Andrea Moses „Man kann es nicht allen recht machen“

Von Susanne Benda 

Andrea Moses Foto: © Wiebke Loeper
Andrea MosesFoto: © Wiebke Loeper

Mit einer Neuinszenierung von Puccinis „La Bohème“ hat sich Andrea Moses am Freitag als Hausregisseurin von der Oper Stuttgart verabschiedet. In der nächsten Saison kommt sie als Gast zurück – mit Mussorgskis monumentaler Oper „Chowantschtschina“.

Mit einer Neuinszenierung von Puccinis „La Bohème“ hat sich Andrea Moses am Freitag als Hausregisseurin von der Oper Stuttgart verabschiedet. In der nächsten Saison kommt sie als Gast zurück – mit Mussorgskis monumentaler Oper „Chowantschtschina“.

Stuttgart - Da sitzt sie, endlich, obwohl das Sitzen zu ihr so gar nicht passt. Andrea Moses ist ein besonders vitales Exemplar jener bewegten Künstler-Menschen, die auf sich achten müssen, um vor lauter innerem Feuer nicht selbst zu verbrennen. So wie sie spricht, wie sie sich aufregt und begeistert, wie sie sich mit Herz und Energie hineinwirft in die Kunst, die sie sich zu eigen und zur Aufgabe gemacht hat: So wird man sie in Stuttgart vermissen, diesseits wie jenseits der Opernbühne.

„Meine Kunst muss ich durchleben. Ich muss alle Rollen nachempfinden können, um sie zu inszenieren“, sagt die 42-Jährige. Gerade steckt sie in den Endproben zu ihrer letzten Inszenierung als Hausregisseurin der Oper Stuttgart, Puccinis „La Bohème“, und wenn man sie kurz vor ihrem Abschied fragt, ob sie ihren Vorsatz, in Stuttgart einen „gesellschaftlichen Diskurs“ anregen zu wollen, denn nun eingelöst habe, dann beginnt sie sofort, vom Stuttgarter Publikum zu schwärmen. „Sehr offen“ seien die Zuschauer hier, „sehr neugierig, kritisch“. Viele kämen „sogar fünfmal in eine Oper, wenn sie sie noch nicht ganz verstanden haben, und fragen dann im Nachtgespräch nach. Für einen Regisseur ist das eine echte Sensation.“

Auch der Intendant des Hauses: wunderbar. Und erst die Sänger! „Mit ihnen habe ich hier angefangen, und jetzt bekomme ich allmählich alles zurück. Das heißt, die Ensemblearbeit, die ja vor allem ich gemacht habe, hat sich total ausgezahlt.“ Dazu der Chor: „Wir haben so viel Verrücktes und Tolles zusammen gemacht, ich liebe ihn!“

Begeisterung! Da versteht man kaum, warum Andrea Moses trotzdem nach drei Jahren geht. „Man muss sich weiterentwickeln“, erklärt sie selbst ihren bevorstehenden Umzug zurück nach Berlin, wo sie unterrichten und am Deutschen Theater wie auch (zu Beginn der Saison 2015/16) an Daniel Barenboims Staatsoper inszenieren wird.

Das ist sicherlich wahr. Noch mehr Wahrheit liegt womöglich aber hinter ihrer Feststellung, „auch mal Luft holen und auftanken“ zu müssen. Man mag es kaum glauben, aber der Energie-Vulkan Moses ist erschöpft. Keiner, sagt sie, habe „bedacht, dass ich hier sehr viele Produktionen sehr schnell hintereinander machen musste“. In den ersten zwölf Monaten waren das vier Opern – wobei immer gleich mehrere Besetzungen die Rollen einstudiert haben. Außerdem sei man als Hausregisseurin „irgendwann Inventar und ständig auf der Baustelle, das bekommt eine Eigendynamik, und das ist in dem Moment schwierig, wo man spürt, dass man mit seiner Kunst den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann“.

Hinzu kommt, man mag es kaum glauben, die Bestätigung eines Klischees. Andrea Moses ist ein politisch denkender Kopf, und die Art, wie sie Politik sieht und deutet, wurzelt tief in ihrer ostdeutschen Herkunft. Mit gutem Grund stieß der ungarische Auftakt ihrer Inszenierung von Hector Berlioz’ „Faust“ in Stuttgart auf Unverständnis. „Das wusste ich vorher nicht“, sagt die Regisseurin heute, „dass ich deshalb aus Stücken oft ganz andere Erkenntnisse ableite als westdeutsche Kollegen.“ Da habe sie sich „gefühlt wie von einem anderen Stern“.

Kritik gab es bei „Faust“, aber auch bei „Iphigenie“. Dann kamen „La Cenerentola“ und „Falstaff“ – und mit ihnen eine neue Leichtigkeit. Andrea Moses kann Komödie, sie kann komische Oper, und auch lächelnd kann sie den Finger auf Wunden legen. Die Aufsichtsräte bei Rossini wirkten wie überzeichnete Figuren einer Realsatire. Aber: „Moses macht Blockbuster und Wieler die Kunst – diese Schubladen mag ich nicht.“

So war „La Bohème“ am Freitag Andrea Moses’ letzte Stuttgarter Inszenierung als Hausregisseurin. „Wir wollten zeigen“, erläutert sie selbst ihr Konzept, ­„in welchem Beschleunigungswahnsinn wir ­leben, der einen dazu zwingt, sich permanent zu verausgaben und darstellen zu müssen.“ Dass selbst Kunst dabei zu einem „völlig irrationalen“ Marktprodukt verkommt, zeige der Weihnachtsmarkt im zweiten Bild, den man in eine Shopping-Mall versetzt habe.

„Schon Puccini“, sagt Moses, „arbeitet mit einer geradezu modernen Überwältigungsästhetik, da steht ganz viel Unterschiedliches nebeneinander, und wir toppen das noch mal, inspiriert auch vom Konsumrausch der Stuttgarter samstags auf der Königstraße.“ Im vierten Akt performen die Künstler dann selbst öffentlich ihr eigenes Leben, ja sogar Mimis Tod. „Im Zeitalter der Totalveröffentlichung aller menschlichen Regungen via Internet verwischen sich die Grenzen der Wahrnehmung von Spiel und Wirklichkeit.“

Andrea Moses erzählt. Sie hört gar nicht auf, und wenn man ihr zuhört, denkt man unweigerlich: Wahnsinn, so viele Ideen – die würden für fünf „Bohème“-Inszenierungen ausreichen. Tja, lacht die Regisseurin, „ich habe eben gedacht, ich verabschiede mich so, wie ich gekommen bin. Ich will diese Themen auf der Bühne verhandeln. Dazu stehe ich. Das habe ich in Stuttgart gelernt. Man kann es nicht allen recht machen.“

Bewerten
Wie hat Ihnen der Artikel gefallen? Vielen Dank für Ihre Bewertung!
1 Stern 2 Sterne 3 Sterne 4 Sterne 5 Sterne 3.67
Stuttgarter Weindorf Die Suche nach dem Erfinder

Von 27. August 2016 - 12:12 Uhr

So ganz einig war man sich nie. Ist es nun das schönste oder gar das größte aller Weindörfer? Die Werbung wechselte über die Jahre, nun im Schwabenalter verzichtet man auf solche Großmannssucht. Ein Rückblick auf 40 Jahre.