Globalisierung
: Orientteppiche - Die Ausverkäufer

Huschmand Sabet hat bei Stuttgart den weltgrößten Versand von Orientteppichen errichtet.
Von
Daniel Gräfe
Stuttgart
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Stuttgarter Nachrichten

Stuttgart - Huschmand Sabet hat bei Stuttgart den weltgrößten Versand von Orientteppichen errichtet. Dann musste die Firma in die Insolvenz. Sein Sohn Hafez baut das Teppichgeschäft wieder auf. Über eine geglückte Integration und die Schlussrunde der Globalisierung.

Die Teppich-Karriere von Huschmand Sabet beginnt mit einer Tragödie: 1954, auf der Überfahrt von Deutschland in den Iran, havariert ein Schiff und mit ihm eine Radiofabrik aus dem Schwarzwald. Das insolvente Werk soll Tausende Kilometer ostwärts wieder auferstehen. Doch 140 Kisten und die Zukunft der Brüder Sabet versinken im Meer. Als Huschmand die Nachricht erhält, hat er die Koffer schon gepackt. In Stuttgart studiert er Elektrotechnik. Dieses Wissen, das Geld seines Vaters und seine schwäbischen Kontakte sollten sein Kapital für die Rückkehr in die Heimat sein. Jetzt muss er es in Deutschland investieren.

57 Jahre ist das her. Huschmand Sabet ist grau geworden, ein liebenswürdiger Mann, der die Worte abwägt, wenn er spricht. Aufrecht sitzt er in einem Stuttgarter Café und sortiert mit einigen Fotokopien sein Leben. "Für meinen Bruder und mich war das ein Schicksalszeichen", sagt er. "Dass wir nicht im Iran, sondern hier unser Glück suchen sollten." Huschmand Sabet ist einer von wenigen Migranten zu dieser Zeit, das Thema ist ihm wichtig. Die Pläne, Gastarbeiter anzuwerben, nehmen erst Gestalt an. "Sie werden in Deutschland keine Migranten-Familie finden, die sich so gut integriert und so viel Geld investiert hat", sagt er. Jetzt ist Sabet 80 und kämpft auch um Achtung und Respekt. Es geht um seine Lebensleistung.

"Vater, schick uns Teppiche."

"Vater, schick uns Teppiche." Am Anfang der neuen Karriere stehen 60 gerollte Ballen, neun Tonnen schwer, für Huschmand bares Geld. Die einzige harte Währung, denn zu dieser Zeit dürfen aus dem Iran keine Devisen ausgeführt werden. Huschmand und sein Bruder Huschang bringen die handgeknüpften Werke an den Mann, ihr Familienname suggeriert Kompetenz, ein Orientteppich-Verkäufer Meier hätte wohl eher Probleme. Die Sabets punkten mit Exotik und Geschäfts-Geschick. "Wir waren unter den Blinden die Einäugigen", sagt Huschmand und zeigt ein listiges Lächeln. "Das war unser Erfolg."

Der Aufstieg der Sabets spiegelt den Wiederaufstieg Deutschlands zur Wirtschaftsmacht. Wer einen handgeknüpften Teppich aus Persien auf das gewichste Parkett breitet, dokumentiert seinen neuen Status. Nach den Reichen kauft zunehmend auch die Mittelschicht. Satt gegessen und mit dem Toast Hawaii kulinarisch veredelt, rüstet sie das Wohnzimmer auf: Schrankwand, Nierentisch, Orientteppich. Später wollen auch Arbeiter auf das edle Stück nicht verzichten. Um die Nachfrage zu befriedigen, lässt Huschmand Sabet eine Günstig-Variante mit weniger Knoten knüpfen. In den 70er Jahren besitzt Sabet in Stuttgart das größte Lager für Orientteppiche in Europa, zur Jahrtausendwende gar das größte der Welt.

