Bischöfe im Dialog „Unsere Weihnachtskultur dient allen“

Martin Haar, 22.12.2012 11:00 Uhr
Sie treffen sich regelmäßig – der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, und Frank Otfried July , Bischof der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Bei jedem Arbeitsfrühstück erkennen sie, dass sie weniger trennt als verbindet. „Es gibt viel mehr Gemeinsames“, sagt der Katholik Fürst.

Stuttgart - Sie treffen sich regelmäßig - der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, und Frank Otfried July, Bischof der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Bei jedem Arbeitsfrühstück erkennen sie, dass sie weniger trennt als verbindet. „Es gibt viel mehr Gemeinsames“, sagt der Katholik Fürst.

Bischof Fürst, Bischof July, was bedeutet Ihnen die Adventszeit?
July: Ich freue mich wie ein Kind auf Weihnachten und begehe gern den Advent. Es ist eine Zeit der inneren und äußeren Vorbereitung. Wir beide treffen uns einmal in dieser Zeit, um Dienstliches zu besprechen, aber auch um unser Christsein und unser ökumenisches Miteinander zu leben. Das tut gut.

Fürst: Die Adventszeit ist für mich eine ruhigere Zeit, dann beginnt eine besondere Betriebsamkeit in den Gemeinden, da brauchen sie keinen Bischof. Ich höre ab und zu Adventslieder und zünde Kerzen an. Dabei fällt mir auf, dass viele CDs nicht nur Advents-, sondern schon Weihnachtslieder enthalten. Diese Mischung spüre ich auch auf den Straßen: Die Zeit des Erwartens und die Zeit der Erfüllung verlieren ihre eigene Ausstrahlung, was mir nicht besonders gefällt.

Die Kirchen fordern, nicht schon im Oktober Nikoläuse und Weihnachtsplätzchen zu verkaufen. Warum ist Ihnen das wichtig?
July: In einigen deutschen Städten gab es in diesem Jahr Diskussionen darüber, dass der Weihnachtsmarkt schon vor dem ersten Advent begann. Mich freut, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass Unterscheidungen der Zeiten nötig sind. Jedes hat seine Zeit. Das Gegenbild ist für mich die Atemlosigkeit eines 24-Stunden-Tags ohne Unterbrechungen, die viele Menschen in Asien erleben – meine Schwiegertochter kommt aus Bali. Unsere Feiertagskultur, Advents- und Weihnachtskultur dient allen, auch nicht religiösen Menschen.

Die große Unterbrechung ist Weihnachten. Die Kirchen sind überfüllt. Was könnten Sie tun, dass auch unter dem Jahr mehr Menschen in den Gottesdienst kommen?
Fürst: Ich freue mich über jeden Menschen, auch wenn er nur an Weihnachten kommt. Wenn Menschen einen Gottesdienst erleben, der sie emotional anspricht, und etwas zur Sprache bringt, was sonst untergeht, erwächst vielleicht das innere Bedürfnis, öfter in die Kirche zu gehen. Wir wollen Menschen einladen, nicht bevormunden.

July: In der Evangelischen Kirche liegt ein Jahr des Gottesdienstes hinter uns. Weil sich Lebensgewohnheiten verändern, versuchen wir, dies auch in unseren Gottesdiensten widerzuspiegeln. Die Zahl der Gottesdienste jedenfalls ist hoch. Deutlich ist, dass der Gottesdienstbesuch jeden Sonntag für viele nicht mehr gesetzt ist – auch wenn wir in Württemberg noch eine recht große Zahl von Gottesdienstbesuchern haben. Besonders ist die Kirche aber bei wichtigen Lebensumbrüchen gefragt: etwa bei der Einschulung, Taufe, Eheschließung. Viele sind sehr empfänglich, wenn man in besonderen Situationen Erfahrungen mit ihnen teilt und ihnen Lebensdeutung ermöglicht.


Die Kirchen sind vor allem in schwierigen Situationen gefragt. Ihre badischen Kollegen waren nach der Brandkatastrophe in Neustadt bei den Trauernden, Sie beide nach dem Amoklauf von Winnenden vor Ort.
Fürst: Bei dramatischen Erfahrungen versagen Worte oft. Wir haben aus unserer Tradition Symbole und eine Botschaft, die Menschen Halt oder Trost geben können. In Winnenden wurde der Name jedes Kindes genannt, eine Kerze mit seinem Namen nach vorne getragen und an der Osterkerze entzündet. Das bedeutet: Die Zerstörung hat nicht das letzte Wort, das Kind ist aufgenommen in eine größere Dimension, ist bei Gott.

July: Mir ging es in diesem Gottesdienst sehr nach, als die Kerzen entzündet wurden. Einer meiner liebsten Sätze im Neuen Testament ist: Freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Jeder Mensch hat seine Würde und seinen Namen und ragt vor Gott aus der Anonymität heraus. Das wurde in dieser Situation besonders ­deutlich.

 
 
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