Beate Zschäpe Die Katzen waren wichtiger als die alte Nachbarin

Von Franz Feyder 

 Das Schicksal der Rentnerin im Haus schien Beate Zschäpe nicht zu interessieren, als sie ihrer Nachbarin die Katzen in die Auffahrt stellte.

München - An zwei Minuten und 56 Sekunden im Leben von Beate sind Fahnder besonders interessiert. Die letzten 176 Sekunden eines Handys - es gibt Fahnder, die würden einen zünftigen Abend samt rustikalem Essen schmeißen, wenn sie wüssten, was in diesen fast drei Minuten gesprochen wurde.

Es sind die letzten vier Telefonate, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Beate Zschäpe am 4. November 2011 mit dem Mobiltelefon führte, das damals unter der Nummer 0162 - 7000587 zu erreichen war. Zwischen15.19 Uhr und 15.34 Uhr rief die mutmaßliche Rechtsterroristin vier Mal den Mann an, der im Münchener Oberlandesgericht (OLG) etwa zwei Meter rechts von ihr auf der Anklagebank sitzt: André E.

Es waren kurze Gespräche: 43 Sekunden, 28, eine Minute und 27 Sekunden und nochmals 18 Sekunden. Das erste 14 Minuten, nachdem um 15.05 Uhr eine gewaltige Explosion das Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße 26 erschütterte. Stark genug, um die Außenwände der Wohnung im ersten Stock des Mehrfamilienhauses auf die Straße zu sprengen. Wenig später begegnete Beate Zschäpe ihrer Nachbarin aus dem Haus 24. Links und rechts trug sie je einen Korb, in denen Lilly und Heidi hockten, ihre geliebten Katzen. Die Nachbarin bat sie, kurz auf die Tiere aufzupassen. Da schlugen bereits hohe Flammen aus der aufgesprengten Wohnung, in die Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Juli 2008 eingezogen waren.

Eine Mauer entfernt von einer 81jährigen, die "für den Gang zum Bäcker auf der anderen Straßenseite den Stock, sonst den Rollator brauchte". Berichten die Nachbarn. Das Schicksal der Rentnerin schien Zschäpe jedoch nicht zu interessieren, als sie ihrer Nachbarin die Katzen in die Auffahrt stellte. Und dabei einen "gefassten, ruhigen, normalen Eindruck" auf die junge Mutter machte.

Zwar habe sich Zschäpe auf dem Absatz umgedreht. Eine weitere Zeugin berichtet, wie die heute 38jährige so etwas wie "ich muss meiner Oma helfen" gemurmelt habe. Dann aber bog Zschäpe nach rechts in den Veilchenweg ein. Und entfernte sich damit von dem brennenden Haus und der darin ausharrenden alten Frau.

Ein weiterer Nachbar sah Zschäpe da auf sich zukommen. In der Mitte des "Veilchenwegs", über die Trümmer steigend, die die Explosion auf die Straße geschleudert hat. Ein rotes oder grünes Handy habe sie in der Hand gehalten. "Ich hatte das Gefühl, sie wählt gerade eine Nummer." Ob die Feuerwehr schon alarmiert sei, fragte der 41 Jahre alte Schornsteinfeger. "Ja, die kommt schon!", habe Zschäpe geantwortet. Und sei dann weiter den Veilchenweg hinunter gegangen, "schnurstracks, mit schnellem, zügigem Schritt". Um nach 120 Meter in den Fliederweg einzubiegen, der Richtung Innenstadt, zum Bahnhof führt führt. Das Handy - und das ist merkwürdig - fanden Ermittler später im Schutt des ausgebrannten Hauses.

In den Wochen vor dem dem Brand in der Frühlingsstraße hatte unter dem Benutzername "Liese" schon jemand in der Zschäpe-Wohnung auf der Webseite der Deutschen Bahn Fahrplanauskünfte eingeholt. Und Zschäpe startete an diesem 4. November wahrscheinlich eine Tour mit der Eisenbahn durch Deutschland. Einen Tag später versandte sie von Leipzig aus mindestens zwölf Briefumschläge mit DVDs des sogenannten "Paulchen-Panther-Videos". In dem selbstgeschnitten Streifen bekennt sich der Nationalsozialistische Untergrund (NSU), acht türkische und einen griechischen Kleinunternehmer und in Heilbronn die Polizistin Michéle Kiesewetter ermordet zu haben. Der Generalbundesanwalt wirft Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos vor, diese Menschen erschossen zu haben. Das Bekennervideo soll Zschäpe an Zeitungen, Moscheevereinen, Parteien und einen rechten Versandhandel geschickt haben. Drei Tage, bevor sie sich am 8. November 2011 in Jena der Polizei stellte.

 

Lesen Sie jetzt