Ulrich Siegmund als „Spiegel“-Coverboy: „Der gefährlichste Mann Deutschlands?“ Warum man mit Superlativen vorsichtig sein sollte

Vorsicht Gefahr! Der "Spiegel" warnt in seiner aktuellen Titelstory vor dem "gefährlichsten Mann Deutschlands".
Imago/Elmar Gubisch- „Spiegel“-Cover nennt AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund den „gefährlichsten Mann Deutschlands“.
- Im Text: Siegmund lächle sich „an die Macht“, hinter ihm stehe ein rechtsextremes Netzwerk.
- Reaktionen reichen von Spott bis Sorge – AfD wittert ungewollte Wahlkampfhilfe.
- Sprachkritik am Superlativ: Ohne Vergleichsmaßstab sei die Zuspitzung irreführend.
- Zitate und Beispiele zeigen: Superlative provozieren Widerspruch und sprachliche Missgeschicke.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
In der deutschen Sprache sollte man mit Superlativen vorsichtig sein: Der/die Größte, der/die Schönste, der/die Klügste, der/die Hässlichste, der/die Fleißigste etc.. So viel Maximum führt leicht zu irreführenden Übertreibungen. Deutschlands erster Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 - 1898) mahnte deshalb: „Jeder Superlativ reizt zum Widerspruch.“
Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm (DWB) definiert den Superlativ als grammatisches Fachwort, das den höchsten Steigerungsgrad zum Ausdruck bringt und die zweite Steigerungsstufe des jeweiligen Eigenschaftsworts bedeutet. Nach dem Positiv und Komparativ ist der Superlativ die Gipfelstufe. Mehr geht nicht!
Das jüngste Beispiel für eine solche maximale Steigerungsform, die zum Widerspruch reizt, findet sich in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ Das Nachrichtenmagazin bildet Ulrich Siegmund, den AfD-Spitzenkandidaten von Sachsen-Anhalt, auf seinem aktuellen Cover „im „Stil eines Fahndungsfotos“, wie die Tageszeitung „Die Welt“ amüsiert bemerkt, als den „gefährlichsten Mann Deutschlands“ ab.
Der Spiegel“ und „der gefährlichste Mann Deutschlands“
Nun muss man dem „Spiegel“ zugute halten, dass er seit seiner Erstausgabe am 4. Januar 1947 schon einige Personen des öffentlichen Lebens mit Superlativen (und Häme) überschüttet hat. Journalisten neigen wie Politiker und Kabarettisten mitunter zu Übertreibungen, was wohl auch am häufigen Gebrauch der Sprache liegt. Wer viel schreibt, redet oder witzelt, muss mitunter sprachlich etwas über die Strenge schlagen, um bisher Gesagtes zu toppen und Aufmerksamkeit zu erheischen.
Dennoch sollte man mit bestimmten Superlativen besonders behutsam umgehen. Das Adjektiv „gefährlich“ ist so ein Terminus, der apriori eine sprachliche Deeskalation erfordert. Das Wort leitet sich vom Substantiv „Gefahr“ ab. Gemeint ist damit eine Situation, die bei ungestörtem Ablauf zu einem Schaden für Personen, Tiere, Sachen oder die Umwelt führen kann. Zu erwarten ist ein Zustand mit hinreichender Wahrscheinlichkeit eines maximalen Schadenseintritts.

„Der gefährlichste Mann Deutschlands?“ Ulrich Siegmund (Mi.), Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, reagiert am 5. August 2026 beim Bürgerdialog an einem Infostand in Wittenberg auf einen Passanten.
Heike Rebsch/dpaDas ist starker Tobak!
Puuuh! Dieses superlativische Maximum muss man erst mal sacken lassen. Unwillkürlich denkt man: Mal halblang, liebe „Spiegel“-Redaktion! Der „gefährlichste“ aller Bewohner dieses Landes - das ist starker Tobak!
Im Vorspann zur Titelstory heißt es dann: „AfD-Spitzenpolitiker Ulrich Siegmund will sich in Sachsen-Anhalt an die Macht lächeln. Hinter ihm: ein rechtsextremes Netzwerk und Personal, das selbst der eigenen Parteispitze Angst macht.“ Siegmund, der vom Magazin auch als „gefährlicher Verführer“ bezeichnet wird, umgebe sich mit Männern, „deren politische Biografien tief in die neonazistische Szene reichen“.
Und weiter ist zu lesen: „Wer nach Ulrich Siegmunds Vergangenheit sucht, trifft auf einen erstaunlich durchschnittlichen Kleinstadtmenschen. Volksnah gebe er sich, „radikal in der Politik, nicht im Auftreten“.
Wie der „Spiegel“ erfahren haben will, sei die Linke ganz neidisch auf den feschen Ulrich: „So jemanden bräuchten wir auch.“ In der Union und Teilen der Medien sei man zunehmend fatalistisch: „Vielleicht, sagen viele, lässt es sich dieses Jahr wirklich nicht mehr verhindern.“