Sabet verschickt die Ware in die reichen Länder

Zu dieser Zeit beliefert die Firma auch die großen Möbelhäuser, denn die Teppichgeschäfte ziehen in die Hallen und Discounter auf der grünen Wiese. Während in den Innenstädten fast alle Orientteppich-Händler schließen, boomt bei den Sabets das Geschäft. Sie lassen unter anderem in Indien, Pakistan, China und Nepal produzieren, eine eigene Design- und Produktentwicklung entsteht. Sabet verschickt die Ware in die reichen Länder. Irgendwo findet sich immer ein aufstrebendes Land mit neuen Reichen, das Statussymbol zieht durch die Welt. Die Globalisierung habe er schon mit der Muttermilch aufgesaugt, sagt Sabet. Ständig ist er unterwegs, um nach Teppichen zu schauen, denn das Karussell dreht sich auch bei den Teppichknüpfern weiter. Griechen und Portugiesen kaufen, anstatt zu produzieren. Hätte er zu dieser Zeit die Teppiche aus seinen Lagern ausgebreitet, mehr als 100 Fußballfelder wären damit bedeckt. "Es gab kein anderes Unternehmen, das mit uns vergleichbar war", sagt Sabet. Eigentlich hätte es ewig so weitergehen können. Eigentlich.

Denn 2002 beginnt der Niedergang des Imperiums. Ein komplexes Thema, über das Sabet nicht gerne spricht. Weil es ihn wütend macht. Und weil es noch längst nicht ausgefochten sei. Es habe mit der Geschäftspolitik von Banken zu tun und übertriebenen Absicherungen, aber nur wenig mit dem eigenen Geschäft. Die Auftragslage sei gut gewesen. So aber war es nur eine Frage der Zeit, bis ihr Unternehmen auseinanderbrechen musste, sagt er - 2003 sei die Firma in die Insolvenz gezwungen worden. Da arbeiten von einst 220 Mitarbeitern nur noch 25. Und Huschmand Sabet ist kein Chef mehr.

Dafür gründet Sohn Hafez in Leonberg ein Unternehmen. Wohl kaum stehen sich Vater und Sohn näher als in diesem Moment. Die Tradition sei das Wichtigste, meint Hafez, jetzt ehre er den Familiennamen auch im Geschäftsleben. Betriebswirtschaft hat er studiert, in London und Schanghai gelebt und schon während des Studiums im elterlichen Betrieb gearbeitet. Er kennt die Knoten, die Muster, die Farben, weiß, wie die Teppiche riechen, wie sie sich anfühlen, wer sie macht und wer sie kauft.

44 ist er jetzt. Hafez Sabet steht in einem großen schmucklosen Raum im Stuttgarter Westen, breitbeinig und strahlend. Um ihn herum stapeln sich Teppiche, sie hängen an Betonsäulen und in Bilderrahmen. Die Firma ist gerade umgezogen, das Geschäft mit seinen zehn Mitarbeitern wird bald wieder öffnen. Sorgsam breitet Sabet die Ware aus, Tausende von Euro gleiten durch seine Hände. Dieser Gebetsteppich zum Beispiel, 25000 Euro, 154x104 Zentimeter aus reinster Seide, eine Handarbeit mit über drei Millionen Knoten. Drei Jahre habe in den 50er Jahren ein Meisterknüpfer aus der Türkei daran gearbeitet, sagt Sabet, im Schnitt 3000 bis 4000 Knoten am Tag. Knoten für Knoten für abstrakte Muster, Blumen und Wiesen, Koranverse und Liedzeilen von Vogelgesängen. Wie bei einem Kunstwerk hat der Knüpfer seinen Namen verewigt. Noch immer staune er, wie man mit Millionen Knoten die Welt nachbilden könne, wie ein Wissenschaftler, sagt Hafez Sabet. "Für mich ist das noch immer unvorstellbar."

