Die Schau „Lesbisch – jüdisch – schwul“ Dunkle Schatten bis in die Gegenwart

Von bj 

Magnus Hirschfeld und sein Lebensgefährte Tao Li, um 1930 Foto: Hirschfeld-Gesellschaft
Magnus Hirschfeld und sein Lebensgefährte Tao Li, um 1930Foto: Hirschfeld-Gesellschaft

24 Kurzbiografien deutscher Frauen und Männer legen aktuell im Zentrum Weissenburg Stuttgart in Wort und Bild Zeugnis ab, mit welcher Verachtung gegenüber dem Leben in der Nazizeit Menschen mit homoerotischer Orientierung und jüdischen Wurzeln aus der Gesellschaft ausgestoßen und entfernt wurden.

Stuttgart - Ins Exil gegangen, im Untergrund gelebt, deportiert und ermordet worden, im Ausland Selbsttötung begangen, aber dort aber auch überlebt: 24 Kurzbiografien deutscher Frauen und Männer legen aktuell im Zentrum Weissenburg Stuttgart in Wort und Bild Zeugnis ab, mit welcher Verachtung gegenüber dem Leben in der Nazizeit Menschen mit homoerotischer Orientierung und jüdischen Wurzeln aus der Gesellschaft ausgestoßen und entfernt wurden.

Die Ausstellung „Lesbisch-jüdisch-schwul“ reicht mit ihren Fragen bis in die Gegenwart. Wird doch derzeit das Thema „Akzeptanz sexueller Vielfalt im Bildungsplan der Schulen“ kontrovers diskutiert.

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“: Mit ­diesem Filmtitel initiierte Rosa von Praunheim 1971 eine neue Homosexuellenbewegung in der Bundesrepublik. Von Praunheim bezog sich dabei auf eine frühe Emanzipationswelle, die schon im zu Ende gehenden Kaiserreich begann. Der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868-1935) leistete 1896 in seiner ersten sexologischen Veröffentlichung „Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?“ seinen wichtigsten Beitrag zur Lehre von den sexuellen Zwischenstufen. Eine Kurzbiografie in der Ausstellung „Lesbisch-jüdisch-schwul“, die als Beitrag zum Berliner Themenjahr 2013 „Zerstörte Vielfalt“ nach ihrer Station im Berliner Schwulenmuseum auch auf Initiative des Stadtmuseums Stuttgart jetzt Station in der Weissenburg macht, informiert über Hirschfeld. In seiner Familie – sein Vater war Medizinalrat – verstand man sich als „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“.

Hirschfeld wurde zum Parade-Hassobjekt der Nazis. Er wurde misshandelt, seine Bibliothek am 10. Mai 1933 bei der Bücherverbrennung am Berliner Opernplatz ­vernichtet. In Magnus Hirschfelds „Wissenschaftlich – humanitären Komitee“ engagierten sich auch Felix Abraham (1901-1938), Mediziner und Fritz Flato (1895-1949), Jurist. Ziel des Komitees war die Abschaffung des Paragraphen 175 (Unzucht unter Männern). Eine aufgeklärte Bevölkerung sollte dabei helfen. Abraham wie Flato litten schwer daran, dass ihr eigenes Land sie zur Emigration in die Heimatlosigkeit zwang – sie begingen Selbstmord.

„Wieviel Vielfalt halten wir heute aus?“ – diese Frage stellte zur Ausstellungseröffnung Ralf Dose. Dominiere nicht Einfalt statt Vielfalt, wenn sich Bürger über den Bau von Moscheen und Asylbewerberheimen empörten?, so der Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Und sei es nicht mit der Verfolgung schwuler Männer in der Nachkriegszeit nahtlos weiter gegangen? „Manche saßen in der Adenauer-Ära in den gleichen Gefängnissen wie in der Nazizeit“, sagte Dose – und dass die Anerkennung dieses Unrechts noch ausstehe. Auch gebe es bisher in Baden-Württemberg ­keinen Ort des Gedenkens jüdisch-homoerotischer Opfer der Nazizeit.

Geschätzte 90.000 bis 300.000 Homosexuelle sind unter den sechs Millionen ermordeter Juden gewesen. Als Juden und Schwule wurden sie in den Konzentrationslagern doppelt stigmatisiert – zum Davidstern kam ein rosa Winkel.

Die Ausstellung macht neben Männer wie George L. Mosse, Enkel des Zeitungsverlegers Rudolf Mosse, Felice (Rachel) Schragenheim, Journalistin auch mit eher unbekannten Opfern bekannt. Als „einziges noch lebendes Objekt der 24“ war Harry Raymon nach Stuttgart gekommen. Der 1936 mit seinen Eltern in die Emigration getriebene Schauspieler erinnert sich gut an die Stadt, in die er des Gesangsstudiums wegen zurück nach Deutschland kam. Der Muff sei unbeschreiblich gewesen, so Raymon.

An diesem Sonntag liest der jetzt 88-jährige Harry Ramon im Zentrum Weissenburg (Stuttgart, Weißenburgstraße 28a) aus seinem autobiografischen Roman „Einmal Exil und zurück“. Beginn ist um 16 Uhr. Die Ausstellung endet am 15. März (Di bis Fr 19 bis 22, So 15 bis 20 Uhr). ­Anfragen zu Führungen durch die Schau: vorstand@zentrum-weissenburg.de

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