangen sie nicht ab. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Atemmasken halten nur größere Partikel wie zum Beispiel sichtbaren Ruß zurück, Feinstaub fangen sie nicht ab.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Prof. Martin J. Kohlhäufl ist Chefarzt am Robert-Bosch-Krankenhaus und warnt vor den Gesundheitsgefahren, die von Feinstaub ausgehen. Im Interview erklärt der Lungenspezialist, was die Partikel anrichten und worauf sich seine Einschätzung stützt.

Stuttgart - Professor Kohlhäufl, ist rund um das Thema Feinstaub eine neue Hysterie ausgebrochen?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ganz klar definiert, dass von Feinstaub eine Gefahr für die Gesundheit ausgeht. Aktuelle Studien belegen das. Man muss allerdings die Datenlage weiter verbessern.
Früher war entlang der Straßen alles schwarz. War die Luft­verschmutzung in den 1970er Jahren nicht größer als heute?
Das, was man als Schmutz in der Luft sieht, ist Ruß. Ruß besteht aber aus sehr großen Partikeln und wird in der Nase oder im ­Rachen abgefangen. Alles, was aus kleineren Partikeln besteht, ist das Unsichtbare, ­Gefährliche.
Was ist Feinstaub?
Er setzt sich aus Partikel unterschiedlicher Größe zusammen. Sichtbare Rußpartikel sind größer als zehn Mikro­meter, die gefährlicheren sind kleiner als zehn Mikro­meter. Ein Mikrometer entspricht einem Tausendstelmillimeter. Diese Partikel dringen bis in die Lunge ein. Par­tikel unter zwei bis drei Mikrometer erreichen den Teil der Lunge, der für die Sauerstoffaufnahme zuständig ist. Die ­ultrafeinsten Partikel, also die unter 0,1 Mikrometer, können sehr tief eindringen. Sie werden von Abwehrzellen schlechter aufgenommen und bleiben deshalb länger in der Lunge.
Sammeln sie sich dort an?
Wir atmen 10 000 bis 20 000 Liter Luft täglich ein und aus. Würde man die Lunge ­auseinanderfalten, hätte sie eine Fläche so groß wie ein Tennisplatz, 120 Quadratmeter. Die Natur hat also eine große Austausch­fläche geschaffen. Und: Die Lunge hat optimale Filtermechanismen: Die Nase filtert zuerst größere Partikel über zehn Mikrometer, beispielsweise sichtbare Rußpartikel. Flimmerhärchen fangen mit dem Sekret aus den Bronchien Partikel ab und transportieren sie wieder aus der Lunge heraus. ­Abwehrzellen in der Lunge unterstützen uns zusätzlich.
Das klingt nach dem perfekten Selbst­reinigungseffekt!
Dank der Evolution haben wir tatsächlich gute Voraussetzungen, eindringende Partikel wieder abzubauen. Aber die Evolution hat uns nicht darauf vorbereitet, die sehr kleinen Partikel mit der gleichen Effektivität zu beseitigen. Diese schaffen es sogar bis in die Blutgefäße. In den Atemwegen können sie Entzündungen und Lungenkrankheiten bis hin zum Lungenkrebs auslösen.
Ist Feinstaub giftig?
Der Feinstaub ist ein Kohlenstoffkern, an den sich Schadstoffe anlagern können: ­Sulfate, Nitrite, Gase, Metalle, Pollen, ­Bakterien. Feinstaub besteht zu einem Teil aus Verbrennungsprodukten wie Kfz-Emissionen sowie aus Industrie und privaten Haushalten. Diese gelten als toxisch. Der andere Teil ist aufgewirbelter Staub, Reifen- oder Bremsabrieb. Die Forscher müssen noch untersuchen, ob und wie sich die Stoffe gegenseitig verstärken und wie sich Gemische auf die Gesundheit auswirken. Wir wissen zum Beispiel, dass Pollen plus Feinstaub bei Asthmapatienten mehr Beschwerden verursachen als Pollen allein. Auch Ozon und Feinstaub haben eine Wechselwirkung, die bei empfindlichen Personen stärkere ­Reaktionen hervorrufen kann.
Ist die schädliche Wirkung von Feinstaub ­wissenschaftlich belegt?
Ja. Zum Beispiel durch die Sapaldia-Studie in der Schweiz mit über 7000 Teilnehmern und durch das laufende Escape-Projekt der EU, das Gesundheitsdaten von Teilnehmern aus über 30 laufenden Studien in Europa sammelt. Beide Studien belegen den Zusammenhang zwischen Feinstaub und der Beeinträchtigung der Atemwege. Die Escape-Studie hat auch nachgewiesen, dass hohe Luftverschmutzung am Wohnort das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen kann. Sie ist öffentlich unter www.escapeproject.eu ­zugänglich.
Sterben wir also alle früher?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2013 eine Schätzung publiziert, wonach der Einfluss von Luftschadstoffen die mittlere Lebenserwartung in Europa um bis zu neun Monate reduzieren könnte. Der Zustand vorbelasteter Personen kann sich also durch Feinstaub verschlechtern.
Was hilft diesen Patienten?
Es ist sinnvoll, wenn – wie bei der Pollenvorhersage – vor einer höheren Feinstaubbelastung gewarnt wird. Dann können Lungenpatienten ihre Aktivitäten entsprechend steuern. Wie beim Ozon haben wir Stoßzeiten, am Nachmittag und frühen Abend. Eine Empfehlung würde heißen, Ausdauersport nicht zu dieser Tageszeit und nicht an Hauptverkehrsadern auszuüben. Menschen mit Lungen- und Kreislauferkrankungen sollten Orte mit starker Belastung meiden.
Hilft das Fahrverbot wirklich?
Die Stadt erhebt Daten, und man muss im weiteren Verlauf prüfen, wie die Maßnahmen die Situation beeinflussen. Schon eine Verringerung des Feinstaubs um zehn Mikrometer, also zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, hilft. Beides ist wichtig: die Akutbelastung zu senken, aber auch die durchschnittliche Dauerbelastung.
Lässt sich nachweisen, ob eine Lungenerkrankung durch Feinstaub verursacht wurde?
Das ist unmöglich. Nur große epidemiologische Studien mit Abertausenden Menschen mit Lungenerkrankungen, die einer Dauerbelastung mit Feinstaub ausgesetzt sind – oder aber nicht –, könnten das leisten. Sicher aber ist: Die Dauerbelastung schädigt die Atemwege.
Und wie geht es Kindern in verkehrsreichen Städten?
Säuglinge halten sich die meiste Zeit drinnen auf. Die größte Gefahr dort ist der Tabakrauch. Um an die Feinstaubkonzentration einer einzigen Zigarette zu kommen, müssen Sie einen Dieselmotor 1,5 Stunden laufen lassen. Tabak ist nach wie vor der gefährlichste Feinstaubproduzent in Innenräumen. Passivrauch führt bei Kindern zu Asthma, bei Asthma zu einer Verschlechterung. Kinder rauchender Eltern haben häufiger Atemwegserkrankungen und Mittelohrentzündungen. Deshalb muss man ganz klar sagen: kein Rauchen in Innenräumen.

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