Berlinale Wie Geld die Liebe kaputtmacht

Von Bernd Haasis 

Das kann nicht gutgehen: Anna (am Tischende: Trine Dyrholm) ist zunächst einverstanden, dass die  jüngere  Geliebte ihres Mannes  (2. v. li.:  Helene Neumann) in die Kommune einzieht. Foto: Berlinale
Das kann nicht gutgehen: Anna (am Tischende: Trine Dyrholm) ist zunächst einverstanden, dass die jüngere Geliebte ihres Mannes (2. v. li.: Helene Neumann) in die Kommune einzieht.Foto: Berlinale

Realität ist, was Menschen glauben wollen – eine schillernde Blase aus Wünschen, Vorurteilen und bequemen ­Gewissheiten, die sofort platzt, wenn ­jemand sie anpiekst. Viele Filme der diesjährigen Berlinale nähern sich dem Thema auf sehr unterschiedliche Art.

Um das Wesen der Wirklichkeit kreist der israelische Videokünstler Omer Fast. In „CNN Concatenated“ (2002) hat er aus Nachrichtenschnipseln eine neue Botschaft zusammengeschnitten, auf der documenta 2012 zeigte er seine Arbeit „Continuity“, in der ein Paar einen jungen Mann in Bundeswehruniform vom Bahnhof abholt – und diese vermeintliche Rückkehr aus Afghanistan jeden Tag mit anderen Darstellern wiederholt.

Bei der Berlinale läuft nun im Panorama Fasts erster Spielfilm „Remainder“. Basierend auf einem Roman von Tom McCarthy zeigt er einen jungen Mann, dem ein Stück Dach auf den Kopf fällt. Er verliert sein Gedächtnis und nutzt die 8,5 Millionen Pfund Schmerzensgeld, um Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren: Er kauft ein Mietshaus, heuert einen Pianisten an, der nur Chopin spielt und eine alte Frau, die nur Leber brät. Schließlich sieht er Schemen eines Bankraubs, und bald beginnt alles zu entgleisen.

Auf den Spuren von Christopher Nolan („Memento“) und Terry Gilliam („12 Monkeys“) gerinnt die Realität in diesem Film ganz zur menschlichen Schöpfung – ein Meisterstück und ein Nachweis, wie viel Kunst zum Film betragen kann und sollte.

Vinterberg konzentriert sich auf das Scheitern der freien Liebe

Den Dänen Thomas Vinterberg interessiert, was Menschen sich vormachen. In „Das Fest“ (1999) zerlegt eine Familie ihr verlogenes Selbstbild, in „Die Jagd“ (2012) gerät Mads Mikkelsen als Aushilfserzieher in den Strudel eines Verdachts. Nun läuft im Berlinale-Wettbewerb Vinterbergs Siebziger-Jahre-Drama „Die Kommune“, in dem der Architekt Erik sein Elternhaus erbt und mangels Geld Mitbewohner sucht. Treibende Kraft ist seine Frau Anna (bärenreif: Trine Dyrholm), eine bekannte Nachrichtensprecherin – doch als Erik eine Affäre mit einer Studentin beginnt und diese bald auch ins gemeinsame Haus einzieht, verliert Anna den Boden unter den Füßen.

Anders als Lukas Moodysson, der in seiner WG-Komödie „Zusammen!“ (2000) den ­Fokus auf die Gruppendynamik legte, konzentriert Vinterberg sich auf das Scheitern der freien Liebe. Das gelingt ihm gut, doch vernachlässigt er die anderen Kommunarden, von denen man gerne mehr gesehen hätte: Ole, der verbrennt, was unaufgeräumt ­herumliegt, Allon, der anfängt zu weinen, wenn jemand ihn kritisiert, Ditte, deren im Dialog beschworene Beißzangenhaftigkeit eine Behauptung bleibt.

Wie eine verlorene Seele ins Leben ­zurückfindet, darum geht es in Tobias Nölles Panorama-Beitrag „Aloys“. Eine einsame Tierpflegerin lockt da einen autistschen Privatermittler aus seinem Schneckenhaus – ein ungewöhnliches Werk über Beobachtung und Selbstwahrnehmung.

