Ihr Vertrauen in die Justiz ist überschaubar.
Schauen Sie doch mal , was in Österreich los war. Dort ist inzwischen das Doping-Kontrollsystem effektiver als hier. Da wurden die Doping-Fälle einer nach dem anderen sauber aufgearbeitet – vor Gericht. In Deutschland besteht doch gar kein Interesse daran.
Das ist starker Tobak.
Das ist vielfache Erfahrung. Hier geschehen Dinge, die können Sie im Kabarett nicht besser erfinden. Im deutschen Sport bestimmt das Gesetz nicht der Innen- oder Justizminister, sondern Thomas Bach. Was der sagt, wird gemacht. Siehe das jüngste Doping-Nichtgesetz.
Haben Sie noch mehr Beispiele?
Spontan fällt mir das Buch von Stefan Matschiner ein . . .
. . . dem österreichischen Doping-Dealer.
Der schreibt, dass bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney ein deutscher Minister die Doping-Präparate für die Radsportler transportiert habe.
Das ist schwer zu beweisen.
Das mag sein. Aber ermitteln müsste man ja wohl. Ist diesem Vorwurf in Deutschland jemals einer nachgegangen?
Nicht, dass wir wüssten.
Sehen Sie! Die Wahrheit interessiert als Letztes.
Immerhin wird vom Bundesinstitut für Sport die Doping-Vergangenheit aus den 70er und 80er Jahren in der Bundesrepublik jetzt aufgearbeitet.
(Lächelt). Da kann doch nichts Großartiges rauskommen. Die arbeiten nur die offiziellen Akten durch, die in den Verbänden und Behörden zuvor längst gesäubert wurden.
Immer klarer wird aber, dass die meisten Top-Funktionäre im Sport über die Doping-Praktiken auch im Westen Bescheid wussten. Auch der damalige NOK-Chef Willi Daume.
Den Namen dürfen Sie bei mir überhaupt nicht erwähnen. Er war Teil eines Kartells, das Doping gefördert und geduldet hat. Die wollten Medaillen, Nebenwirkungen von Doping-Präparaten waren völlig uninteressant. Da wurden 13-, 14-jährige Mädchen mit androgenen Steroiden gedopt, das muss man sich mal vorstellen. Das können Sie auch im Buch meiner Frau nachlesen. (Anm. d. Red.: Brigitte Berendonk: „Doping – Von der Forschung zum Betrug“. Rowohlt. 1992).
Und das Bundesinnenministerium als oberster Förderer des Sports hat das geduldet?
Auf jeden Fall.
Und die Sportmediziner?
Die trauten sich ja nicht, da mal was zu sagen. Außerdem war ihr Wissensstand zu den möglichen schädlichen Folgen von Doping zu dieser Zeit noch lächerlich niedrig.
Wer dopt, riskiert seine Gesundheit und hintergeht die Fair-Play-Regeln des Sports. Trotzdem stellen Athleten das Doping-Kontrollsystem infrage. Die Meldepflicht empfinden viele als zu großen Eingriff in die Privatsphäre.
Das ist lächerlich. Die wollen nur in Ruhe ihr Andriol weiter schlucken. Das wird abends genommen und ist schon am nächsten Vormittag nicht mehr nachweisbar.
Was denken Sie, wenn Sie Usain Bolt laufen sehen?
(Lacht.) Hören Sie auf! Über Jamaika rede ich nicht. Das ist doch eine total verkiffte Insel. Doping-Kontrollen auf Jamaika – eine Rasta-Fahndung. Sehr lustig!
Bolt wurde bislang nicht erwischt.
Ja, aber einige seiner Teamkollegen und Staffelkameraden. Außerdem: Die Sprinter nehmen heute auch Epo-ähnliche Medikamente. Damit können sie mehr in eine Trainingseinheit packen, weil sie sich schneller erholen.
Glauben Sie den Protagonisten des Fußballs, die behaupten, Doping in dieser Sportart bringe nichts?
