Deutschland Bayern: Weißblaues Wunderland

Claudia Diemar aus Bad Tölz, 26.12.2012 05:00 Uhr
Wenn es im oberbayerischen Bad Tölz schneit, dann richtig: In den Schneemassen machen sportliche Aktivitäten erst so richtig Spaß.

Bad Tölz - „Ich hatte so viel Schnee in meinem Leben noch nicht gesehen“, schrieb Thomas Mann einst an Ernst Bertram über das wilde Gestöber in Bad Tölz anno 1915. Nichts hat sich geändert. Unaufhörlich schweben die Flocken vom Himmel. Mal sind es winzige Sterne, dann wieder dicke flaumige Batzen von der Größe einer Euromünze. Es schneit und schneit ohne Unterlass. Das Tölzer Land will in den weißen Massen versinken. Es ist sehr still in diesen Wochen, denn das lautlose Gewimmel verschluckt fast alle anderen Geräusche. Autos schleichen im Schneckentempo über glatte Straßen. Die Bänke am Ufer des Kochelsees haben üppige kalte Polster aufgelegt. Und Goethe trägt eine hoch aufragende weiße Mütze. Er blickt als Denkmal auf den Walchensee, den auch König Ludwig II. liebte und Künstler wie Lovis Corinth oder Franz Marc. Der See trägt winterliches Eisgrau mit leicht überzuckertem Schilf an seinen Ufern. Der Walchensee ist ein sagenumwobenes Gewässer.

Perfektes Wetter für Schneeschuhwanderungen

Ein Waller soll in ihm leben, ein riesiger Fisch, der seinen Schweif im Maul trägt. Doch wenn er die Menschen strafen wolle, würde er die Flosse freigeben, das Wasser damit peitschen und das ganze Land bis München überfluten. Jetzt hält der Waller Winterschlaf, das Wasser ist kältestarr, die Bäume tragen schwer an der weißen Last. Das Wetter ist genau richtig für Schneeschuhwanderungen. Leichtfüßig lässt es sich auf dem Tiefschnee stapfen, am besten in breitbeinigem Seemannsgang, damit man nicht über die eigenen Füße stolpert. Wenn man Durst hat, bleibt man einen Moment stehen, legt den Kopf in den Nacken und lässt die dicken Flocken auf der Zunge schmelzen. Ansonsten setzt man Schritt für Schritt im endlosen Gestöber, seltsam beruhigt und zufrieden in diesem Schneetraum, der alles Grelle und Laute erstickt. Robert Brackenhofer ist nicht durch die Schneeschuhe zu Ruhm gekommen, sondern durch den antiquiert-eleganten Telemark-Stil. 1992 war er Weltmeister in dieser Disziplin.

Ein Foto hängt im Strandcafé Bucherer am Seeufer, wo Brackenhofer heute Wirt ist, gediegene gutbürgerliche Küche serviert, aber vor allem für seine herrlichen selbst gemachten Kuchen berühmt ist. Das oberbayerische Alpenvorland hat einiges an Wintersportprominenz hervor­gebracht. Das Brauneck etwa, der Hausberg von Lenggries, war das Skidorado von An­dreas und Martina Ertl, Annemarie und Hilde Gerg und Florian Eckert. Meistens aber stürzen sich hier keine Weltcup-Größen zu Tal, auch wenn der steile Garlandhang eine echte Herausforderung darstellt. Die anderen Pisten sind harmloser und werden gern als Naherholungsgebiet von Familien genutzt. Damit sich die Liftanlagen lohnen, kommt auch hier der Schnee notfalls aus der Kanone. Und natürlich ist oberbayerisch-deftig fürs leibliche Wohl gesorgt, wenn der Einkehrschwung in die Stuben der Tölzer Hütte, das Milchhäusl oder die Alte Mulistation führt und man sich an örtlichen Spezialitäten wie Kasspatzen labt. Klar, wer hochalpine Skigebiete kennt, wird ob der gut 30 Pistenkilometer am Brauneck milde lächeln. In Sachen Langlauf jedoch ist das Tölzer Land ein echtes Traumrevier. Rund 140 Kilometer gespurte Loipen gibt es. Die mithin schönsten davon liegen in der Jachenau, einem langgestreckten und noch immer urwüchsigen Tal, das damit wirbt, ein Funkloch zu sein.

2008 eröffnete das Franz-Marc-Museum in Kochel am See

Nichts für hektische Handynutzer also, aber idyllisch genug, um den Rest der Welt zu vergessen, während man auf den Loipen dahingleitet. Man will es zwar kaum glauben, aber Patricia Huppertz von Tölzer Land Tourismus merkt an, dass es hier durchaus nicht immer schneit. Ob man sich an „grünen“ Wintertagen hier langweilen könnte? Keinesfalls! Denn die Gegend ist gespickt mit Attraktionen. 2008 eröffnete das Franz-Marc-Museum in Kochel am See: Ein lichtes, modernes Haus, in dem Marcs knallige Pferde über die Leinwände stürmen und der Winter auf den vielen Varianten der „Hocken im Schnee“ zurückkehrt. Durch Glasfronten wird das Landschaftspanorama selbst zum Exponat, durchdringen sich Kunst und Natur. Wenn man keinen Hund vor die Tür schicken will, geht man einfach ins Marionettentheater von Bad Tölz und schaut sich den „Brandner Kaspar“ an. Vorher kann man ja den Schirm aufspannen und ein wenig zwischen herrlichen Lüftl-Malereien flanieren oder im Heimatmuseum alte Bauernschränke und modernes einheimisches Kunsthandwerk bewundern. Oder man fährt zum Kloster Benediktbeuern, ergötzt sich an barocken Fresken, in Ewigkeit strahlenden Goldengeln in der Basilika und vergisst etwaige Unbill wie einen winterlichen Schnürlregen im Klostergasthof bei Schweinsbraten in Dunkelbiersoße.

Überhaupt die kulinarischen Freuden! Neun Gasthöfe haben sich zur Vereinigung der Tafernwirte zusammengeschlossen und verstehen sich als zeitgemäße Sendboten traditioneller bayerischer Wirtshauskultur. Der Name der Vereinigung ist uralt und stammt aus der Zeit, als es einerseits reine Schankwirte gab und andererseits Wirtshäuser, in denen auch getafelt, also gespeist werden durfte. Die heutigen Tafernwirte sind höchst aktiv bei der europaweiten Aktion der „Miniköche“, die Jugendlichen Esskultur vermitteln soll. Und dazu können neben leichter, moderner Küche gut und gern auch frische Weißwürste, Spanferkel, Kaiserschmarren und Knödel in allen Varianten gehören. Spätestens wenn man sich über die Last der Kalorien Sorgen zu machen beginnt, schneit es draußen wieder in dicken Flocken, und es wird Zeit, den Winter aktiv zu genießen. Thomas Manns Tölzer Familienvilla ist leider nur von außen zu besichtigen. Manns weiße Tölzer Tage aber bleiben nicht ohne literarischen Widerhall. Sein Erlebnis inspirierte das berühmte Kapitel des Schneeabenteuers im Zauberberg. Eigentlich war seine Davoser Flocken-Tarantella also nichts anderes als weißblaue Magie aus Oberbayern.

 
 
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