Umfrage zu S21-Desaster: „Ich würde das schon gerne noch erleben“

Melisa Büber (von links oben im Uhrzeigersinn), Hans Lanzdorfer, Nima Saleh, Alexandra, Michael Waite und Roland Marczy sind Opfer der Bahnhofsbaustelle.
Olivia Susan DennerJetzt also 2029: Frühestens in drei Jahren soll die unterirdische Infrastruktur von Stuttgart 21 in Betrieb gehen, so zeigt es sich immer deutlicher. Doch die Stuttgarter scheinen es inzwischen ziemlich stoisch hinzunehmen. Teilweise scheint sogar der Glaube zu schwinden, dass der Tiefbahnhof überhaupt irgendwann fertig wird. Wer von weiter her kommt, dem platzt allerdings schon der Kragen.
Michael Waite zum Beispiel. Er ist am Morgen von London angereist. Gerade ist er mit der S-Bahn vom Flughafen angekommen, jetzt will er in den Zug nach Ulm, um schließlich nach Gingen an der Brenz zu gelangen. Mühsam mit einem großen Koffer kämpft er sich von der Klett-Passage zu den Gleisen. „Bullshit“ sei das alles, sagt er. „Ich bin schwerbehindert, trotzdem mus ich hier langlaufen“, schimpft der 65-Jährige und trottet weiter.
Aufschub wenig überraschend
Einheimische sind längst gleichmütig geworden. Der erneute Aufschub „war doch zu erwarten“, sagt Hans Lanzendorfer (69). „Die Sache ist viel zu kompliziert, vieles war nicht planbar.“ Die Baustelle empfindet er gleichwohl als Zumutung. „Das ewig lange Rumlaufen nervt.“ Bei Sonnenschein sei es natürlich herrlich, aber „bei Regen ist es richtig scheiße“, sagt er.
Nima Saleh ist sehbehindert. Sein Blindenhund führt den 30-Jährigen sicher von den Gleisen hinüber zur Klett-Passage. „Die Baustelle besteht ja seit sieben oder acht Jahren“, da gewöhne man sich dran und kenne den Weg, sagt er. Die Ankündigung, dass es bis zur Inbetriebnahme nun noch einmal länger dauere, habe ihn aber schon „ein bisschen überrascht und auch ein bisschen enttäuscht“, sagt er. Trotzdem bleibt er positiv. „Es ist schon gut, dass etwas Neues gebaut wird.“
Keine Alternative zum Weiterbau
Die 63-jährige Alexandra – ihren Nachnamen will sie nicht nennen – war von Anfang an gegen den Bahnhofsneubau. „Ich kann da nichts dafür. Ich habe damals dagegen gestimmt.“ Aushalten muss sie die Baustelle nun trotzdem. „Die Mehrheit war dafür, dann ist es halt so.“ Zum Weiterbauen gebe es ja keine Alternative. „Wir können ja jetzt nicht einfach sagen, wir haben kein Bock mehr“, sagt sie. „Jetzt müssen wir da durch und hoffen, dass es, wenn der Bahnhof mal fertig ist, der Schönste von allen ist.“
Eigentlich bleibe einem dabei „nur noch die Spucke weg“, sagt Ella Maier (66). Roland Marczy (71) glaubt hingegen, dass solche Verzögerungen mittlerweile bei „allen großen Projekten üblich“ seien. Die neuerliche Verzögerung „juckt mich überhaupt nicht mehr.“ Wenn der Bahnhof einmal stehe, dann „redet kein Mensch mehr über die Probleme beim Bau“, ist er überzeugt. Allerdings räumt er ein: „Ich würde das schon gerne noch erleben.“
Warnung vor einer „Ewigkeitsbaustelle“
Dass man sich da nicht sicher sein kann, glaubt auch Melisa Büber. Sie ist allerdings erst 29. Die ewigen Verzögerungen seinen schon ziemlich ärgerlich. „Die Baustelle ist ja hässlich.“ Und natürlich hätte sie sich schon gefreut, zu sehen, wie der Bahnhof einmal aussehe, wenn er fertig sei. „Aber wahrscheinlich bekomme ich das nicht mehr mit.“

Auf das Ende des Erlebnisses wartet die Stadt noch länger als gedacht.
Foto: IMAGO/Arnulf HettrichHans-Jürgen Kleine (75) ist aus Köln gekommen, ist aber gut informiert. „Dass das Projekt völlig unsinnig und unglaublich teuer ist, war ja von Anfang an klar“, sagt er. Das Geld fehle nun für den Klimaschutz oder im sozialen Bereich. Und als jemand, der im Schatten des Kölner Doms wohnt, hat er auch eine Warnung parat: „Die Stuttgarter müssen aufpassen, dass das nicht zur Ewigkeitsbaustelle wird.“
