Elternzeit Weltreise in Windeln

Alexandra Frank, 09.11.2012 05:00 Uhr

„Ihr wollt was?“, fragt Freund B. entgeistert, „eine Weltreise machen? Mit den Kindern? Ist das nicht viel zu gefährlich?“ Nun heißt es sachlich bleiben. Denn wer mit Kleinkindern verreist und nicht gerade, sagen wir mal, an die Ostsee, in den Harz oder die Eifel fährt, der bekommt eines ganz gewiss: Ratschläge und Kommentare. Gerade dann, wenn man etwas länger wegfährt und das Reiseziel nicht gerade um die Ecke liegt. „Wenn ihr meint, das verantworten zu können“, sagen Verwandte. „Und die langen Flüge?“, fragt ein Bekannter.

Eine Familie kann bis zu 1800 Euro bekommen

„Dafür ist das Elterngeld ja nicht gerade gedacht“, murrt ein Kollege. Doch. Genau dafür. Um als Familie gemeinsam Zeit zu verbringen. Um dem Alltagsstress zu entfliehen und ganz füreinander da zu sein. Um gemeinsam zu erleben, wie das Baby seine ersten Schritte macht. Und um zu sehen, wie das größere Kind die Welt entdeckt, bevor es in die Schule kommt. Um außerhalb der Schulferien zu verreisen und nicht die überteuerten Preise der Hochsaison zahlen zu müssen. Sicherlich macht das Elterngeld, das der Staat jeder Familie nach Geburt eines Babys zahlt, die Sache einfacher. Das Elterngeld können Väter und Mütter für maximal 14 Monate in Anspruch nehmen, wenn sie bei der Arbeit eine Pause einlegen, um sich um ihr Kind zu kümmern. Wie sie die Elternzeit aufteilen, ist ihnen überlassen. Hauptsache, ein Elternteil nimmt sie mindestens zwei und höchstens zwölf Monate wahr. Wie viel Geld eine Familie bekommt, hängt vom monatlichen Gehalt vor der Geburt des Kindes ab. Wer vorher nur wenig oder kein Geld verdient hat, bekommt zumindest 300 Euro, Gutverdiener können den Höchstsatz von 1800 Euro erreichen. Logisch, das füllt die Familienkasse.

Egal ob man von dem Geld einen Kaffee to go auf einem Münchner Spielplatz oder einen Matetee in einem Park in Buenos Aires bezahlt; es in Windeln aus einem deutschen Drogeriemarkt oder aus einer austra­lischen Shopping Mall investiert; eine Hütte im Hunsrück oder eine Hazienda in Honduras mietet. Die Elternzeit schenkt Eltern Zeit. Zeit mit ihren Kindern. Und ja, Zeit, um sich einen Traum zu verwirklichen - etwa eine lange Reise mit Kindern. Natürlich bedarf eine große Tour mit kleinen Kindern viel Vorbereitung. Am besten klärt man schon Monate vor der Reise mit dem Kinderarzt, welche Impfungen nötig sind und wie er die Reisepläne einschätzt. Eine Reisekrankenversicherung für die ganze Familie ist ein Muss, außerdem gehört eine Reise­apotheke mit den wichtigsten Medikamenten ins Gepäck. Vom Urlaub in den Tropen raten Ärzte jungen Eltern eher ab, bei anderen Zielen muss man sich informieren und mitunter auf sein Bauchgefühl hören. Also nur in Länder fahren, die man für gesundheitlich unbedenklich hält. In einem Tempo reisen, das den Kindern angepasst ist. Und mit Verkehrsmitteln, die die eigenen Nerven schonen.

Auch schon beim Packen heißt es: nicht die Nerven verlieren

Eine Tour von Stuttgart an die Ostsee mit dem Auto kann für manche Kinder, die sich im Wagen alle zehn Minuten wegen Reiseübelkeit übergeben, anstrengender sein als ein Nachtflug. Ein Urlaub durch drei südamerikanische Länder stressfreier, wenn man sich genug Zeit nimmt und Pausen zulässt, als eine Zwei-Wochen-Tour durch Bayern, bei der man jede Nacht die Unterkunft wechselt. Meist sind die Kinder entspannt, wenn es die Eltern sind - und umgekehrt. Wer kinderlos am liebsten im All-inclusive-Club geurlaubt hat, kann dies auch mit dem Nachwuchs tun. Aber auch Reisende, die am liebsten mit dem Rucksack unterwegs sind, müssen ihren Traum von einer Fernreise nicht begraben, wenn ein Kind geboren wird. Es gibt in den meisten Ländern kostengünstige Übernachtungsmöglichkeiten, die auch die Bedürfnisse von Kindern berücksichtigen. Etwa Jugendherbergen, die mit Babybetten und Hochstühlen ausgestattet sind, oder Campingplätze, die Spielplätze und Kinderswimmingpools haben. Wer mit dem Flugzeug reist, sollte bei der Buchung ein sogenanntes Bassinet vorbestellen, ein Bettchen für Babys, das an die Trennwand zwischen Business- und Economy-Class gehängt wird. Nachtflüge kommen dem Schlafrhythmus von Kindern entgegen. Mehrtägige Zwischenstopps bei Fernreisen, etwa nach Australien oder Neuseeland, teilen 26-stündige Flugmarathons in zwei angenehmere 13-Stunden-Nachtetappen auf. Auch schon beim Packen heißt es: nicht die Nerven verlieren. Breigläschen, Windeln und Waschmaschinen gibt es nicht nur in Deutschland. Luftballons und Seifenblasen ersetzen sperriges Spielzeug.

Und spezielle Reisebettchen ohne Stangen passen in Täschchen mit 30 Zentimeter Durchmesser. Wer mit leichtem Gepäck reist, hat die Hände frei, um einen Buggy zu schieben oder ein Kind an der Hand zu halten. Und man hat noch Platz für das eine oder andere Mitbringsel. Als Erinnerung an eine ganz besondere Reise. Oder als Dankeschön für die Lieben daheim - für die ganzen Ratschläge und Kommentare.

Elternzeit auf Achse
Auf der Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gibt es unter dem Stichwort „Elterngeld“ aktuelle Hinweise unter
www.bmfsfj.de/familie.html .

Tipps aus gesundheitlicher Sicht zum Thema Reisen mit Kindern: www.gesundes-reisen.de (bei dem Menüpunkt „Reiseinformationen“ das Stichwort „Reisen mit Kindern“ eingeben).

Buchtipp: Inka Schmeling, „Abenteuer Elternzeit: Ein Ratgeber über das Reisen mit Baby und Kleinkind“, Beltz-Verlag, 14,95 Euro.

 
 
Kommentare (0)
  • Kommentar schreiben
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.