Materialien sind teuer geworden

Unvorstellbar auch, was es kosten würde, den Teppich heute zu knüpfen. Die Materialien seien teuer geworden, meint er, allein der Preis für Seide sei innerhalb von zwei Jahren um 80 Prozent gestiegen. Es gebe kaum etwas, das arbeitsintensiver ist, nur die günstigsten Knüpfer haben noch eine Chance. Früher knüpften noch Bulgaren, Türken, Marokkaner die Teppiche, heute Nepalesen oder Nomaden aus dem Iran, die Kaschuli-Teppiche aus handgesponnener Wolle fertigen. Wenn auch dort der Lebensstandard steigt, wird die Produktion wohl geschlossen. Das Knüpfen von Teppichen hat die höchste Stufe der Globalisierung erreicht - oder die niedrigste, das ist Ansichtssache. Die Globalisierung hat sich selbst eingeholt, es gibt keinen billigeren Produktionsmarkt mehr, auf den sie sich verlagern könnte.

Sabet wickelt jetzt eine Branche ab: Das Angebot schwindet, die Nachfrage steigt, das treibt zum großen Schlussverkauf die Preise nach oben. Wenn überhaupt noch geknüpft wird, denn schon jetzt handelt er überwiegend mit antiken Stücken. Wer noch bestellt, will Sonderanfertigungen - Größe, Farbe und Muster ganz nach Geschmack. Doch die Kunden kommen zurzeit auch, weil sie Angst um ihr Erspartes haben, sie trauen Europa, dem Euro nicht mehr. Bei Teppichen glaubt man lieber dem Iran. "Die Kunden wollen wissen, in welche Teppiche sie investieren können", sagt Hafez Sabet. Für ihn ist es wunderbar, er strahlt, er breitet die Arme aus. Jeder Teppich sei doch ein kleines Wunder, einmalig, ein individueller Wert - und jetzt noch eine Wertanlage.

Die Welt ist verrückt, denn die Welt ist ein Teppich, der von den Ärmsten zu den Reichsten reist. Hafez Sabet reist mit, schon als Kind hat er seinen Vater begleitet. In die mit Marmor gefliesten Villen, in Dörfer aus Erde, Holz und Schlamm. "Diesen extremen Unterschied zwischen Arm und Reich habe ich heute noch in den Knochen." Der Vater habe gewollt, dass mit den Teppichen auch ein wenig Wohlstand kam, sagt Hafez. In Nepals Hauptstadt Kathmandu mussten die Knüpfer die Kinder in die Schule schicken. Einige von ihnen sind jetzt selbst Meisterknüpfer und verdienen im Schnitt 100 Euro im Monat, er ist stolz darauf. "Und ihre Väter haben schon mit meinem Vater Geschäfte gemacht."

Fleiß, Ehrgeiz und Traditionen

Vor Jahren hatte Vater Huschmand geglaubt, es könne auch mehr arme Länder erreichen, als er eine freiwillige Abgabe für die Teppichimporteure erdachte. Zwei Prozent des Warenimportwerts sollten in einen Fonds fließen, um Schul- und Ausbildungsprojekte zu finanzieren. Die Abgabe ist gescheitert. "Die Überwindung der Armut darf nicht abhängig vom Zufall oder der Großzügigkeit sein", sagt er heute. "Der Effekt der Abgabe wäre enorm gewesen."

Huschmand und Hafez Sabet mögen solche Geschichten, denn in ihnen spiegeln sie sich. Sie handeln vom Fleiß, Ehrgeiz und Traditionen. Unterwegs zum nächsten Termin haben sie einen Stopp in diesem kleinen Café gemacht, früher begleitete der Sohn den Vater auf Reisen, jetzt ist es umgekehrt, man merkt ihnen die gemeinsam verbrachte Zeit an. Beide reden langsam und besonnen, tragen eckige Brillen und den gleichen Wohlstandsbauch, ihr eigenes Statussymbol. Ja, aufeinander stolz seien sie. Der Sohn über das Wissen des Vaters; der Vater, dass der Sohn seinen Spuren folgt. "Wir sind ein anpassungsfähiges Volk", sagt Hafez Sabet. "Wir sind jetzt persische Schwaben."

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