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Evolution Der Mensch ist eine Baustelle

Jörg Zittlau, vom 24.07.2011 09:02 Uhr
 Foto: dpa-Zentralbild
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Mainz - Neue Schlagadern, andere Fingerabdrücke, weniger Knochen. Der Homo sapiens heute sieht ganz anders aus als noch vor 10000 Jahren, denn er durchlebt derzeit eine Evolution im Schnelldurchlauf. Und möglicherweise sieht er künftig sogar aus wie E.T.

Was würden Steinzeit- und Gegenwartsmenschen sagen, wenn sie sich heute begegnen würden? Vermutlich würden sie staunen und kaum glauben können, dass sie der gleichen Spezies angehören. Allein schon ihre unterschiedliche Kopfform: Unsere Vorfahren hatten noch kräftige Kiefer, weil deren Wachstum durch langes und kräftiges Kauen angeregt wurde. Als dann jedoch die Nahrung immer mehr zerkleinert und zerkocht wurde, fielen die mechanischen Reize aus, der Kiefer schrumpfte, und für die Zähne wurde es eng. Weswegen im heutigen Fast-Food-Zeitalter immer mehr Menschen eine Zahnspange brauchen, um ihr Gebiss auf Reihe zu trimmen.

Das Verkümmern des Kauapparats erfolgte in den letzten fünf bis zehn Jahrtausenden. Das klingt lang, ist aber eher kurz. Denn in evolutionärem Zusammenhang wird normalerweise in Jahrmillionen gerechnet, doch offenbar wirkt die Zivilisation wie ein Evolutionsbooster. Heftige Veränderungen der Umwelt - und dazu zählt die Zivilisation - erfordern von den Lebewesen eine beschleunigte Anpassung, wenn sie überleben wollen.

Milch können wir noch nicht lange vertragen

Einige dieser Anpassungen würden wieder verschwinden, wenn wir zur steinzeitlichen Lebensweise zurückkehren würden. Andere sind stabil. So konnten die Menschen beispielsweise bis vor etwa 7000 Jahren keinen Milchzucker verdauen. "Sie konnten zwar Rindfleisch essen, aber keine Kuhmilch trinken", erklärt Paläogenetiker Joachim Burger von der Universität Mainz. Doch dann entwickelte sich in Europa die Landwirtschaft, deren Anpassungsdruck groß genug war, dass sich beim Menschen ein Gendefekt durchsetzte, mit deren Hilfe er fortan Milch verdauen konnte. Weswegen die meisten Europäer und europäischstämmigen Amerikaner keine Probleme mit Milch haben, während in Afrika 80 bis 100 Prozent an Laktoseunverträglichkeit leiden. Völkerwanderungen und Mischungen unter den ethnischen Gruppen könnten hier wohl für eine Quotenverschiebung sorgen, doch insgesamt wird uns die Milchzuckertoleranz aufgrund ihrer genetischen Verankerung erst einmal erhalten bleiben.

Dagegen würde das im Westen grassierende Übergewicht über kurz oder lang verschwinden, wenn sich seine Bewohner wieder mehr bewegen und weniger Kalorien verzehren würden. Anders sieht das jedoch beim Knochengerüst aus.

Christopher Ruff von der School of Medicine in Baltimore hat 100 fossile Beinknochenfunde aus den vergangenen zwei Millionen Jahren der Menschheitsgeschichte geröntgt und dabei herausgefunden, dass ihre Stärke bis zum Ende der Steinzeit, also etwa 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, um 15Prozent abnahm. Doch mit dem Beginn der Zivilisation beschleunigte sich dieser Prozess. "In den letzten 4000 Jahren reduzierte sich die Knochenstärke um 15 Prozent - also um den gleichen Wert, für den vorher fast zwei Millionen Jahre benötigt wurden", erläutert Ruff. Der Mensch ist also im evolutionären Schnelldurchlauf immer graziler geworden, allerdings nur vom Skelett her betrachtet. Denn die dünneren Knochen müssen mehr Fettmasse tragen als früher, und da sind gesundheitliche Probleme programmiert.

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