Es gab ja schon genügend positive Fälle. Beim Konföderationen-Cup 2005 in Deutschland mussten plötzlich zwei Mexikaner abreisen, weil sie positiv auf anabole Steroide getestet worden waren. Der Fußball ist so durchkommerzialisiert, da darf es einfach kein Doping-Problem geben. Da halten alle zusammen.
Sie haben jüngst für Aufsehen gesorgt, als Sie den plötzlichen Herztod bei Sportlern in Zusammenhang mit Doping gebracht haben.
Das Phänomen des plötzlichen Herztods lässt sich heute über die DNA prognostizieren. Betroffen sind Menschen mit einer ganz bestimmten genetischen Konstellation. Wenn so jemand gleichzeitig noch zu Dopingzwecken ein herzvergrößerndes Medikament bekommt, ist der Teufel los. Die Schäden von Doping mit anabolen Steroiden zeigen sich natürlich oft erst später. Der Todesfall von Kugelstoßer Ralf Reichenbach ist so ein Beispiel oder der plötzliche Tod von Christel Justen, der Schwimmerin aus Schwäbisch Hall. Bei den beiden – wie auch bei vielen anderen – kennt man ja die Doping-Geschichte aus ihren eigenen Aussagen recht gut.
Vermutet wurden die Zusammenhänge schon immer. Warum weiß man jetzt erst mehr?
Weil die deutsche Herzpathologie so erbärmlich schlecht ist. Ich erstelle zurzeit ein Gutachten für den ehemaligen DDR-Kugelstoßer Gerd Jacobs. Der erste belegte Fall mit beiden Schadensmöglichkeiten: Eine Mutation im Gen für das Zellverbindungseiweiß Desmoglein 2 plus Einnahme hoher Dosiermengen des DDR-Dopingmittels Oral-Turinabol. Ihm konnte vor Jahren gerade noch ein neues Herz eingesetzt werden.
Müsste sich nicht jeder Hochleistungssportler grundsätzlich dem DNA-Test unterziehen, um das Risiko des plötzlichen Herztods zu minimieren?
So ist es. Das wäre eine große Tat. Es kümmert sich aber niemand drum, obwohl es in den USA eine Firma gibt, die sehr preiswert solche Tests durchführt.
Die Sportler haben Angst vor den Folgen. Es könnte das Karriereende bedeuten.
Die Angst ist unbegründet. Man pflanzt Sensoren unter die Haut, die an Defibrillatoren gekoppelt sind. Damit kann man sogar Hochleistungssport treiben.
Herr Franke, nach allem, was wir von Ihnen gehört haben: Stellen Sie den Hochleistungssport grundsätzlich infrage?
Nein. Es ist ja in Ordnung, wenn junge Menschen gern sprinten, springen, schwimmen oder ringen. Aber die Jugend muss den Zweifel lernen und denen da oben sagen können: Nein, da mache ich nicht mit. Es ist doch keiner ein besserer Mensch, nur weil er schneller als andere laufen kann.
Dann müssen Sie ein ernstes Problem mit der strikt auf Hochleistung getrimmten deutschen Sportförderung haben.
Und ob ich das habe. Sie ist faktisch wie ethisch überhaupt nur zu vertreten, wenn zwei Dinge klar sind: Es muss gesichert sein, dass Spitzensportler im normalen Berufsleben keine besonderen Nachteile erleiden. Wer beispielsweise studiert, braucht wirksame Unterstützung durch sein Umfeld und den Sportfachverband. Und der Athlet selbst sollte innerlich eine gewisse Distanz zu den Strukturen im Sport bewahren. Er muss immer auf zwei Beinen stehen: berufliche Ausbildung und Leistungssport: das geht!
Im Sport wird gut verdient. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen.
Im Fußball stopfen sich die Profis die Taschen voll. Im Radsport wird auch sehr gut verdient. In den meisten anderen Sportarten werden nur einige wenige reich, wenn überhaupt welche. Vernunft und Ethik erlauben diesen Sport schon, man muss es aber wollen.