Lange Nacht der Demokratie in Stuttgart
: Der Versuch, Demokratie zu erleben und zu spüren

Die zweite Lange Nacht der Demokratie in Stuttgart hat mit ihrem dezentralen Konzept mehr Menschen angesprochen als die erste. Eindrücke vom Freitagabend in der Stadt.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Lange Nacht der Demokratie: Stuttgart, Baden-Württemberg, 02.10.2026:
Lange Nacht der Demokratie: Die vhs stuttgart lädt zum Mitsingkonzert mit Patrick Bopp und Marie Louise ein.


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Volles Haus bei der Langen Nacht der Demokratie im Treffpunkt Rotebühlzplatz. Patrick Bopp am Klavier und Sängerin Marie Louise begeisterten das Publikum beim Mitsingkonzert „Alle Stimmen für die Demokratie“.

Lichtgut/Julian Rettig
  • Stuttgart erlebte die zweite Lange Nacht der Demokratie mit dezentralem Konzept und gutem Zuspruch.
  • Über 40 Angebote in der Stadt – von Debatten und Infoformaten bis zu Mitsingkonzerten.
  • Im Treffpunkt Rotebühlplatz sangen über 200 Menschen „Alle Stimmen für die Demokratie“.
  • Rednerinnen betonten Verantwortung aller und Vielfalt, Musik schuf emotionalen Zugang.
  • Medienrunde auf dem Fernsehturm: Warnung vor Hassverstärkung, Plädoyer für starken Lokaljournalismus.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Leben wir in einer Schönwetter-Demokratie? Auf den ersten Blick sieht es so aus. Der Freitagabend in der Stadt fühlt sich nach Spätsommer an. Menschen flanieren, sind auf dem Weg zum Wasen, füllen die Außengastros. Wo sind die Demokraten in dieser landesweiten Langen Nacht der Demokratie? Auf der Suche nach Menschenansammlungen landet man bei Pauls Boutique. Lange Nacht? Unbedingt! Aber Demokratie? Alles gut. Ausgehen und feiern sind angesagt.

Feiern, das steht eigentlich auch auf dem Plan der Landeszentrale für politische Bildung und der Volkshochschule, die zusammen mit Partnerorganisationen am Vorabend zum Tag der Deutschen Einheit die zweite Lange Nacht der Demokratie in Stuttgart organisiert haben. Damit wollen sie gerade jetzt, wo die Demokratie von vielen Seiten unter Druck gerät, ein Zeichen setzen. Aber wo sind sie, die Demokraten? Der Blick ins Programmheft zeigt: Sie sind weit über die Stadt verteilt. Von Weilimdorf bis Bad Cannstatt. Mehr als 40 Veranstaltungen werden an diesem Freitagabend angeboten.

Die Auswahl fällt schwer. Im Haus der Geschichte informiert das Landesamt für Verfassungsschutz über „manipulierte Bilder und falsche Fakten“, im Deutsch-Amerikanischen Zentrum geht's um die bevorstehenden Midterms in den USA und im Weltladen um den Stuttgarter Bürgerhaushalt. Der Kulturbunker bietet eine „Partizipative Klanginstallation“ an, die AWO-Begegnungsstätte in Botnang ein „Demokratie-Fitness“ und die Theodor-Heuss-Stiftung fährt den „Demokrat-O-Mat“ auf; es handelt sich um ein digitales „Demokratie-Quiz“, das junge Teams in die Bars und Kneipen tragen.

Viele Programmpunkte finden Zuspruch

Dezentrale Angebote! Damit wollen die Initiatoren die vielfach verhockten Demokraten aus der Reserve und auf die Straße locken. Und der zweite Blick zeigt: Es funktioniert. Nicht dass große Gruppen von Demokraten fahnenschwenkend durch Stuttgart ziehen würden, doch viele der Programmpunkte finden Zuspruch. Besonders groß ist der Zuspruch beim „Mitsingkonzert“ im vollbesetzten großen Saal des Treffpunkts Rotebühlplatz mit dem Super-Motivator Patrick Bopp und der Sängerin Marie Louise. „Alle Stimmen für die Demokratie“ lautet das Motto. Mehr als 200 Stimmen sind es an diesem Abend, die unter dem unwiderstehlichen Dirigat Bopps Lieder für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte singen.

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Lange Nacht der Demokratie: Stuttgart, Baden-Württemberg, 02.10.2026:
Lange Nacht der Demokratie: Die vhs stuttgart lädt zum Mitsingkonzert mit Patrick Bopp und Marie Louise ein.

Im Bild: Die Theodor Heuss Stiftung lädt die Gäste der Gastronomie auf der “Theo” und Umgebung ein, mit dem Demokrat-O-Mat ihr Demokratie-Wissen zu testen

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Die Theodor Heuss Stiftung lud junge Leute auf der „Theo“ ein, mit dem „Demokrat-O-Mat“ ihr Demokratie-Wissen zu testen.

