Die Fantastischen Vier Aus den Jungs wurden Familienväter

Von Steffen Rüth 

Dürfen Männer über 40 noch rappen? Braucht die Welt wirklich ein neues Album der Fantastischen Vier, deren Karriere vor einem Vierteljahrhundert begann? Ja und ja. Und das neue Album „Rekord“ kann es beweisen.

Berlin - „Ich finde es ja sehr erstaunlich, mit 46 noch Rapper zu sein“, sagt Michi Beck an einem Freitagmorgen in einem Berliner Privatclub und vergleicht die Entstehung eines Albums mit dem Bau eines Hauses. „Beides ist eine seriöse Angelegenheit.“ Und nicht selten geht dabei irgendetwas schief, oder es hakt an Stellen, an denen es nicht hätte haken sollen. „Vor zwei Jahren haben wir angefangen, erste Ideen zu sammeln“, so Beck, „doch es hat wirklich lange gedauert, so in etwa anderthalb Jahre, bis wir wirklich in Fahrt gekommen sind. Wir mussten warten, bis uns etwas einfällt."

Zum ersten lockeren Ideenaustausch für das, was schließlich „Rekord“ und gewohnt großartig werden sollte, trafen sich Smudo (46), Thomas D (45), Beck und And.Ypsilon (46) im Spätsommer 2012, noch bevor ihr zweites, erneut in der Höhle im sauerländischen Balve aufgenommenes Unplugged-Album erschien. Wie so oft, wenn sie konzentriert und zu viert kreativ sein wollen, kamen die Fantas in einer Berghütte in Vorarlberg zusammen, schlossen sich mit reichlich Proviant für eine Woche ein. Die Arbeit jedoch war zäh, das Resultat dürftig. Sie waren noch nicht so weit.

Andererseits wartet die Geschichte auf niemanden, auch nicht auf die Fantastischen Vier. Daher sah man sich einem beträchtlichen, zuvorderst selbst gemachten, Druck ausgesetzt, die Platte 2014, im großen Jubiläumsjahr des 25-jährigen Bestehens, auf den Markt zu bringen.

Anfangs nannten sie sich The Terminal Team

25 Jahre also. Schon Wahnsinn. 1987 kamen die vier in Stuttgart zusammen, anfangs noch als The Terminal Team, zwei Jahre später kam die Umtaufung in Die Fantastischen Vier, und nach einigen Auftritten in Jugendclubs und Kaschemmen gelang schon bald der erste Hit. Und was für einer. Mit „Die da“ lernten die damals frisch wiedereinigten Deutschen, dass sie nicht nur ein Volk der Dichter und Denker, sondern auch eins der Sprechsänger sind. Und so ging das immer weiter. Aus den Jungs wurden Männer und Familienväter, sie blieben in Stuttgart (Andy), zogen in die Eifel (Thomas), nach Hamburg (Smudo) oder Berlin (Michi).

Smudo fuhr Autorennen und machte den Pilotenschein für Kleinmaschinen, Thomas lebt bis heute ein alternatives Landkommunenleben, der eher urban veranlagte Michi startete mit DJ Thomilla das vor kurzem beendete Disco-Nebenprojekt Turntable­rocker. Sie gründeten eine Booking-Agentur und eine Plattenfirma (Four Music), spielten in Höhlen, vor 60 000 Leuten auf dem Cannstatter Wasen oder auch mal wie zuletzt vor 200 Geladenen im Baden-Badener Theater beim SWR-New-Pop-Festival.

Viele ihrer Hits sind im kollektiven Gedächtnis der Menschen verankerte Klassiker – „Sie ist weg“, „Der Picknicker“, „Mfg“, „Tag am Meer“ und so weiter und so fort. Selbst dorthin, wo es einigen wehtun würde, gehen sie gern, Stichwort „The Voice Of Germany“, wo Smudo und Michi in diesem Jahr in der Jury sitzen. Das Unterhaltsame ist natürlich auch wieder eine tragende Säule der 13 „Rekord“-Songs. „Das Spiel ist aus“ zum Beispiel ist eine sehr groovige Funk-Nummer mit absolut absurdem Text übers Altsein.

Smudo: „Meine Lieblingszeile ist ‚Ich habe keine Ahnung, wen du vor dir hast, doch egal, wohin ich komm’, du gibst mir deinen Platz‘.“ „Gegen jede Vernunft“, dieses fast trotzige Plädoyer für ein Leben, das man der Kunst widmet, ist musikalisch ein bisschen von Blur und ihrem „Song 2“ inspiriert, „Lass sehen“ ist ein Disco-Kracher, „Heute“ eine Old-School-Rap-Nummer, und „Single“ behandelt zu poppigen Beats die längst hinfällige Fanta-Fantasie, amourös ungebunden auf die Pirsch zu gehen.

"Es ist eine gewisse Arroganz von uns vier Verheirateten über vereinsamte Menschen zu reden"

Doch noch prägender für dieses sehr vielseitige und bunte Werk ist diese bisweilen leicht ins Philosophische abdriftende Ernsthaftigkeit vieler Songtexte. „Wie geliebt“ denkt über die Einsamkeit nach. „Natürlich ist es eine gewisse Arroganz von uns vier Verheirateten, über vereinsamte Menschen zu reden“, sagt Beck. Auch die Single „Und los“, so mitpfeiftauglich sie mit ihrem ­Refrain „Wir woll‘n ne Revolution / oder die schnelle Million / im Moment fehlt die ­Vision / doch irgendwas findet sich schon“, auch daherkommt, ist inhaltlich eine, so Smudo „Anklage auf die Beliebigkeit von Motivation“ und außerdem eine Abrechnung mit all den Gutmenschen und ihren Attitüden. „Beim Gutsein geht es ganz viel um Selbstprofilierung. Die Leute tun so, als ginge es ihnen um die Sache, um welche Sache auch immer. Doch in Wirklichkeit geht es ihnen nur um sich selbst“, sagt Michi Beck, „Nimm diese dämliche ‚Ice Bucket Challenge‘“, ergänzt Smudo, „das ist genau das, worüber wir uns aufregen.“ Mal abgesehen davon, dass diese Eiswassergeschichte für ihn als leidenschaftlichen Saunagänger eh Pipifax sei.

Um Selbstzweifel und kreativen Frust geht es unter anderem in „Der Mann, den nichts bewegt“. „Auch wir fragen uns, was man den 20-Jährigen erzählen will und ob das überhaupt noch cool ist, was man macht“, so Michi Beck. „Wenn wir nichts mehr bewegen könnten, wäre das wirklich der Moment, an dem wir aufhören würden.“

Doch dazu besteht offensichtlich kein Anlass. „Ich bin sehr froh, dass wir ein Album gemacht haben, auf das wir wirklich stolz sind“, sagt Smudo, „natürlich sind wir auch stolz auf die 25, aber früher ist früher, jetzt ist jetzt. Die Lorbeeren von gestern sind nichts wert. Man muss sich seinen Siegerkranz immer wieder verdienen.“

Für „Rekord“ dürfen sie sich sehr guten Gewissens einen weiteren umhängen.

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Von 29. Juli 2016 - 16:00 Uhr

Manches Sopransolo scheint schlicht nicht bewältigbar, die Orchester-Figuren engmaschig – „The Exterminating Angel“ von Thomas Adès, uraufgeführt bei den Salzburger Festspielen, hat etwas ­unmenschlich Maschinelles.