Einzelhandel Wie stark schaden Milaneo und Gerber der City?

Von Martin Haar 

Wie groß ist der Umsatzverlust bei den Händlern in der City, wenn im Herbst 2014 die beiden Einkaufscenter Milaneo und Gerber an den Start gehen? Dazu gibt es drei Gutachten, zwei Meinungen und jede Menge Streit.

Stuttgart - Wie groß ist der Umsatzverlust bei den Händlern in der City, wenn im Herbst 2014 die beiden Einkaufscenter Milaneo und Gerber an den Start gehen? Dazu gibt es drei Gutachten, zwei Meinungen und jede Menge Streit.

Es sind die Vorboten eines verschärften Wettbewerbs. Die beiden neuen Einkaufszentren Gerber und Milaneo überbieten sich derzeit mit Erfolgsmeldungen. Vor allem beim voraussichtlichen Eröffnungstermin. In diesem Punkt hat das Milaneo kräftig aufgeholt. Ursprünglich wollte das Center an der Ecke Heilbronner/Wolframstraße im Frühjahr 2015 aufmachen. Jetzt ist der Herbst 2014 anvisiert. Also der Zeitpunkt, an dem auch das Gerber an der Paulinenbrücke an den Start gehen will.

Heinz Reinboth, Kenner des Stuttgarter Einzelhandels und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Königstraße, ringt dieses Wettrennen ein Schmunzeln ab. „Derjenige, der früher eröffnet, hat keinen echten Marktvorteil“, sagt er, „die wollen halt im Gespräch bleiben.“

Das Überleben des städtischen Einzelhandels

Dabei hätten die Projektentwickler beider Shopping-Malls das gar nicht nötig. Weder die ECE aus Hamburg (Milaneo) noch die Phoenix (Gerber). Denn je näher der Eröffnungstermin rückt, desto heftiger werden die Diskussionen geführt. Es geht um das Überleben des städtischen Einzelhandels, aber auch die trüben Aussichten für die Stadtteile. Reinboth nennt es einen „Skandal, wie die Schuster-Clique seinerzeit beide Projekte im Gemeinderat durchgeboxt hat“. Und das, obwohl man bereits 2008 verlässliche Fakten über ein gesundes Wachstum des Einzelhandels gehabt habe. Im sogenannten Acocella-Gutachten wurde der mittelfristige Bedarf in der Stadt mit 230 000 m² Verkaufsfläche im Stadtbezirk Mitte angegeben. „Es wurde daher dringend davon abgeraten, neue Verkaufsflächen zu schaffen. Auch ein zweites Gutachten der Firma Prognos kam zu dieser Einschätzung“, sagt Reinboth, „erst ein drittes Gutachten im Auftrag der Wirtschaftsförderung kam zu anderen Ergebnissen.“

Gutachten eins und zwei seien von zwölf Prozent Umsatzeinbußen für Innenstadthändler ausgegangen. Und von 50 Prozent Rückgängen in Feuerbach und Zuffenhausen, sobald die Center am Markt sind. Gutachten Nummer drei habe jedoch allen Zweiflern widersprochen, so Reinboth: „Das Lademann-Gutachten kam für die Königstraße nur zu einem Umsatzrückgang von fünf Prozent.“ Reinboth nennt es daher ein „Gefälligkeitsgutachten“.

„Dagegen verwahre ich mich“, sagt Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht empört. Im Übrigen versteht Aufrecht die ganze Aufregung nicht: „Eine moderne Stadt lebt auch von modernen Einkaufswelten, die heutige Generation hat ganz andere Ansprüche.“

„Nicht jeder wird diesen Strukturwandel an seinem Standort überleben.“

Ins gleiche Horn stößt Uwe Seidel, Geschäftsführender Gesellschafter von der Unternehmens- und Kommunalberatungs- GmbH Lademann und Partner: „Der Vorwurf des Gefälligkeitsgutachtens ist völliger Quatsch. Davon distanzieren wir uns. Zudem haben wir immer gesagt, dass flankierende Maßnahmen nötig sind, um die Center an die Innenstadt anzubinden. Dies haben wir der Kommunalpolitik auch als Hausaufgabe so mitgegeben.“ Seidel ist davon überzeugt, dass Gerber und Milaneo die City weiterbringen werden. „Mir ist da nicht bange“, sagt er, „der kommende Anpassungsdruck wird eher zu weiteren Investitionen und Entwicklungen führen.“ Unterm Strich also zu mehr Qualität für den Kunden.

Reinboth mag das nicht so stehen lassen. Und er befindet sich damit in guter Gesellschaft. Auch City-Manager Hans H. Pfeifer thematisierte die Auswirkungen der beiden Center auf den innerstädtischen Handel erst neulich auf der Mitgliederversammlung der City-Initiative Stuttgart (Cis) und nannte es einen „kommunalpolitischen Sündenfall“. Pfeifer: „Bis zum Herbst 2014 entstehen 90 000 m² zusätzliche Verkaufsfläche. Das sind 25 Prozent mehr als heute. Dafür wären etwa 300 Millionen Euro zusätzliche Kaufkraft nötig, um einen wirtschaftlichen Betrieb der dann 450 000 m² Verkaufsfläche zu gewährleisten.“ Angesichts dieser Fakten appelliert der City-Manager immer wieder an den Solidaritätsgedanken der Händler. Dieser sei existenziell: „Nicht jeder wird diesen Strukturwandel an seinem Standort überleben.“

Besseres Leitsystem gefordert

Pfeifer und Reinboth fordern daher Unterstützung von der Stadt. Eines der wichtigsten Instrumente, um den City-Handel zu stärken, ist aus Sicht beider Experten die Verbesserung des Fußgängerleitsystems. „Wenn ein Tourist aus der Klett-Passage kommt, findet er nicht einmal einen Hinweis zur Oper, geschweige denn zu einer Einkaufsmöglichkeit“ , kritisiert Reinboth.

Pfeifer geht noch weiter. Er hat einen „Wunschkatalog“ aufgestellt. Neben einem Fußgängerleitsystem fordert der City-Manager die Sanierung der oberen Kronprinzstraße sowie der Eberhardstraße bis zur Torstraße und der Kleinen Königstraße. Gewünscht ist auch der Ausbau des Verkehrsleitsystems inklusive des Parkhausleitsystems. Schließlich will er mehr Personal für das Ordnungsamt, um die Sicherheit und Sauberkeit in der Stadt zu erhöhen. Damit rennen beide bei Ines Aufrecht offene Türen ein: „Was das Fußgängerleitsystem betrifft, bin ich voll bei den beiden Herren, aber ich gehe noch weiter: Wir müssen auch die Plätze und Wege von den Centern zur Königstraße attraktiv gestalten.“

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