Mark Carney
: Einer, der nicht kuscht

Kanadas Premier Mark Carney bietet Donald Trump die Stirn, auch wenn das für sein Land ein hohes Risiko bedeutet. Er zeigt im Konflikt mit den Amerikanern Würde, Stolz und Mut, kommentiert Rainer Pörtner.
Kommentar von
Rainer Pörtner
Stuttgart
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Canadian PM Carney holds a press after failed trade talks with the US: Canadian Prime Minister Mark Carney speaks at a press conference in Ottawa, Ontario, on August 22, 2026 after trade talks with the US collapsed. Carney said his country could not accept US terms for a trade deal, and would slap retaliatory tariffs on steel and dairy products in response to heavy duties imposed by Washington. "We cannot accept what they've offered, and we will not give what they've asked," Carney said in remarks on the failed negotiations, adding that Ottawa's new trade measures would take effect on September 8. (Photo by Dave Chan / AFP)

Mark Carney bei einer Pressekonferenz in Ottawa nach dem vorläufigen Scheitern der Handelsgespräche mit den USA

DAVE CHAN/afp

Wenn Ursula von der Leyen ihre nächste Rede zur Lage der Europäischen Union hält, wird ihrem Auftritt im EU-Parlament ein besonderer Gast beiwohnen. Die Kommissionspräsidentin hat Mark Carney für Mitte September nach Straßburg eingeladen, und der kanadische Premier will kommen.

Ein Regierungschef von der anderen Seite des Atlantiks wird ausdrücklich hinzugebeten, wenn die EU-Chefin über den Zustand und die Perspektiven Europas spricht: allein diese Geste zeigt, welches Interesse Carney derzeit bei den liberalen Spitzenpolitikern Europas findet.

Wer aktuell in den westlichen Demokratien nach hoffnungstiftenden Persönlichkeiten sucht und dabei nicht auf die politischen Ränder, sondern die Mitte schaut, kommt um den Kanadier nicht herum. Obwohl der frühere Zentralbankchef erst seit anderthalb Jahren Premier und überhaupt im engeren Sinne Politiker ist, hat er sich bereits ein außergewöhnliches Standing erarbeitet.

Der Mut und die Entschlossenheit, mit denen er US-Präsident Donald Trump die Stirn bietet, beeindruckt. Die Klarheit und Weitsicht seiner politischen Analysen sticht heraus. Sein nüchterner, unaufgeregter, kundiger und zumeist freundlicher Auftritt ist menschlich angenehm – und verhindert offensichtlich nicht, dass seine Zustimmungswerte bei den Kanadiern ausgesprochen hoch sind. In einer Welt, die zum Tummelplatz egozentrischer Dampfplauderer zu werden schien, ist er ein überzeugender Gegenentwurf.

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Wer nicht am Tisch der Großen sitzt, steht auf deren Speisekarte

Für weltweites Aufsehen sorgte Carney im Januar 2026 mit einer herausragenden Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort diagnostizierte er das Ende der „regel-basierten internationalen Ordnung“, die nach 1945 von den USA getragen und auch Europa Wohlstand und Sicherheit garantiert hatte. Er rief die Regierungschefs der anderen demokratischen Mittelmächte auf, seinem Beispiel zu folgen und sich dem Imperialismus der Großmächte entgegenzustellen und dafür zu verbünden – denn wer nicht mit am Tisch der Großen sitze, stehe auf deren Speisekarte.

Der Kanadier lässt sich von Trump nicht herumschubsen, sondern reagiert auf die Strafaktionen des US-Präsidenten mit Vergeltungsmaßnahmen im gleichen Umfang. Vorige Woche brach er Handelsgespräche mit den Amerikanern ab. „Dollar für Dollar“ werde Kanada im Gegenzug zu den amerikanischen Strafzöllen einfordern, verkündete Carney und machte klar, in welche Kategorie er die Dauerattacken aus Washington einordnet: „Wenn du angegriffen wirst, dann befindest du dich im Krieg – wir wurden angegriffen.“

Während sich die Europäer immer wieder vor Trump in den Staub werfen, zeigt sich Carney furchtlos und selbstbewusst. Der studierte Ökonom, der sowohl die Zentralbank von Kanada wie die Großbritanniens leitete, riskiert damit viel: Die Abhängigkeit der kanadischen Wirtschaft von der amerikanischen ist viel höher als die europäische; rund 75 Prozent der kanadischen Exporte gehen in die USA.

Ob der kanadische Premier mit seiner knallharten Linie mehr Erfolg haben wird als die Europäer mit ihrem teils beschämenden Kuschelkurs, wird die Zeit zeigen. Aber Carney zeigt in dem Konflikt Würde, Stolz und einen realistischen Blick auf seinen Gegenspieler im Weißen Haus: Wenn man Trump einfach gibt, was er will, will der immer mehr; und wer vor Trump kuscht, der wird nur Ziel weiterer Erniedrigung.

„Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen“

Der deutsche Soziologe Max Weber hat Anfang des vorigen Jahrhunderts viel über das Wesen des Politikers nachgedacht und dabei die Frage gestellt, „was für ein Mensch man sein muss, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen“.

Weber fragte dies nicht empirisch, sondern idealtypisch. Er wollte definieren, welche charakterlichen Voraussetzungen ein Politiker im besten Falle mitbringen sollte, und kam auf drei Dinge: „Leidenschaft“ für die politische Sache, „Verantwortungsgefühl“ für die Folgen des politischen Handelns und „Augenmaß“ – mithin einen abgeklärten Blick auf die Wirklichkeit.

Mark Carney, so wirkt es im Moment, kommt diesem Idealbild ziemlich nahe.