Chinas U20 gegen Großaspach Das Reich des Schweigens

Von Marco Seliger 

Lei Wenjie von Chinas U 20  (li.) gegen den Großaspacher Michael Vitzthum Foto: Baumann
Lei Wenjie von Chinas U 20 (li.) gegen den Großaspacher Michael Vitzthum Foto: Baumann

Chinas U 20 tritt vor dem geplanten Jahr in der Regionalliga gegen die SG Sonnenhof Großaspach an – darüber reden darf aber keiner.

Aspach - Der Mann am Mikrofon lobte sich nach seiner größten Leistung des Tages selbst. „Puuuh, jetzt hab’ ich’s geschafft“, sagte Tai Volkmer, der in seinem normalen Leben bei den Drittligaspielen der SG Sonnenhof Großaspach den Stadionsprecher gibt. An diesem Abend im Fautenhau war aber nichts normal. Auch nicht, dass das Publikum auf der kleinen Haupttribüne dem Sprecher zunickte und applaudierte, nachdem er die Aufstellung des Gegners verlesen hatte. Die chinesische U-20-Nationalelf war zu Gast und lieferte ein paar Zungenbrecher frei Haus – und wenn alles so kommt wie erwartet, dann werden sich bald noch einige andere Stadionsprecher aus dem Südwesten an Namen der Kategorie Zhang Ling Feng, Lin Liangming oder Chen Chunxin versuchen.

Der chinesische Nachwuchs, der in der kommenden Saison als Gastmannschaft in der Regionalliga Südwest mitspielen soll, gab seine Visitenkarte im Rahmen eines Trainingslagers in der Testpartie gegen Sonnenhof ab. Jeder Regionalligist soll in der nächsten Saison an seinem jeweils spielfreien Wochenende zu Hause gegen die Chinesen antreten. Jetzt gab es die ersten Eindrücke. Der wohl wichtigste: Kicken können die Burschen. Sascha Hildmann, der Trainer der SG Sonnenhof, sprach nach dem 1:0 von einem Niveau „irgendwo zwischen Oberliga und Regionalliga“.

Anordnung von oben: Keiner darf reden.

Technisch und spieltaktisch erreichten die chinesischen Jungs nicht das Niveau der SG Sonnenhof. Kämpferisch aber allemal. Robust und aggressiv ging es zur Sache – wer auch immer in der Regionalliga davon ausging, er könne in den zwei Kicks gegen die Chinesen mal locker flockig testen und frei aufspielen, der sollte seine Pläne überdenken, denn die Talente aus China gehen kernig zur Sache. Nicht übertrieben, aber auffällig war die aggressive Spielweise der Kicker, die sich für die Olympischen Spiele 2020 empfehlen wollen. Defensivstark trat die Auswahl in Aspach auf. Auf dem Platz. Und auch daneben.

So laut die Kommandos auf dem Feld sind, so betreten ist das Schweigen hinterher. Keiner darf reden. Anordnung von oben, in dem Fall vom chinesischen Fußballverband, heißt es. Dabei könnte einer sogar ganz wunderbar auf Deutsch über die junge Truppe parlieren. Jiri Shao, der frühere Bundesligastürmer von 1860 München und Energie Cottbus, ist der Teammanager der Chinesen. Seine Ansage aber, so freundlich wie bestimmt: „Ich darf nichts sagen, es tut mir leid.“ Der Trainer Sun Jihai, ehemaliger Profi von Manchester City und Crystal Palace, sagt auf Nachfrage nur: „Wir dürfen nichts sagen.“ Gar nichts? „Nein.“ Wenigstens ein paar Sätze zum Spiel? „Nein, nichts.“

Die chinesischen Restriktionen sind nun ganz nah. Das Reich der Mitte präsentiert sich als Reich des Schweigens. Von einer Charmeoffensive vor Beginn der Deutschland-Mission ist nichts zu spüren. Stattdessen übt sich China in der Abwehrhaltung. Die Mauer steht.

Auf jeden Spieler kommt im Schnitt ein Betreuer

Offen zeigen sich dafür andere – Dirk Mack etwa, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums der TSG 1899 Hoffenheim. Er berichtet davon, dass die Chinesen noch bis zum 7. Juli in Walldorf im Hotel wohnen, dass sie in St. Leon-Rot trainieren – und die TSG, deren zweite Mannschaft in der Regionalliga spielt, die Reisegemeinschaft unterstützt habe. So fuhr die Mannschaft in Aspach im Teambus der Hoffenheimer Bundesligafrauen vor.

Mack sah wie die 150 Zuschauer ein Team, dessen Team hinter dem Team fast noch größer war, was bei insgesamt 1,37 Milliarden potenzieller Kandidaten aus dem chinesischen Volk wiederum nicht verwundert. Auf jeden Spieler jedenfalls kam im Schnitt fast ein Betreuer. Generalstabsmäßig und damit typisch chinesisch ist alles organisiert. Auf dem Platz funktionierte dagegen noch nicht alles nach Plan. Der Torhüter flog an jeder Flanke vorbei, mehrere Male leisteten sich die Chinesen falsche Einwürfe. Und kurz vor dem Ende lagen einige mit Krämpfen am Boden.

Was auf der Tribüne zu einigen fachmännischen Kommentaren führte. Einer davon ging so, dass da wohl einer vorher nicht genug Glasnudeln gegessen habe. Auch mit diesem Niveau ist bei den Regionalliga-Auftritten womöglich zu rechnen. Ob die Sache endgültig durchgewinkt wird, wird sich auf der Managertagung der Liga am 11. Juli entscheiden.

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