Stuttgart-Album zum Volksfest
: Hitziger Wasen-Streit um Tradition und "Bazitrachten"

Traditionelles Gewand oder dekadenter Bayern-Abklatsch? Die Diskussion um die Dirndl-Mode beim Cannstatter Volksfest schlägt immer höhere Wellen. „Bazitrachten raus aus Stuttgart!“ – so stand’s riesengroß in der Mercedes-Benz-Arena. Passt folkloristisches Aufgebrezel zu den Schwaben?
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
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  • An der Königsloge lief man in Tracht vorbei (Karte von ca. 1910).

    Archiv Wager
  • Im Sonntagsstaat ging’s Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Wasen.

    Archiv Wager
  • Eine weitere Postkarte vom Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Wasen.

    Archiv Wager
  • Auch auf dieser Postkarte erkennt man laut Brauchtumsforscher Wager "ganz deutlich die traditionellen, überlieferten, also historischen schwäbischen Trachten".

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  • Diese Fotografie zeigt zwei Jungen in kurzen Lederhosen, vermutlich Ende der 1920er oder Anfang der 1930er Jahre aufgenommen.

    Archiv Wager
  • Diese Postkarte ist vermutlich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. "Darauf lässt das mit einer Raute abgedeckte Hakenkreuz auf der Fruchtsäule schließen", sagt Wager. Die Karte zeigt eine Frau im Dirndl und zwei zivil gekleidete Menschen.

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  • Wasen 2013: Jürgen Drews umgibt sich gern mit Dirndl-Schönheiten.

    7aktuell.de/
  • Wasen 2013: Wer hat die schönsten Federn auf dem Hut?

    7aktuell.de/
  • Beim VfB-Spiel gegen Bremen entrollten die Fans dieses Riesentransparent: "Bazitrachten raus aus Stuttgart!"

    Pressefoto Baumann
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Stuttgart - Wulf Wager ist ein Fan von Tracht. Der TV-Moderator von Brauchtumssendungen und Organisator des Volksfestumzugs hat in Tracht geheiratet. Bis wohin geht schwäbischer Stolz, und wann fängt Selbstverleugnung an? Was der 51-Jährige in diesem Jahr auf dem Cannstatter Wasen sieht, fordert ihn zum Spott heraus. Bei den „federgeschmückten Hüten der versammelten Stuttgarter Dekadenz“, so lästert er, würde manchem indianischen Stammeshäuptling „neidvoll seine rote Haut verblassen“. Dem Stuttgart-Album, der Rückschau in die jüngere Vergangenheit der Stadt, hat Wager historische Postkarten vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts geschickt, die belegen, dass die Freude an der Tracht keine Erfindung der Neuzeit ist. „Man machte sich schön für das Volksfest, dessen Ursprung das Landwirtschaftliches Hauptfest war, lief im Sonntagsstaat an der Königsloge vorbei“, weiß der Brauchtumsexperte. Im Nazireich hätten viele Frauen vom Süden bis in den Norden des Landes in „völkischer Überhöhung“ Dirndl getragen, auch in Stuttgart. Nach dem Krieg habe man damit aufgehört, um nicht in den Verdacht zu geraten, der braunen Vergangenheit nachzuhängen.

Die Tracht, so viel steht also fest, hat auf dem Wasen Tradition. Doch was ist daraus geworden? Die Diskussion im Internet ist hitzig. „Wenn es wirklich um Tradition ginge“, meint Heiko Baur, „würden die hiesigen Trachten getragen werden und nicht die Billigkopien angeblicher bayerischer Trachten.“ Cristian Conesa sieht es so: „Ich frage mich, wie man sich darüber aufregen kann, wenn die ganze Stadt eine einzige Asia-Imbiss-Kebab-Box ist.“ Es gehe nicht allein um Tradition, sondern auch darum, Positives von anderen Kulturen aufzunehmen. Klaus Sattler schreibt: „Was da auf dem Wasen rumläuft, ist eine zum Teil billige Imitation des bayrischen Oktoberfests. Von mir aus kann jeder so rumlaufen, wie er will, ich finde nur die Behauptung, Dirndl und Lederhosen hätten in Stuttgart Tradition, ist schlichtweg falsch.“ So sehen es auch Fans vom VfB. Beim Spiel gegen Bremen entrollten sie ein riesiges Transparent, auf dem stand: „Bazitrachten raus aus Stuttgart.“

Festwirt Hans-Peter Grandl, der zu den Dirndl-Trend-Machern zählt, sieht den Ärger der VfB-Fans nicht als Kritik an seiner Arbeit. „Längst sind Trachten internationalisiert“, sagt er. Die Tracht sorge für ein Gemeinschaftsgefühl. „Früher kamen die Leute in ihren ältesten Kleidern, heute machen sie sich schön fürs Fest.“ Dies habe für ein „besseres Niveau“ gesorgt.

Das Stuttgart-Album, die Zeitreise in die Vergangenheit, ist als 160-seitiges Buch im Silberburg-Verlag erschienen und ab sofort im Handel erhältlich.

Lust auf mehr? Dann blättern Sie doch durch unsere historischen Bildergalerien in unserer Rubrik "Stuttagrt früher".

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