Nach dem WM-Aus des DFB-Teams
: Das Gegenteil einer Turniermannschaft – und der Trainer im Fokus

HintergrundMit dem WM-Aus zeigt sich, dass die Nationalelf in zwei Jahren keine Entwicklung genommen hat. Das bringt den Bundestrainer Julian Nagelsmann ins Wackeln.
Von
Carlos Ubina
Boston
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Julian Nagelsmann

Die Enttäuschung steht Julian Nagelsmann ins Gesicht geschrieben.

Federico Gambarini/dpa
  • DFB-Team scheidet bei der WM im Achtelfinale gegen Paraguay aus – Schwächen erneut sichtbar.
  • Die Mannschaft steigerte sich im Turnier nicht und verlor nach 120 Minuten im Elfmeterschießen 3:4.
  • Kritik an Julian Nagelsmann: Entscheidungen und Aussagen sorgten für Irritationen im Spielerkreis.
  • Nagelsmann schließt Rücktritt aus und wartet auf Entscheidung des DFB über Vertrag bis 2028.
  • Rudi Völler stärkt Nagelsmann, während Spekulationen um Jürgen Klopp als möglichen Nachfolger bleiben.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Julian Nagelsmann hat versucht, Haltung zu bewahren. Aufrecht ist er über den Platz gegangen, um seine geknickten Spieler wieder aufzurichten. Mit wenigen Worten, vereinzelten Gesten oder einer kurzen Umarmung. Wie es ein Bundestrainer macht, der soeben einen WM-Schock erlebt hat und nun ein Turnier verarbeiten muss, das gut begonnen hatte (Curacao), kämpferisch weiterging (Elfenbeinküste) und dann in einem Spiel (Ecuador) alle Schwächen offenbarte, die das deutsche Nationalteam in den vergangenen beiden Jahren immer wieder gezeigt hatte.

Aus dieser Abwärtsspirale ist die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht mehr herausgekommen. Vielmehr ist sie im Achtelfinale gegen Paraguay weiter in die Tiefe gezogen worden - ohne die Energie aufbringen zu können, sie zu durchbrechen. Weshalb sich festhalten lässt: Die Nationalelf ist schon lange keine Turniermannschaft mehr. Sie hat sich im Verlauf ihrer Amerika-Tour nicht gesteigert, sondern immer schwächer präsentiert – mit dem Tiefpunkt beim 3:4 im Elfmeterschießen gegen leidenschaftliche, aber spielerisch sehr limitierte Südamerikaner.

Sportlich verantwortlich zeichnet für das Aus im Sechzehntelfinale der Bundestrainer. Nagelsmann hat es seit dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-EM 2024 nicht geschafft, das von ihm oft beschworene Potenzial aus der Mannschaft herauszuholen, die Klasse und Kräfte zu bündeln, um vorwärtszukommen. Zudem hat er mit seinen Personal- und Strategieentscheidungen selbst dazu beigetragen, das aufkommende Hoch nach elf Siegen in Serie während der Weltmeisterschaft zu brechen. Mit Aussagen, die im Spielerkreis irritierten und mit Einwechslungen, die gegen Ecuador mehr der guten Laune dienten als dem sportlichen Wettbewerb.

Das alles passierte – im Rückblick betrachtet - in einem wichtigen Moment. Als die Chance bestand, die DFB-Elf zu stärken. Denn diese deutsche Mannschaft braucht hundert Prozent, um erfolgreich zu sein. Dann ist sie für jeden Kontrahenten eine Herausforderung. Doch bereits ein paar Prozent weniger an Leistung bringt sie in Schwierigkeiten. Oder um es mit den klaren Worten des Abwehrspielers Antonio Rüdiger zu sagen: „Wir haben Qualität im Kader – aber nicht in den entscheidenden Momenten.“

Keine Euphorie entfacht

Gegen Paraguay zählte es erstmals nach zwei verkorksten Weltmeisterschaften wieder in einem K.-o.-Spiel. Um es präziser zu benennen: gegen den schlechtesten Gruppendritten. „Wir haben es wieder nicht geschafft, in Deutschland eine Euphorie zu entfachen und eine Mannschaft auf dem Feld zu sein, mit der sich die Menschen zuhause und in den Stadien identifizieren können. Das haben wir verbockt, weil wir den Gegner in 120 Minuten nicht besiegen konnten“, meinte Joshua Kimmich über seine dritte WM-Enttäuschung.

Als Kapitän verspürte der 31-Jährige diesmal noch mehr Verantwortung als 2018 in Russland und 2022 in Katar. Auf den Bundestrainer wollte Kimmich in der Ursachenforschung jedoch nicht zeigen. Spielersache sei das Scheitern. „So eine Mannschaft sind wir nicht, die den Trainer als Ausrede nutzt.“ Ähnlich äußerte sich Rüdiger über Nagelsmann: „Um es für alle klar zu sagen: Julian ist ein Toptrainer.“

Ob der Fußballfachmann mit den tausend Ideen und nahezu ebenso vielen Widersprüchen nun beim DFB nach etwas mehr als tausend Tagen im Amt weitermacht, bleibt dennoch die große Frage. Nagelsmann hat sie für sich noch im Stadion von Foxborough beantwortet. „Ich bin keiner, der wegläuft. Ich stehe bereit, wenn man das möchte. Und wenn man das nicht möchte, muss man das sagen“, erklärte der Bundestrainer. Sachlich, fast kühl schloss der 38-Jährige damit einen Rücktritt aus und spielte den Ball an den DFB.

Beim Verband müssen sich der Präsident Bernd Neuendorf, der Geschäftsführer Andreas Rettig und der Sportdirektor Rudi Völler damit auseinandersetzen, ob der Vertrag bis 2028 (beim Vorrunden-Aus hätte der DFB eine Ausstiegsklausel ziehen können) erfüllt werden soll; ob sie Nagelsmann zutrauen, den Turnierzyklus bis zur nächsten Europameisterschaft anzugehen. „Die drei Herren haben Charakter und werden nicht zwischen Tür und Angel entscheiden“, sagte Nagelsmann.

Doch Völler positionierte sich noch vor den Toren Bostons: „Ich bin immer noch überzeugt davon, dass er der Richtige ist. Er ist die richtige Person am richtigen Ort.“ Abwarten. Denn schon zu Beginn des Turniers hat sich über Nagelsmann ein großer Schatten gelegt. Mit lockeren Sprüchen und blendend weißen Zähnen: Jürgen Klopp.

Trotz seiner Entschuldigung an den Bundestrainer nach Aussagen, die Spekulationen über Nagelsmanns Ablösung bis September eröffnet hatten, bleibt der 59-Jährige im Gespräch. Es ist sogar zu erwarten, dass die Debatte, ob Klopp der bessere Bundestrainer ist, wieder an Dynamik gewinnt. „Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen“, betonte die einstige Trainer-Ikone und aktuelle Fußballchef bei Red Bull. Das letzte Wort ist in der Angelegenheit aber sicher noch nicht gesprochen.