Der Böblinger Wahlkreiskandidat und Abgeordnete Markus Frohnmaier gilt in der AfD als Vertrauter von Alice Weidel. Sein erneuter Einzug in den Bundestag gilt als sicher. Unsere Recherchen folgen seinen Spuren und werfen Fragen zu dessen Vergangenheit auf.
Drei Wochen noch, dann wählt Deutschland wieder einen neuen Bundestag. Im Wahlkreis Böblingen tritt für die AfD erneut Markus Frohnmaier an. Und das, obwohl sich der Böblinger Kreis- und Landesvorsitzende immer wieder Vorwürfen rechtsextremer Tendenzen erwehren muss. Der 34-Jährige aus Weil der Stadt steht hinter Spitzenkandidatin Alice Weidel auf Platz zwei der Landesliste. Da der Weidel-Vertraute über einen komfortablen Listenplatz verfügt und die AfD in Umfragen derzeit bei rund 20 Prozent steht, kann der Abgeordnete aus dem Kreis auch bei dieser Wahl wieder mit einem Einzug in den Bundestag rechnen.
Vorwürfe rechtsextremer Tendenzen von Medien und politischen Gegnern traten in der Vergangenheit auch im Zusammenhang mit einer möglichen früheren Mitgliedschaft in der heute aufgelösten German Defence League (GDL) auf. Die im Jahr 2010 gegründete GDL galt als rechtsextrem und gewaltbereit, wurde deshalb von Verfassungsschutzbehörden beobachtet. Die Erkennungszeichen der Hooliganmiliz: Eine Reichskriegsflagge mit deutschen Farben. Als Logo verwendet sie einen Lorbeerkranz. Fotos, die uns vorliegen, zeigen einen tätowierten Lorbeerkranz auch auf der Brust von Markus Frohnmaier – ähnlich dem Logo der GDL. Ein uns zugesandter Screenshot der mittlerweile abgeschalteten GDL-Website vom Februar 2011 könnte auf eine Verbindung mit dem Böblinger Wahlkreisabgeordneten hindeuten. Unter der Seitenrubrik „Allgemeines“ wurde im Februar 2011 zuerst ein „Cornel Craiovesti“, im März desselben Jahres ein „Cornel Frohnmaier“ angegeben. Cornel ist der Geburtsname des im rumänischen Craiova geborenen Politikers.
An Messerkampfkurs teilgenommen?
Verlinkungen auf der Website führten 2011 noch auf ein Facebook-Profil, das zuerst „Cornel Craiovesti“, dann „Cornel Frohnmaier“ gehörte. Das ZDF-Magazin „frontal21“ und die „Badische Zeitung“ berichteten im Juli 2016 über die Überschneidungen zwischen den Profilen. Frohnmaier antwortete weder damals noch heute auf unsere Anfrage, wie es dazu kam, dass sein Name in Abwandlungen auf der Website erschien und warum dort offenbar auf sein Facebook-Profil verlinkt wurde. In welcher Form jener „Cornel Frohnmaier“ für die GDL aktiv war, ist unbekannt. Die Niederschrift einer Facebook-Seite, die das mittlerweile abgeschaltete linksgerichtete Portal „Indymedia“ zusammentrug, weist aber darauf hin, dass dieser im Oktober 2010 an einem Messerkampfseminar in Lippstadt interessiert gewesen sein könnte. Das Dokument liegt uns vor. Unter den Interessierten finden sich nicht nur angebliche Vertreter der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP), der English Defence League, der FPÖ oder eine Userin mit dem Verweis „add me if you hate muslim scum“, sondern auch „Cornel Frohnmaier“ von der „German Defence League“. Der damalige Seminarleiter gibt auf Anfrage unserer Zeitung an, sich nicht an einzelne Kursteilnehmer – und damit auch an keinen „Cornel Frohnmaier“ erinnern zu können.
Weidel lässt Nachfragen unbeantwortet
Sowohl ein ehemaliges AfD-Mitglied als auch einige aktuelle Parteimitglieder, mit denen wir über die digitalen Spuren gesprochen haben, vertreten die Meinung, dass die Hinweise auf eine mögliche GDL-Zugehörigkeit des heutigen Bundestagsabgeordneten deutlich seien. Nach Informationen eines Partei-Insiders soll es 2016 einen Fall gegeben haben, bei dem einem Parteimitglied die Verbindung zur GDL zum Verhängnis wurde. Das Parteimitglied hat die AfD dem Insider zufolge unter der Begründung „Mitgliedschaft in der GDL/ Aufbau einer privaten Miliz“ verlassen müssen. Der Ex-AfD-ler sagt unserer Zeitung zudem, dass auch Frohnmaier bei Nachweis einer solchen Mitgliedschaft der Eintritt in die Partei 2013 hätte verwehrt oder zu einem späteren Zeitpunkt die AfD-Mitgliedschaft durch ein Ausschlussverfahren hätte aberkannt werden können. Eine Anfrage an Parteichefin und Spitzenkandidatin Alice Weidel, wie diese zu einer möglichen GDL-Vergangenheit Frohnmaiers steht, ließ Weidel unbeantwortet.
