Ermittlungsakten NSU-Ermittlung begann mit Panne

Von Andreas Förster 

  Foto: dpa-Zentralbild
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Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe soll laut Anklageschrift die Drahtzieherin der Terrorgruppe NSU gewesen sein. Doch in den Ermittlungsakten dazu gibt es viele Ungereimtheiten.

Eisenach - Das gestreifte Sweatshirt mit Kapuze hängt ordentlich auf dem Bügel, daneben eine hellgraue Outdoor-Jacke. In den Fächern der schmalen Einbauschränke liegen Fahrradhelme, Sportsachen, ordentlich gefaltete Shirts und Pullover. Auch der Kühlschrank in dem Wohnmobil ist gut gefüllt: Schwarzwälder Schinken, Curry- und Bockwürste, Ketchup, Fleischsalat, Schnittkäse, Fruchtmilch, Joghurt, Schokolade, ein Päckchen „Du darfst“-Margarine. Die beiden Camper in diesem Wohnmobil hätten noch einige Zeit umherreisen können.

Sind sie aber nicht. Sie sind gestorben in diesem Fahrzeug, am 4. November 2011, kurz nach 12 Uhr. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatten drei Stunden zuvor eine Sparkasse in der thüringischen Kreisstadt Eisenach überfallen und waren danach mit ihrem Wohnmobil in ein ruhiges Neubaugebiet im nahen Stregda gefahren, um die Fahndung abzuwarten. Als gegen 12 Uhr eine Polizeistreife hält und zwei Beamte aussteigen, um das Wohnmobil zu kontrollieren, fallen in dem Fahrzeug im Abstand von einigen Sekunden Schüsse. Dann lodern Flammen aus dem Dach. Es ist das ebenso spektakuläre wie bis heute rätselhafte Ende der rechten Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Mit Böhnhardt und Mundlos sterben zwei fast 14 Jahre lang im Untergrund lebende Neonazis, die neun Migranten und eine Polizistin erschossen und 15 Banken ausgeraubt haben sollen.

Einblick in die umfangreichen Ermittlungsakten

Beate Zschäpe, ihre Gefährtin, hatte am selben Tag die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand gesetzt und war geflohen, bevor sie sich vier Tage später der Polizei stellte. Die Bundesanwaltschaft hat sie jetzt unter anderem wegen Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Die Anklageschrift ist fast 500 Seiten lang. Detailliert werden darin die dem NSU zugeordneten Taten beschrieben. Das Geschehen am 4. November 2011 in Stregda bleibt aber weitgehend ausgespart.

In den umfangreichen Ermittlungsakten dazu, in die unsere Zeitung Einblick nehmen konnte, sind auf unzähligen Fotos Beweisstücke aus dem Wohnmobil dokumentiert. Die Tatortexperten haben darüber hinaus Übersichtsaufnahmen vom Inneren des durch den Brand stark beschädigten Fahrzeugs erstellt. Sie entstanden, nachdem das Feuer gelöscht und das Wohnmobil in eine Halle in Eisenach abtransportiert worden war. Dort erst wurden auch die Leichen geborgen.

Die Fotos zeigen viele, darunter auch bislang unbekannte Details, die Auskunft geben können über die letzten Tage der beiden Terroristen. Auffällig ist zunächst das Alltägliche, Banale, das sich in den geborgenen Gegenständen dokumentiert. Der volle Kühlschrank, die aufgeräumten Ablagefächer, die wenig abgetragenen Kleidungsstücke, Markenware zumeist, von Tom Tailor, Camp David und Denim. In einem Wäschekorb liegen Computerspiele, wie sie viele junge Leute spielen, „Command & Conquer“, Civilization IV“. Daneben selbstgebrannte DVDs mit Spielfilmen und TV-Serien: Actionstreifen wie „Bunraku“ und „Ironclad“, Thriller wie „The Tourist“ und „Source Code“, in denen es um wechselnde Identitäten und ein Leben auf der Flucht geht, eine Staffel der US-Comedyserie „Big Bang Theory“. Zum Spielen einen Schachcomputer und mehrere Sammelkartensätze eines Fantasyspiels.

Musik-CDs mit den Hits der 80er und 90er

Im Fahrerhaus fand die Spurensicherung Kinderspielzeug: ein Plüschbär, eine Plastikpuppe, eine Wasserspritzpistole. Als Böhnhardt am 25. Oktober 2011 das Wohnmobil im vogtländischen Schreiersgrün abholte, waren auch eine Frau und ein Kind dabei. Beate Zschäpe soll die Frau gewesen sein, wer das Kind war, das zu ihr Mama gesagt haben soll, weiß man bis heute nicht.

Im Ablagefach des Fahrerhauses lagen auch zwei selbst gebrannte Musik-CDs. Kein Nazi-Rock ist darauf, sondern eine Platte der finnischen Band Nightwish, die schwülstigen Metal-Rock spielt, und eine Zusammenstellung von Pop- und Rocksongs der 80er und 90er Jahre.

Die Übersichtsaufnahmen vom Inneren des Wohnmobils zeigen viel Brandschutt, der von der durchgeschmorten Wand- und Deckenverkleidung und den Plexiglasfenstern auf Möbel und Fahrzeugboden gefallen ist. Die Einbauschränke, Betten und Sitze sind zwar völlig verrußt, ihr Inhalt aber nicht verbrannt. Selbst in den Ablagefächern über der Sitzecke sind die in Wäschekörben aus Plastik verstauten Gegenstände weitgehend unbeschädigt geblieben.

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