Stuttgart - Tel Aviv Skyline, Strand
Unsere Redakteurin Lisa Welzhofer lebt
und arbeitet derzeit in Tel Aviv und erzählt Geschichten aus Israels Alltag.
 

Christbäume sind unkoscher – oder: Das bewusste Leben

Lisa Welzhofer, 19.12.2012 15:48 Uhr

Tel Aviv - Das Massaker in einer Grundschule in Newton Connecticut ist auch in israelischen Medien ein Riesenthema. Und da ich noch immer sehr weit davon entfernt bin, hebräische Zeitungen lesen zu können, schalte ich den Fernseher an, wo es immer genügend englischsprachige Programme gibt, die einfach nur hebräisch untertitelt werden. Ich stoße auf den stockkonservative amerikanische Sender „Fox“. Gerade sitzen dort drei Journalisten auf einer Couch, blecken ihre gebleichten Zähne und verteidigen den Waffenbesitz für jedermann. Und währenddessen glitzert hinter ihnen eine ganze Weihnachtsdekorationslandschaft in Weiß und Silber. Manchmal kann ein Christbaum schon ziemlich fehl am Platz sein.

Auch in Tel Aviv sind inzwischen ein paar Christbäume aufgetaucht. In einem Geschäft in der Dizengoff-Straße habe ich einen gesehen, wild blinkend, und in der ansonsten sehr puristischen Bar Har Sinai, in der alle Menschen so aussehen wie vom Berliner Prenzlauer Berg oder aus New York Williamsburg – globale Hipsterszene. Aber der Baum ist dort wohl eher ironischer Kommentar als ernst gemeinte Aussage. Und er weist darauf hin, dass es sich bei der Bar auf keinen Fall um eine koschere Angelegenheit handeln kann.

Restaurants und Hotels, die ein vom Rabbinat der Stadt vergebenes Koscher-Zertifikat besitzen, sollten nämlich keinen Weihnachtsschmuck anbringen, wollen sie dieses behalten. Der Oberrabbiner von Tel Aviv hat sich vor ein paar Jahren ausdrücklich dagegen ausgesprochen. Weihnachten ebenso wie Silvester gehören nun mal nicht zu einem Leben nach den Grundregeln des Judentums - und genau jenes bescheinigt ja das Koscher-Zertifikat.

Menschen essen bewusst

„Ich werde oft gefragt, was koscher heißt. Dann frage ich: Was ist bio? Es heißt, dass die Menschen nicht automatisch, sondern bewusst essen. Ungefähr so ist es auch mit dem Koscheren. Es geht darum, bewusst zu leben.“ So hat es Yitzhak Ehrenberg, Rabbiner in Berlin, kürzlich mal erklärt.

Für Restaurants, die ein Koscher-Zertifikat vom Rabbinat der jeweiligen Stadt erhalten möchten, heißt das zum Beispiel, dass sie am Schabbat geschlossen bleiben, und dass sie das jüdische Speisegesetz Kaschrut einhalten müssen. Die Regeln dazu stehen in der Halacha, dem Gesetz des Judentums, und es sind sehr viele. Einige wichtige lauten: Gegessen werden darf nur Fleisch von Wiederkäuern mit gespaltenen Hufen, manche Geflügelarten und Fische mit Schuppen. Meeresfrüchte fallen also ebenso weg wie Schwein oder Kleintiere wie Hasen. Die Tiere werden geschächtet, müssen also beim Schlachten ausbluten. Und ja: Diese Schlachtmethode wird von Tierschützern als Tierquälerei abgelehnt.

Auch bei der Zubereitung des Essens gibt es Regeln: So darf Milchiges nicht mit Fleischigem vermischt werden, Schnitzel in Rahmsoße ist also tabu. Und auch bei der Aufbewahrung und beim Kochen herrscht strickte Trennung bei Geschirr, Töpfen, Kühlschränken. Wer koscher kocht, braucht also doppelte Aussteuer und doppelten Platz.

Immer mehr Lokale warben damit koscher zu sein, ohne ein offizielles Zertifikat vorweisen zu können

Dass in der Küche eines Restaurants oder Hotels alles koscher läuft, überwacht regelmäßig ein so genannter Maschgiach, ein Aufseher im Auftrag des Rabbinats. Und weil der manchem Restaurantbesitzer zu aufdringlich und/oder zu streng ist, regt sich teilweise Widerstand. Im Sommer kam es zum öffentlichen Streit zwischen Restaurantbesitzern und dem Oberrabbinat von Jerusalem. Immer mehr Lokale warben nämlich damit koscher zu sein, ohne ein offizielles Zertifikat vorweisen zu können.

Im Gegensatz zu Jerusalem gibt es in Tel Aviv ziemlich viele unkoschere Cafés, Bars und Restaurants. Und es ist überhaupt kein Problem, am Freitagabend oder den ganzen Samstag über irgendwo etwas zu Essen aufzutreiben. Manchmal führt das auch zu kuriosen Situationen. Zum Beispiel war ich kürzlich in dem Restaurant Raphael, das im Dan-Hotel direkt am Strand liegt. Weil das Restaurant nicht koscher ist, das Hotel aber schon, weist ein Schild darauf hin, dass das Raphael nicht Teil des Hotels ist, sondern selbstständig.

Koscher-Zertifikate gibt es übrigens auch für andere Dinge. Zum Beispiel für Kleidung. Das besagt dann zum Beispiel, dass Wolle und Leinen in einem Anzug nicht gemischt wurden. Und es gibt koschere Handys für Kinder ohne Internetzugang.

Ich selbst lebe übrigens in Tel Aviv ebenfalls koscher – zumindest was das Essen anbelangt: Ich wohne in einer Veganer-WG – was übrigens ein Trend in dieser Stadt zu sein scheint, ebenso wie Bio-Lebensmittel. Milchprodukte sind in meiner Unterkunft gerade so geduldet, Fleisch im Kühlschrank ist allerdings ein absolutes Tabu. Und einen Christbaum habe ich auch noch nicht aufgestellt. So schnell kann es manchmal gehen mit dem koscheren Leben.

 
 
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