Architektur Fruchtbarer Boden für den Nachwuchs

Von Amber Sayah 

Das Stuttgarter Büro Orange blu hat die Musikschule Filum in Bernhausen geplant.

Filderstadt-Bernhausen - Man muss schon über ein Quantum Fantasie verfügen, um beim Anblick dieses kubischen Baukörpers im Süden von Filderstadt-Bernhausen sogleich an ein Musikinstrument zu denken. Bildhaftigkeit ist in der Architektur schließlich nicht mehr das, was sie mal war. Ein Kuhstall in Form einer Kuh zum Beispiel, wie ihn der französische Revolutionsarchitekt Jean-Jacques Lequeu ersann, ­wäre zwar eine erholsame Abwechslung zur grassierenden Rasteritis dieser Tage, unter funktionalen Gesichtspunkten ist das majestätische Rind aber gewiss ziemlich unpraktisch (und darum auch nur ein hübscher Einfall geblieben). In der Moderne spielt sich Symbolik auf einer indirekteren, will heißen: ab­strakteren Ebene ab.

Wenn man jedoch weiß, dass es sich bei dem Gebäude auf der Filderebene um die neue Musikschule Filderstadt mit dem kuriosen, aus Fil-derstadt und Bildungszentr-um zusammengesetzten Namen Filum handelt, erschließt sich das instrumentale Innuendo schon eher: Schwarz und weiß wie Klaviertasten ist die Fassade dieses Hauses, dessen in einer leichten Rundung zurückgesetzte Fensterbänder ihm trotz seiner strengen Form etwas Beschwingtes geben. Im hochglänzenden schwarzen Sockel aus klein­formatigen Mosaikfliesen mag man zudem einen Bezug zum lackierten Finish eines Flügels erkennen. Auf dem weitläufigen, architektonisch wenig erhebenden Gelände des Schul- und Sportzentrums am Fleinsbach, vis-à-vis der Filharmonie und in Rufweite des Flughafens, wendet sich der Kubus keinem Nachbarn im Besonderen zu, sondern setzt sich als markanter Monolith selbstbewusst in Szene.

Zu verdanken hat die Gemeinde diesen noblen Neuling einer großzügigen mäzenatischen Geste des Bernhäuser Sprosses Karl Schlecht und dessen Stiftung. Aus alter Verbundenheit mit seinem Heimatort, wo die Schlechts bereits 1574 erstmals im Kirchenbuch erwähnt sind und wo seine in der väterlichen Garage gegründete Baupumpen-Firma Putzmeister zum Weltmarktführer auf­gestiegen ist, ließ der Unternehmer 13 Millionen Euro für die Musikschule springen: in der idealistischen Annahme, dass Musik die Filderstädter Jugend zu besseren Menschen macht. „Das Filum ist ein Beispiel, was auf dem fruchtbaren Filderboden durch Fleiß und Entfaltung der eigenen Talente wachsen kann“, heißt es in einer Broschüre der Stiftung über die Karl-Schlecht-Musikschule.

Gemeinschaftsgeist in der Musik

Architektonisch entspricht das Filum exakt dieser Überzeugung von der sitt­lichen Sublimierung der Filderbewohner durch den Gemeinschaftsgeist in der Musik. Geplant wurde das Gebäude vom Stuttgarter Büro Orange blu, vormals Wilford Schupp, das sich für das Projekt durch den Bau der Stuttgarter Musikhochschule und der Musikhochschule Mannheim im direkten Auftrag qualifizierte. Kommunikatives Herzstück des Entwurfs ist das über alle vier Geschosse reichende Atrium als räumlicher Ausdruck des erstrebten Wir-Gefühls. Die Galeriegeschosse sind zurück­gestaffelt, so dass sich der Raum mit zunehmender Höhe weitet, bis unters – Achtung: musikalische Anspielung – „wie ein Geigenbogen oder Klavierdeckel“ gebogene Dach. Und da farbliche Zurückhaltung die Sache dieser Architekten noch nie war, wechselt das Gebäude vom strengen Schwarz-Weiß-Kontrast außen zu einem strahlenden Blau im Inneren. Die Farbe wird dabei nach oben hin immer heller – als würde man in den Himmel gucken. Wie grafische Blitze zucken die scharfkantigen, schwarzen Treppenläufe über diesen Azur-Horizont.

Geprobt und musiziert wird in 22 aku­stisch sorgfältig gegeneinander und gegen den Fluglärm abgeschotteten Unterrichtsräumen sowie vier Übekabinen. Dazu kommen Kammermusik- und Ensembleräume. Dass man sich aber nicht in selbstgenüg­samem Kunstgenuss vor der Welt draußen verschließt, signalisiert das Foyer mit seinen großflächigen Glasfronten und dem Café, das von der inklusiven, Beschäftigte mit und ohne Behinderung zusammenbringenden Karl-Schubert-Gemeinschaft betrieben wird.

Ein Steinway als i-Tüpfelchen

Allzu versteckt im hintersten Eck des Foyers befindet sich dann der Eingang zum famosen großen Konzertsaal im Unter­geschoss mit 300 in ansteigenden Reihen angeordneten Sitzplätzen. Helles Bambusholz, in satten Blau- und Gelbtönen gepol­sterte Stühle und ein Oberlichtband schaffen eine heitere, nicht übertrieben feierliche Atmosphäre. i-Tüpfelchen ist der Steinway, den Brigitte Schlecht aus ihrer persönlichen Schatulle spendiert hat.

In diesem Haus hat der musikalische Nachwuchs wahrhaft beste Bedingungen, zu blühen und zu gedeihen wie der berühmte Spitzkohl auf dem nährstoff­reichen Löss­boden der Filder. Schade, dass der Name Filharmonie schon an die große Schwester nebenan vergeben ist – man würde ihn sonst gern dieser schmucken Kraut-Elphi auf der Hochebene vor den Toren Stuttgarts verleihen.

Die Musikschule im Ludwigsburger Architekturquartett

Die Musikschule steht auch auf dem Programm des 39. Ludwigsburger Architekturquartetts, bei dem wieder neuere Bauten aus der Region kritisch unter die Lupe genommen werden. Neben dem Filum sind das diesmal die neuapostolische Kirche in Pliezhausen von Ackermann und Raff (Tübingen) sowie das Bürogebäude der Firma Greiner in Pleidelsheim von fmb Architekten (Stuttgart).

Teilnehmer des Quartetts sind die Architekten Paul Böhm (Köln) und Dennis Mueller (Stuttgart), der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig sowie die StZ-Redakteurin Amber Sayah.

Das Quartett findet am Donnerstag, 4. Mai, um 19.30 Uhr in der Musikhalle Ludwigsburg statt.

Lesen Sie jetzt