Markus Frohnmaier und Ulrich Siegmund wollen für die AfD Ministerpräsidenten werden. Das Ziel ist das gleiche, die Perspektiven unterscheiden sich.
Mit der Bezeichnung Gipfeltreffen ist es so wie mit dem Begriff regional. Beides ist kein geschützter Begriff, jeder versteht darunter etwas anderes. Es gibt Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs, es gibt Gipfeltreffen von Vertretern der G7, G8 oder G20, und auch wenn der VfB gegen Bayern München kickt ist das für manche ein Gipfeltreffen. Nun hat auch die AfD ihr erstes Gipfeltreffen hinter sich. Den Gipfel der Ministerpräsidentenkandidaten. Markus Frohnmaier (Baden-Württemberg) und Ulrich Siegmund (Sachsen-Anhalt) haben sich am Mittwochabend in Karlsruhe feiern lassen. Wobei es zwischen den Gipfelstürmern natürlich einen beachtlichen Unterschied gibt.
In Sachsen-Anhalt liegt die AfD klar vorne
Markus Frohmaier wird als erster der beiden an den Start gehen, gewählt wird im Südwesten bekanntlich am 8. März. Im Osten der Republik werden die Menschen ziemlich genau ein halbes Jahr später gebeten, ihr Kreuz zu machen. Doch während Frohnmaier praktisch chancenlos ist, die Villa Reitzenstein bei diesem Anlauf für sich zu erobern, sind die Möglichkeiten für Siegmund derzeit gar nicht so schlecht. Die Umfragen sehen die AfD in Sachsen-Anhalt bei mehr als 40 Prozent und als mit Abstand stärkste Kraft vorne. Und weil dort sowohl SPD als auch Grüne zu den Kleinparteien zählen, weil sie wie BSW und FDP um den Einzug in den Landtag von Magdeburg bibbern müssen, könnte auch ein Ergebnis von etwas mehr als 40 Prozent zu einer absoluten Mehrheit reichen.
In Baden-Württemberg ist das anders. Da liegt die AfD mit gut 20 Prozent zwar deutlich über Vorwahlkurs, aber auch deutlich von der absoluten Mehrheit entfernt. Und weil alle anderen Parteien die parlamentarische Zusammenarbeit ablehnen, bleibt die Villa Reitzenstein ein blauer Wunschtraum. „Noch“, sagt Ulrich Siegmund, und verweist darauf, dass seine AfD bei den Landtagswahlen vor fünf Jahren in etwa da herausgekommen ist, wo die Südwest-Kollegen heute prognostiziert werden. Soll heißen: In fünf Jahren seid ihr auch so weit. Die Halle tobt.
Überhaupt, Ulrich Siegmund. Heller Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte – so steht er da, in der führende Kopf der sachsen-anhaltinischen AfD. Die wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem angesehen, das ist eine Stufe extremer als im Südwesten, wo die Partei als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt wird. Siegmund soll den Berichten nach noch weiter rechts stehen als viele seiner Kollegen. Viel zu merken ist in Karlsruhe davon nicht.
Ulrich Siegmund – gefährlich oder genial?
Dass eine große Abschiebe-Offensive seine erste Amtshandlung sei, dass er Sachsen-Anhalt vom Land der Frühaufsteher zum Land der Frühabschieber machen werde, dass ist die mutmaßlich angreifbarste Formulierung, die von ihm zu hören ist. Ganz nebenbei wird so auch im Südwesten bekannt, dass sich das ostdeutsche Bundesland selbst als „Land der Frühaufsteher“ bezeichnet. Ansonsten präsentiert sich Siegmund als netter, sympathischer Zeitgenosse. Eloqent, smart, witzig, gut aussehend und schlagfertig. Gefährlich, sagen die einen, genial, die anderen. Die Prognose, dass das unbestrittene politische Großtalent bald auch außerhalb der eigenen Landes- und Parteigrenzen zu einer größeren Bekanntheit kommen wird, ist nicht all zu gewagt.
Siegmund ist es auch, der die Ankündigung der Südwest-Kollegen wahlkampfgerecht gerade rückt. Man freue sich, mit ihm den wahrscheinlich ersten AfD-Ministerpräsidenten Deutschlands begrüßen zu dürfen, hieß es da. Das spricht zwar für den Realitätssinn der Südwest-Partei, aber im Wahlkampf müssen die Töne natürlich anders klingen. Er trete gerne einen Schritt zurück und freue sich, wenn Markus Frohnmaier der erste AfD-Amtsträger dieser Art werden würde, sagt Siegmund. Die Halle tobt.
Politische Konkurrenz hat versagt
Auch Markus Frohnmaier selbst gibt wenig Anlass, dass die Verfassungsschützer diesen Auftritt rot in ihren Berichten ankreuzen müssten. Bis er sich zu dem Satz hinreißen lässt, man werde „abschieben, bis die Startbahn glüht“, hat Frohnmaier viel über das Thema referiert, welches die Partei ganz oben auf die Themenliste gepackt hat: die Wirtschaft. Sein Credo: Vertraut nicht der politischen Konkurrenz, denn die hätte alle Zeit der Welt gehabt, all ihre Vorschläge auch in die Tat umzusetzen. Die AfD setzt unter anderem auf billigere Energie – durch Gas aus Russland und subventionierte Strompreise. Geld dafür gebe es genug, sagt Frohnmaier, und listet die Milliarden auf, die eingespart werden könnten: Ukraine-Unterstützung, Kosten für Asyl und Bürgergeld.
Rund 200 Menschen mussten die Rede der Ministerpräsidentenkandidaten vor der Halle durch Lautsprecher verfolgen, der Saal selbst war wegen Überfüllung geschlossen. Die Schlange derer, die sich für ein Selfie mit Frohnmaier oder Siegmund in Stellung brachte, war trotzdem mehrere hundert Menschen lang. Bis weit nach 23 Uhr lächelten die Kandidaten in die Handykameras, bevor es am nächsten Morgen wieder weiter ging. Kurz nach fünf vor den Toren des Mercedes-Werkes in Sindelfingen. Auch Baden-Württemberg ist ein Land der Frühaufsteher.