Name Frohnmaier in Kreml-Liste
Die Hooliganmiliz taucht auch in einem weiteren Kontext auf. Auf derselben GDL-Website erschien als Ansprechpartner für die „Division“ Karlsruhe ein „Daniel Stahl“. Laut AfD-Parteimitgliedern soll es sich bei Stahl um einen aktuellen Mitarbeiter Frohnmaiers handeln. Die Frage, ob im Bundestagsbüro tatsächlich ein Daniel Stahl angestellt und ob dieser mit dem „Daniel Stahl“ auf der abgeschalteten GDL-Seite identisch ist, beantwortet der Abgeordnete nicht. Unbestritten dagegen ist das frühere Engagement von Markus Ochsenreiter, ehemals Publizist des rechtsextremen Magazins „Zuerst!“.
Ein Mitarbeiter stand unter Terrorverdacht
Als Medien im Januar 2019 über eine mutmaßliche Beteiligung Ochsenreiters an einem Terroranschlag in der Ukraine berichteten, entließ ihn Frohnmaier. Gegen Ochsenreiter ermittelte die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts der Terrorismusfinanzierung in Tateinheit mit Anstiftung zur Brandstiftung. 2021 starb Ochsenreiter überraschend mit 45 Jahren. Das Verfahren wurde daraufhin im Dezember 2021 eingestellt. Wie Markus Frohnmaier zu den Vorwürfen gegen seinen ehemaligen Mitarbeiter steht, erklärte er nicht.
Russlandbezug hatte auch ein anderer Verdacht. 2019 leakten internationale und deutsche Medien ein russisches Regierungsdokument. Das Strategiepapier aus dem Jahr 2017 aus dem Kreml skizzierte Moskaus Vorhaben, die EU zu destabilisieren. Dabei sollten Politiker unterstützt werden, von denen sich der Kreml eine russlandfreundliche Haltung erhoffte. Auch Frohnmaier wird darin erwähnt, und zwar als „absolut unter Kontrolle stehender Abgeordneter“.
In dem Dokument ist auch die Rede davon, dass es im Bundestag einen Abgeordneten geben werde, der „zu uns gehört“. Gegenüber den beteiligten Medien sagte der 34-Jährige 2019, keine Erklärung für die Namensnennung zu haben. Sowohl den Verfasser, einen Abgeordneten des russischen Parlaments, als auch den Empfänger der Mail, erklärte Frohmaier 2019 über seine Anwälte, kenne er allerdings. Eine Einflussnahme Russlands auf ihn, wie durch das Kreml-Papier beschrieben, habe es nie gegeben.
„Lügenmärchen“, „Kalter Kaffee“
Gegenüber unserer Zeitung schrieb Frohnmaier im Hinblick auf diese und die weiteren genannten Vorwürfe, sich in der Vergangenheit „umfangreich und öffentlich nachlesbar geäußert“ zu haben. Außerdem bezeichnet der Kreischef die vorgebrachten Indizien als „Lügenmärchen“ und „kalten Kaffee“.
Sollte Frohnmaier am 23. Februar, wie zu erwarten, in den Bundestag gewählt werden, hat er dort wieder die Chance, sich für Themen aus dem Wahlkreis einzusetzen – genauso wie im Böblinger Kreistag, in dem Frohnmaier seit dem vergangenen Juni ebenfalls vertreten ist.
Ausführliche Stellungnahme des Kandidaten bleibt aus
Anmerkung der Redaktion Ein Treffen zwischen einem Redakteur unserer Zeitung und Markus Frohnmaier, um im Rahmen der Portraiserie unserer Zeitung zur Kandidatenvorstellung für die Bundestagswahl über den Kreis Böblingen betreffende Themen zu sprechen, kam wegen einer „sehr angespannten Terminlage“ des Abgeordneten nicht zustande.
Au Berlin für den Südwesten
Privat
Markus Frohnmaier wurde im Jahr 1991 im rumänischen Craiova geboren. Nach eigenen Angaben lernte er seine leiblichen Eltern nie kennen. Er wurde adoptiert und wuchs im Weil der Städter Teilort Schafhausen auf. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Karriere
Seit 2022 ist Frohnmaier Co-Landesvorsitzender der AfD Baden-Württemberg, zuvor war er stellvertretender Vorsitzender. Zwischen 2013 und 2017 war er mit Unterbrechung Vorsitzender der Jungen Alternative (JA), der Jugendorganisation der AfD. Von 2015 bis 2018 war er Bundesvorsitzender. Bei den Bundestagswahlen 2017 und 2021 zog er über die Landesliste in den Bundestag ein. Zu seinen Kernthemen gehört die Entwicklungszusammenarbeit. Für die Bundestagswahl ist er auf dem zweiten Listenplatz. cgo