Die Kontrahenten: Wahlplakate von Ulrich Siegmund (AfD), und Sven Schulze (CDU) hängen in Magdeburg gemeinsam an einem Pfosten.
Imago/Jan HuebnerSpott nicht nur seitens der AfD
Bei der AfD spottet man bereits über das illustre „Spiegel“-Cover. Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen lästert: „Bei allem Verständnis für die Panik im linken Lager: Die Verantwortlichen beim Spiegel haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.“
Für einige in der der Netz-Community ist die „Spiegel“-Titelstory eine Steilvorlage. Mehr mediale Aufmerksamkeit drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt geht nicht.
Der Historiker und Publizist Rainer Zitelmann (übrigens FDP-Mitglied) kommentiert auf „X“: DER SPIEGEL hat Siegmund zum gefährlichsten Mann Deutschlands erklärt. Keinen Clan König, keinen islamistischen Gefährder, sondern den AfD Kandidaten. Ich frage mal: wer ist die gefährlichste Frau Deutschlands? Heidi Reichinnek? Bärbel Bas? Ursula von der Leyen?“
Superlative, Übertreibungen und die Tücken der Sprache
In der Linguistik setzt der Gebrauch des Superlativs Vergleichsmöglichkeiten voraus. Wenn es einen „gefährlichsten Mann Deutschlands“ gibt, muss es auch einen zweit-, dritt- viertgefährlichsten usw. geben. Und einen, der am harmlosesten ist. Solange solche Vergleiche fehlen und Ulrich Siegmund außerhalb jeglicher aktuellen und historischen Konkurrenz läuft, handelt es sich um bei seiner „Gefährlichkeit“ um ein Alleinstellungsmerkmal.
Dann aber muss man dem „Spiegel“ Recht geben: Nur auf Ulrich Siegmund bezogen ist Ulrich Siegmund tatsächlich der „gefährlichste Mann Deutschlands“. Aber dann ist er nicht nur der „gefährlichste“, sondern auch der netteste, höflichste, erfolgreichste und überhaupt der beste Mann im Land.

Schreibmaschine mit Schriftzug "bla bla bla".
Imago/SteinachWas sagt die Philosophie dazu?
Dies lässt sich auch philosophisch untermauern: Gemäß der Philosophie des Solipsismus (von lateinisch solus - allein- und ipse - selbst) existiert nur das eigene Ich und das eigene Bewusstsein sicher. Die reale Außenwelt und andere Menschen sind nach dieser Lehre nicht sicher beweisbar. Sie könnten nur Einbildung oder Teil des eigenen Traums sein.
Der Philosoph Max Stirner (1806-1856) fasst in seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ aus dem Jahr 1845 dieses radikale Denken so zusammen: „Mir geht nichts über Mich oder Ich bin nicht ein Ich neben anderen Ichen, sondern das alleinige Ich: Ich bin einzig“.

„You Can't Judge a Book by the Cover!
Imago/Zoonar„Beurteile ein Buch nicht nach seinem Einband!“
Wenn also jeder einzig ist, ist jeder auch - aus Ermangelung an Alternativen - der personifizierte Superlativ. Ergo ist aus dem Blickwinkel des Solipsismus betrachtet Ulrich Siegmund der „gefährlichste Mann Deutschlands“. Genauso wie Friedrich Merz der beste Kanzler in der Geschichte der BRD, Donald Trump der beste aller US-Präsidenten oder Wladimir Putin der friedfertigste Staatsmann ever ist.
Man sieht, zu welchen unsinnigen Synthesen der leichtfertige Gebrauch des Superlativs führen kann. Das hatte ein „Spiegel“-Autor schon in einem Artikel aus dem Jahr 2003 richtig erkannt. Unter der Headline „Brutalstmöglichst gesteigerter Superlativissimus“, schrieb er: „Darf's vielleicht ein bisschen mehr sein? Wenn Politik und Werbung Versprechungen machen, dann lassen sie sich nicht lumpen, da wird aus dem Optimalen noch das Optimalste herausgequetscht. Die Superlativierungs-Euphorie kennt keine Gnade, dafür umso mehr sprachliche Missgeschicke.“
Andererseits muss man dem „Spiegel“ (Leitmotto: „Sagen , was ist“) und allen Medien selbstkritisch zugute halten, dass Papier geduldig ist. Wie sagt schon ein bekanntes englisches Sprichwort: „You Can't Judge a Book by the Cover!“ - „Beurteile ein Buch nicht nach seinem Einband!“
