Die Schüler der Akademieklasse A bringen mit einem Ausschnitt aus „Najade und der Fischer“ die Sonne in die Herzen der Zuschauer. Foto: Stuttgarter Ballett/Beutenmüller

Funkelnde Kleider, flinke Füße, fließende Bewegungen im Takt: Zum 38. Mal haben die jungen Stars des Stuttgarter Balletts am Wochenende die Aktion Weihnachten unserer Zeitung unterstützt. Ein Höhepunkt der Adventszeit – und alles für einen guten Zweck.

Stuttgart - Tänzerinnen in zitronengelben Kleidchen treten vor blauem Hintergrund auf und setzen damit einen angenehmen Kontrast zu dem stürmischen Wetter, das sich vor den Türen des ausverkauften Stuttgarter Opernhauses am zweiten Adventssonntag zusammengebraut hat. „Nach allem Schweren und vielen Veränderungen in diesem Jahr können Sie heute Vormittag etwas Leichtes erleben“, verspricht Jan Sellner, Lokalchef unserer Zeitung, bei der Begrüßung zur 38. Ballettmatinee für die Aktion Weihnachten der Stuttgarter Nachrichten.

Verändert hat sich in diesem Jahr auch beim Stuttgarter Ballett einiges. Nach 22 Jahren beendete Reid Anderson seine Intendanz. Doch auch sein Nachfolger Tamas Detrich unterstützt die Aktion Weihnachten mit einer außergewöhnlichen Matinee, bei der Tänzer des Stuttgarter Balletts mit Nachwuchstalenten der John-Cranko-Schule auf der Bühne stehen. Die Akteure verzichten für den guten Zweck auf ihre Gage. Belohnt werden sie mit dem Applaus des Publikums – und mit Blumensträußen, gestiftet von den Württembergischen Gärtnern.

Sonniger Auftakt mit den Tänzern der John-Cranko-Schule

Den sonnigen Auftakt macht „Najade und der Fischer“ von Jules Perrot mit den Akademie-A-Schülern Alessandra Bramante als Najade und dem sprungstarken Riccardo Ferlito als Fischer. Düsterer wird die Stimmung beim Pas de trois „Lamento della Ninfa“ in der Choreografie von Stephen Shropshire. Hand in Hand bilden die Protagonisten eine dreigliedrige Kette, die sich immer wieder neu verschlingt und Natalie Thorneley-Hall dabei zum Spielball ihrer Gefährten macht.

Die Programmauswahl von Tadeusz Matacz, der die John-Cranko-Schule seit schon bald 20 Jahren leitet, ist wie dafür gemacht, einzelne Talente ins Rampenlicht zu setzen. Und so stehen mit Remy D’Orney und Reito Nashiki zwei Drittklässler bei ihren Soloauftritten im Rampenlicht. Beim Solo aus „La fille mal gardée“ zeigt Akademie-Schüler Edoardo Sartori, dass er Eleganz und Energie miteinander zu verbinden weiß. Yuki Wakabayashi und Motomi Kiyota aus der Akademieklasse A bilden als Paar in „Les Flammes de Paris“ den furiosen Abschluss des ersten Programmteils. Motomi Kiyota liefert eine geradezu schmissige Vorstellung ab; Yuki Wakabayashi beeindruckt mit einer langen Folge an Fouettés.

Momente des Loslassens bei „Romeo und Julia“

Nach der Pause ist dann zu sehen, was aus den Zöglingen der John-Cranko-Schule werden kann. Schließlich haben viele Absolventen der staatlichen Ausbildungsstätte ihre berufliche Heimat im Stuttgarter Ballett gefunden, darunter der Spanier Martí Fernández Paixà und die Mexikanerin Rocio Aleman, die erst kürzlich mit dem Premio Nacional de la Juventud des Erziehungsministeriums ihrer Heimat ausgezeichnet wurde. Beide schlüpfen bei der Aktion Weihnachten erstmals in Stuttgart in die Rollen von Romeo und Julia. In der Balkonszene, bei der Matinee ohne Balkon, tun sie das so innig und bis ins Detail erzählerisch, dass man sich wundert, warum sie bei der Besetzung des dieser Tage wieder gezeigten Handlungsballetts von John Cranko nicht bei den Titelrollen genannt sind. Doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Mit ihrem Atem und feinnervigen Schulterbewegungen macht Rocio Aleman das zwischen Erschütterung und Glücksrausch changierende Herzklopfen der ersten Liebe sichtbar. Dazu ihr strahlender Blick, der ihren Partner regelrecht entflammt. Es sind diese kurzen Momente des Loslassens, die ausdrücken, dass die Liebenden soeben den Boden unter den Füßen verlieren.

Noch kein Jahr alt ist Roman Novitzkys Gute-Laune-Stück „Under the Surface“. Auch in der Variante ohne Tisch und Tiefenraum, die bereits beim Treffpunkt Foyer unserer Zeitung mit den Intendanten der Stuttgarter Staatstheater zu sehen war, behält es seine Gültigkeit. Die bewährte Truppe mit Alessandro Giaquinto als Blickfang zeigt lässig und mit ausdifferenzierter Komik, wie variantenreich das Anbandeln mit dem anderen oder auch dem eigenen Geschlecht ausfallen kann.

Deutsche Erstaufführung von „Nuda“

Dass ehemalige John-Cranko-Schüler nicht nur zu sehenswerten Tanzprofis reifen, sondern mitunter auch als Choreografen Talent haben, beweist Fabio Adorisio. Der Italiener sorgt mit „Nuda“ in deutscher Erstaufführung dafür, dass die Aktion Weihnachten auch in diesem Jahr ein Ort für Neues bleibt. Uraufgeführt wurde das getanzte Terzett auf der Isle of Wight.

Adorisio schickt seine Kollegen Agnes Su, Clemens Fröhlich und Christopher Kunzelmann zu Eric Saties „Gymnopédie no1 – no3“ in eine Ménage-à-trois. Live am Flügel von Paul Lewis begleitet, der der Fixstern in diesem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel bleibt, ringen die Protagonisten um ihren Platz in dem Gefüge. Es verschlingen sich Arme und Oberkörper, bis diese Dreiecksbeziehung am Ende jeden zu Fall bringt, das Publikum aber in ihrem Bann hat.

Das Finale beschließt die Kompanie mit einer Schattierung von Weiß: George Balanchines „Sinfonie in C“ zu den Klängen von Georges Bizet macht sich vor Weihnachten besonders prächtig auf der Bühne. Diamantengleich und mit fixer Fußarbeit funkeln Jessica Fyfe, Anna Osadcenko, Alicia Amatriain und Hyo-Jung Kang in hohem Tempo um die Wette, umgeben von so viel maskulinem Juwelenglanz in Schwarz und Glitzer aus dem Corps de ballet, dass man kaum mehr überblickt, wer alles diesen klassischen Traum auf der Bühne entstehen lässt.

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