Bundestagskandidaten auf dem StZ-Podium Politiker fürchten sich vor Fahrverboten – und Koalitionsaussagen

Von Ludwig Laibacher 

Zwölf Tage vor der Bundestagswahl haben sich die Kandidaten von sechs Parteien aus dem Wahlkreis Ludwigsburg den Fragen dieser Zeitung gestellt. Bei einer Probeabstimmung im Saal ging der SPD-Kandidat als Sieger hervor.

Ludwigsburg - Macit Karaahmetoglu möchte mit den Grünen koalieren. Das bekannte der SPD-Kandidat des Wahlkreises Ludwigsburg bei der Podiumsdiskussion dieser Zeitung am Dienstag – er blieb der einzige von sechs Politikern, der sich vor der Bundestagswahl am 24. September auf einen möglichen Partner festlegen wollte. Beim Thema Nordostring hingegen hatten alle Vertreter von CDU, SPD, Grünen, Linke, FDP und AfD eine Meinung. Die Ludwigsburger Redaktion von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten hatte in das Kulturzentrum eingeladen. Die rund 250 Besucher wurden dabei um eine Probeabstimmung gebeten – vor und nach der Veranstaltung, um zu beobachten, ob sich ihr Wahlverhalten ändert. 140 Personen haben mitgemacht.

Macit Karaahmetoglu war dabei der Gewinner des Abends. Zu Beginn der Diskussion hatte der SPD-Kandidat 25 Prozent der Stimmen bekommen, danach 37,5 Prozent. Dies ging zu Lasten von Ingrid Hönlinger (Grüne) und Stefanie Knecht (FDP). Die Kandidatin der Ökopartei hatte mit 34,4 Prozent zu Beginn die meisten Anhänger, sie landete am Ende bei 23,4 Prozent. Knecht, am Anfang bei 16,4 Prozent, kam zum Schluss auf 5,8 Prozent.

Gesucht: neue Mobilität!

Die CDU hatte offenbar weniger Anhänger im Saal: Zu Steffen Bilger bekannten sich 17,9 Prozent der Zuschauer, nach der Debatte 20,6 Prozent. Steigern konnte sich Peter Schimke (Linke) von 3,1 auf 7,8 Prozent, der AfD-Vertreter überzeugte bei gleicher Ausgangsbasis am Ende des Abend 5 Prozent der Wähler.

Das Stichwort Nordostring geisterte den Abend über durch das von den Redakteuren Tim Höhn und Rafael Binkowski moderierte Gespräch, doch erst kurz vor dem Ende wurden die Politiker konkret. Die Kandidaten von SPD, Linke und Grünen lehnen das Projekt kategorisch ab: Der Nordostring sei eine Fernstraße, durch deren Bau ein Naherholungsgebiet für Hunderttaussende verloren ginge, sagte Macit Karaahmetoglu. „Mehr Straßen bringen mehr Verkehr“, meinte Ingrid Hönlinger. Peter Schimke (Linke) sagte: „Wir brauchen eine neue Mobilität.“

Es gebe schon jetzt „einen heimlichen Nordostring“, widersprach Stefanie Knecht. Dieser führe über die Friedrichstraße und die Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg. „Darum brauchen wir eine Tangentiale“, sagte die FDP-Kandidatin. „Machen wir uns nichts vor, der Ausbau des ÖPNV ist nicht für alles die Lösung“, sagte Steffen Bilger (CDU). „Wir brauchen eine Lösung, die der ganzen Region gerecht wird.“ Auch die AfD sei für den Nordostring, sagte Jürgen Braun. Der Rems-Murr-Kandidat war für Martin Hess da, der kurzfristig abgesagt hatte.

Weniger entschieden äußerten sich die Kandidaten auf die Frage nach möglichen Zwangsmaßnahmen als Folge der Dieselaffäre. Alle versicherten zwar, im Falle eines Wahlsiegs alles zu tun, um ein drohendes Fahrverbot in und um Stuttgart abzuwenden. Die Wege dahin indes sind sehr unterschiedlich. Während Karaahmetoglu den Autokonzernen die Kosten für nötige Nachrüstungen aufbürden möchte, befürchtet Hönlinger, dass die Autoindustrie dadurch nur noch tiefer in die Krise stürze. Die Vertreter von CDU und AfD hingegen ärgerten sich darüber, dass der Feinstaub ausgerechnet am Stuttgarter Neckartor gemessen wird. Bilger sprach von „der dümmsten Stelle“ und Braun davon, dass man sich in einem Anfall von deutscher Selbstkasteiung „gezielt die schmutzigste Stelle ausgesucht“ habe.

„Ironie der Geschichte“

Auch im Fall der geplanten Endlagerung von frei gemessenem Atomschutt auf der Deponie in Schwieberdingen gab sich die Kandidatenrunde bürgernah. Sie votierten für eine Endlagerung da, wo der Müll produziert worden ist, also beim Atomkraftwerk. „Für mich ist das eine Ironie der Geschichte“, sagte Hönlinger. „Die Grünen haben den Atomausstieg beschlossen, und jetzt müssen wir den Schutt wegräumen.“

Auf die nur halb scherzhaft gemeinte Frage von Rafael Binkowski, ob er froh sei, dass Angela Merkel die beste Kanzlerin ist, die die SPD je hatte, bewies Bilger wenig Humor: In einer großen Koalition seien eben Kompromisse nötig. Gefragt, ob Wilfried Kretschmann der beste CDU-Ministerpräsident Baden-Württembergs sei, reagierte auch Hönlinger verhalten: Er mache „realistische grüne Politik“, sagte sie.

Die Abstimmung im Saal zeigte Unterschiede bei den Altersgruppen: Bei den Zuschauern unter 30 hatte Steffen Bilger mit 29 Prozent seinen stärksten Wert, auch sein SPD-Konkurrent Macit Karaahmetoglu überzeugte die Jüngeren – hier erhielt er 45 Prozent. Die Grünen hatten zu Beginn des Abends in der Gruppe von 31 bis 59 Jahren fast die absolute Mehrheit (danach nur noch 28,2 Prozent), die FDP bei den über 60-Jährigen 25 Prozent.

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