„Biel am See“ von Joachim Zelter Das alles kann Kunst sein

Von Thomas Morawitzky 

Szene aus „Biel am See“ Foto: Gonschior
Szene aus „Biel am See“Foto: Gonschior

„Biel am See“ heißt das jüngste Stück von Joachim Zelter, das von Achim Krauße, dem Intendanten des Tübinger Zimmertheaters, dort uraufgeführt wurde. Das Stück ist ein sehr bissiger Umgang mit den Mechanismen des Kunstbetriebs.

Tübingen - Mit „Biel am See“ hat der Tübinger Autor Joachim Zelter eine bittere Satire auf den Kunstbetrieb geschrieben: Da ist der Künstler, der sich windet, sich verbiegt und anpasst, seine Arbeit mehr und mehr nach den Erwartungen eines Gönners ausrichtet, der ihm den großen Erfolg verspricht. Ein Künstler, der darüber seine Identität, sogar sein Leben verliert nach dem Motto „Alles für die Kunst“.

Sein Gönner spricht viele leere Worte, lässt sich in einer Jacht über den Bieler See treiben, schläft gelegentlich mit der Frau des Künstlers und vertröstet diesen von einem auf den nächsten Wettbewerb: Eine diabolisch unwirkliche Figur, ein Dämon. „Kann das Kunst sein?“ ruft er, begeistert von der eigenen Rede, jedem Publikum zu, am Bieler See, am Genfer See, an irgendeinem See. „Ja, es kann!“ Dass der Künstler diesem Gönner Fabio Della Mirandola mehr als zehn Jahre folgt und dabei verzweifelt, bringt Axel Kraußes Uraufführungs-Inszenierung im Tübinger Zimmertheater dem Publikum sehr nahe, indem sie Joachim Zelters zunehmend groteskere Variationen ein und derselben Situation über mehr als 100 Minuten dehnt.

Auch der Zuschauer leidet schließlich, lachend, und erlebt doch einen grandiosen Abend. Robert Arnold – Bart, Brille, Mütze, Hemd – spielt den Kunstschaffenden hilflos, geschmeichelt, zweifelnd und hoffnungsvoll: ein wirklichkeitsnaher Angehöriger des kreativen Prekariats. Nicole Schneider gibt seiner Frau Lucia ein kämpferisches, zuletzt wutentbranntes Gesicht. Und Vladimir Pavic als Gönner tänzelt eitel und verführerisch aus der Kulisse hervor, sitzt dem Künstler fortan im Nacken wie ein Schalk, der ihn ins Unglück treibt.

Die Schauspieler springen auf stufenförmigen Elemente herum, die Treppen sein können, Kunstwerke oder Brücken, sie turnen auf ihnen und werden unter diesen begraben. Das kleine Ensemble gestaltet Zelters wahnsinniges Spiel mit dem Phrasenschatz des Kunstbetriebs so aufregend und anregend lebendig.

Weitere Aufführungen am 17., 18. und 19. 2., jeweils 20 Uhr. Karten unter 07 071 / 92 730

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