Stuttgart - Tel Aviv Skyline, Strand
Unsere Redakteurin Lisa Welzhofer lebt
und arbeitet derzeit in Tel Aviv und erzählt Geschichten aus Israels Alltag.
 

1. Advent in Israel – oder Es sind keine stillen Zeiten

Lisa Welzhofer, 02.12.2012 18:00 Uhr

Tel Aviv/Jerusalem - Die Sonne gibt sich noch einmal besonders viel Mühe am ersten Advent. Rund 25 Grad ist es, die Wärme steht morgens im Zimmer und ich denke sofort an den nahen Strand und das Meer, das diese Stadt permanent an den Zehen kitzelt – und erst beim Frühstück fällt mir ein, welcher Tag heute ist. Aber von Weihnachtsstimmung keine Spur – und das liegt sicherlich auch an der weitgehenden Abwesenheit von Adventskalendern, Plätzchen, Glühwein und blinkenden Sternen in Tel Aviv. Weihnachten, es ist eben auch ein von Menschen gemachtes Fest.

Außerdem sind es alles andere als besinnliche, leise Zeiten. Die Waffen schweigen zwar seit bald zwei Wochen im Süden, dafür hat das Wahlkampfgetöse wieder begonnen. Am 22. Januar wählen die Israelis ein neues Parlament, es gibt mehr als 20 Parteien, entsprechend vielstimmig wird durcheinander gequatscht. Fast täglich tritt entweder ein Politiker zurück oder gründet eine neue Partei und die Parteien stellen ihre Listen auf, wobei sich zum Beispiel die Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit der Auswahl ihrer Kandidaten noch weiter rechts platziert hat - und die Arbeiterpartei auf viele neue Gesichter und soziale Themen setzt.

Und natürlich hat auch die Entscheidung der UN-Vollversammlung, Palästina als Nichtmitgliedsstaat anzuerkennen erst mal starke Töne nach sich gezogen. In den Gebieten der Palästinenser gingen die Menschen auf den Straßen, feierten, tanzten, besangen die Abstimmung der Staatengemeinschaft als Beginn der Unabhängigkeit. Viel Lärm um nichts sei die ganze UN-Entscheidung, kommentieren hingegen israelische Medien, an der Situation der Palästinenser werde sich ja doch nichts ändern. Und am gleichen Tag genehmigte die israelische Regierung den Bau von 3000 neuen Siedler-Häusern in Ostjerusalem und im Westjordanland. Und Mahmoud Abbas, Präsident der Palästinenser, kündigt daraufhin an, die palästinensische Flagge in Ostjerusalem hissen zu wollen.

Wie aus einem Coca-Cola-Werbespot entliehen

Währenddessen war ich am Wochenende in der Heiligen Stadt. Hier gibt es zwar im christlichen Teil der Altstadt Läden mit Weihnachtsdeko, die aussieht, wie aus einem Coca-Cola-Werbespot entliehen, aber ich bin wegen etwas anderem da: Man hat mir erzählt, dass es in Israel Veranstaltungen gibt, bei denen sich mehrere Hundert Menschen in einem Saal treffen, um stundenlang gemeinsam zu singen. An diesem Tag findet so ein Sing-Event im Jerusalemer Stadtteil Rechavia statt, in dem zwischen Bäumen gepflegte Wohnhäuser sandfarben leuchten. Rund 200 Menschen treffen sich hier in einem Saal mit ansteigenden Sitzreihen und einer kleinen Bühne. Sie sind kein Chor, sie sind keine religiöse Vereinigung, sie folgen der Einladung der Organisation Zemereshet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, altes hebräisches Liedgut zu sammeln und zu bewahren. Auf ihrer Homepage haben die Macher, allesamt Ehrenamtliche, in fünf Jahren Texte, Noten und Aufnahmen von mehr als 3000 alten Liedern zusammengetragen, die man sich dort anhören kann. Vieles davon haben sie von Privatleuten bekommen.

Es ist Musik aus den Zeiten vor der Gründung des Staates Israel 1948, Lieder, die vor allem die Zionisten gesungen haben. Wenn man es so will, sind es jene Klänge, die Israel auf seinem Weg in die Unabhängigkeit begleitet haben.