Es ist keine Kleinigkeit, die Welt einigermaßen wahrhaftig abzubilden

 

Sich der Wirklichkeit soweit zu nähern wie möglich, den „Charakter der Menschen zum Ausdruck bringen“, das hat der Fotograf Robert Frank sich zur Lebensaufgabe gemacht. Der Sohn eines deutschen Juden und einer Schweizerin ging 1954 in die USA, deren Geist und Wesen er in unzähligen Momentaufnahmen festgehalten hat. In ihrem Dokumentarfilm „Don’t Blink“ fühlt Regisseurin Laura Israel dem über 90-Jährigen auf den Zahn – und lässt ahnen, dass es keine Kleinigkeit ist, die Welt einigermaßen wahrhaftig abzubilden.

Abgesehen vom Abtreibungs-Drama „24 Wochen“ im Wettbewerb, Anne Zohra Berracheds Diplomfilm an der Ludwigsburger Filmakademie, präsentiert sich Baden-Württemberg in Berlin traditionell bei der Verleihung des Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreises in der Landesvertretung.

Die beginnt mit einer Leistungsschau. ­Johannes Naber („Zeit der Kannibalen“) verfilmt Wilhelm Hauffs „Kaltes Herz“ neu mit Freddie Lau („Victoria“, Peter), Moritz Bleibtreu („Die dunkle Seite des Mondes“, Holländer-Michel) und Milan Peschel („Halt auf freier Strecke“, Glasmännlein) – und hat auch hier einen politischen Fokus: „Das ist eine Geschichte darüber, wie Geld die Liebe kaputtmacht“, sagt er. Dany Levy („Alles auf Zucker“) dreht erstmals im Südwesten, „Der kleine Diktator“ dreht sich um einen hyperaktiven Siebenjährigen „in einer Familie von Psychos“, beschreibt der FiImemacher sein Projekt.

Drehbuchautoren sollen mehr wagen

Chris Kraus („Vier Minuten“) zeigt einen Ausschnitt aus „Die Blumen von gestern“, 2013 hat er für das Drehbuch den Strittmatter-Preis bekommen. Adèle Haenel („Suzanne“) und Lars Eidinger („Was bleibt“) spielen zwei Holocaust-Forscher, die eine deutsch-französische Familien-Verwerfung aufarbeiten. Die Szene strotzt vor herrlichem Screwball-Humor, ohne dass Kraus das Thema auf die leichte Schulter nehmen würde. Es sei keiner dieser Filme, „in dem deutsche Vergangenheit nachgespielt wird“, sagt Eidinger, und Haenel ergänzt mit hinreißendem französischem Akzent: „Ich freue mich, dass Ihr ein bisschen gelacht habt!“

Der Preis (20 000 Euro) geht an die Autorin Katinka Kulens Feistl für „Irmas wildes Herz“, die Geschichte einer introvertierten 62-Jährigen, die endlich das Missbrauchs-Trauma ihrer Jugend überwinden möchte. Mit einem irischen Trucker fährt sie zum Schuldigen, einem Geistlichen. „Das Buch ist wie ein Tanz“, sagt Jury-Chefin Sherry Hormann („Wüstenblume“) und spricht von „Lebenslust als Waffe“. Außerdem richtet sie ein Wort an alle Drehbuchautoren: „Wir wünschen uns, dass Ihr Euch noch mehr traut!“

Katrin Sass liest und bietet sich gleich für die Hauptrolle an

Die Preisträgerin ringt rührend mit den Tränen – und gesteht, sie habe beim Schreiben „viele Schamgrenzen überwinden“ müssen. Tatsächlich geht es ans Eingemachte in der Szene, die Schauspielerin Katrin Sass („Good Bye, Lenin!“) liest, nachdem sie gesagt hat: „Das hier ist gleichzeitig mein Casting.“ Sie ist 59 – und erscheint tatsächlich als passende Besetzung.

Wie realistisch es ist, dass eine solche Frau nach allem ausgerechnet in einen LKW einsteigt, wird sich zeigen; im Idealfall gelingt es den Filmemachern, eine Wirklichkeit zu konstruieren, die Menschen glauben wollen.

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