Alle paar Wochen veranstaltet Zemereshet ein Konzert in Tel Aviv oder Jerusalem, bei dem das Publikum der Akteur ist. „Ich komme hierher, weil ich diese Lieder von früher aus dem Kibbuz kenne, in dem ich aufgewachsen bin. Sie wurden in den Jugendorganisationen der Arbeiterpartei gesungen. Ich denke, so geht es vielen, die hierher kommen. Es ist auch eine Sehnsucht nach dem Israel unserer Jugend, die uns hierher bringt“, sagt zum Beispiel Hagai Tsoref (59).

Lieder mit viel Gefühl und Pathos

Um Punkt zwölf Uhr mittags geht es los. Auf der Bühne sitzt eine Frau mit Gitarre, die den Takt vorgibt und auch mal vorsingt, wenn zu viele das Lied nicht kennen. Aber das ist so gut wie nie der Fall. Eine zweite Frau spielt dazu Mandoline, auf einer großen Leinwand werden die Liedtexte eingeblendet. Sehr puristisch ist diese Szenerie, vom ersten Ton an geht es hier nur noch um die Musik und ich hätte diesem nüchternen Hörsaal gar nicht zugetraut, dass in ihn so viel Gefühl und Pathos passen.

Mit einer Pause singen die Teilnehmer zweieinhalb Stunden lang ein Lied nach dem anderen. Die meisten Texte an diesem Tag stammen von dem israelischen Dichter und Liedermacher Chaim Chefer, der erst kürzlich gestorben ist. In den Texten geht es unter anderem um den Palmach, die jüdische Untergrundeinheit, die für die Unabhängigkeit eines israelischen Staates kämpfte. Es geht um die Einwanderung nach Palästina, aber auch um unerfüllte Liebe und Frauenhelden. Viele Lieder sind eine Liebeserklärung an das Land, seine Orte, den See Genezareth. Auch wenn ich nur wenig Hebräisch spreche, merke ich, dass das hier für viele eine Herzensangelegenheit ist – und ich überlege mir, wann ich eigentlich das letzte Mal gemeinsam mit anderen Menschen zusammen sehr alte Lieder gesungen haben...Es war wohl vergangenes Weihnachten.

Am Abend gehe ich zur Klagemauer im alten Teil Jerusalems, jener Stadt, um die sich zwei Völker und mindestens drei Religionen streiten. Es ist der Beginn des Schabbat. Junge Männer ziehen in Dreierreihen singend durch das jüdische Viertel, nicht nur der Himmel, auch der riesige Platz vor der Mauer färbt sich langsam schwarz von den Mänteln und Hüten der orthodoxen Juden. Die Frauen beten in einem abgetrennten Teil. Alle tragen lange Röcke, Blusen und Kopfbedeckung (Tuch oder Perücke), die weniger streng Religiösen sogar High Heels und das lange Haar offen. Immer lauter schwillt das Beten und Singen an, bis es wie ein großer klingender Gebetsschal über dem ganzen Platz liegt. Die junge Männer bilden einen Kreis, tanzen, singen, feiern den Schabbat. Und ein bisschen später webt sich in diesen Klangteppich noch der Ruf des Muezzin ein, der aus den muslimischen Vierteln zur Klagemauer herüber weht.

Ich habe diese Vielstimmigkeit Israels noch im Ohr, als ich also am 1. Advent beim Frühstück sitze, in meiner Wohnung in Tel Aviv, vor deren Fenstern nur der Verkehr stetig rauscht und ab und an Gesprächsfetzen der Passanten heraufsteigen, die auf dem grünen Boulevard flanieren. Ich frage mich, ob ich dieses Jahr wohl noch ein paar Weihnachtslieder zu hören bekomme. Wahrscheinlich müsste ich selbst mal damit anfangen.

StN-Redakteurin Lisa Welzhofer lebt und arbeitet zwei Monate lang in Tel Aviv und berichtet für unsere Zeitung von dort. Sie ist Stipendiatin des „Ernst-Cramer & Teddy Kollek-Fellowship“, das deutschen Journalisten einen Aufenthalt im Nahen Osten ermöglicht.

 
 
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