Lichtgut/Julian Rettig

Auch Landtagsvizepräsidentin Muhterem Aras stimmt mit ein. Sie vergleicht Deutschland mit einem Chor und sagt: „Der Dirigent alleine kann es nicht richten.“ Jeder einzelne sei verantwortlich, dass Demokratie gelingt. An lokalen Dirigenten fehlt es indes nicht: Alt-Ob Fritz Kuhn, Vorsitzender des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg, geht ebenso in die Bütt wie Dagmar Mikasch-Köthner, die Volkshochschuldirektorin und eine Vertreterin von „Omas gegen Rechts“.

Dazu kommen Statements der Grünen-Bundestagsabgeordneten Simone Fischer („Demokratie ist kein Solo, sondern lebt davon, dass viele unterschiedliche Menschen mitmachen“), der Integrationsbeauftragten Ayse Özbabacan („Demokratie braucht uns alle – auch die Menschen mit Migrationshintergrund“) und der Geschäftsführerin des Forums der Kulturen, Alina Papagiannaki-Sönmez  („Demokratie ist kein Schmuckstück für festliche Abende – sie braucht eine tägliche Bühne“).

Die Reden sind jedoch eher Begleitmusik. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Singen: Lieder wie „We shall overcome“ und „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros erfüllen den Saal und die Herzen der versammelten Demokraten. So sehr, dass Martin Kapler von der Jugendhausgesellschaft ein gefühlsstarkes Plädoyer hält: „Wir haben vergessen, dass Demokratie gelebt werden muss. Es braucht solche Veranstaltungen. Es geht um das Spüren.“ Den emotionalen Zugang.

Darauf baut auch das Forum der Kulturen. In der gut besetzten Leonhardskirche werben „offene Chöre“, sechs an der Zahl, für eine „offene Gesellschaft“. Andere Initiativen setzen auf die Kraft der Argumente – und finden ebenfalls ihre Zuhörer. Spannend, wie junge Mitglieder des Stuttgarter Debattierclub in der Württembergischen Landesbibliothek ähnlich wie bei „Jugend debattiert“ rhetorisch miteinander ringen. Es geht, ausgehend von der Wahl in Sachsen-Anhalt, um die Frage, was für eine Minderheitenregierung und was für eine Regierung aus überparteilichen Experten spricht.

  • Lange Nacht der Demokratie: Stuttgart, Baden-Württemberg, 02.10.2026:
Lange Nacht der Demokratie: Die vhs stuttgart lädt zum Mitsingkonzert mit Patrick Bopp und Marie Louise ein.

Im Bild: Die Theodor Heuss Stiftung lädt die Gäste der Gastronomie auf der “Theo” und Umgebung ein, mit dem Demokrat-O-Mat ihr Demokratie-Wissen zu testen

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    Mit Bierdeckeln war die Theodor-Heuss-Stiftung für ihren „Demokrat-O-Mat“, ein digitales Quiz, mit dem junge Leute auf der „Theo“ ihr Demokratie-Wissen testen konnten.

    Lichtgut/Julian Rettig
  • Lange Nacht der Demokratie: Stuttgart, Baden-Württemberg, 02.10.2026:
Lange Nacht der Demokratie: Die vhs stuttgart lädt zum Mitsingkonzert mit Patrick Bopp und Marie Louise ein.

Im Bild: Marie Louise


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    Sängerin Marie Louise zählte zu den „Stimmen für die Demokratie“ im Treffpunkt Rotebühlplatz.

    Lichtgut/Julian Rettig
  • Lange Nacht der Demokratie: Stuttgart, Baden-Württemberg, 02.10.2026:
Lange Nacht der Demokratie: Die vhs stuttgart lädt zum Mitsingkonzert mit Patrick Bopp und Marie Louise ein.

Im Bild: Patrick Bopp 


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    Er vereinte das Publikum im Treffpunkt Rotebühlplatz zusammen mit Sängerin Marie Louise zu einem großen Chor der Demokraten: Patrick Bopp.

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  • Lange Nacht der Demokratie: Stuttgart, Baden-Württemberg, 02.10.2026:
Lange Nacht der Demokratie: Die vhs stuttgart lädt zum Mitsingkonzert mit Patrick Bopp und Marie Louise ein.

Im Bild: Fritz Kuhn, Vorsitzender des Volkshochschulverbandes


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    Plädoyer für demokratisches Engagement: Alt-OB Fritz Kuhn, der Vorsitzender des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg ist, bei seinem Auftritt im Treffpunkt Rotebühlplatz.

    Lichtgut/Julian Rettig
  • Die Kraft der Argumente - Mitglieder des Stuttgarter Debattierclubs diskutierten in der Langen Nacht der Demokratie in der Württembergischen Landesbibliothek.

    Die Kraft der Argumente - Mitglieder des Stuttgarter Debattierclubs diskutierten in der Langen Nacht der Demokratie in der Württembergischen Landesbibliothek.

    Jan Sellner
  • "Offene Chöre, offene Gesellschaft", lautete das Angebot des Forums der Kulturen bei der Langen Nacht der Demokratie in der Leonhardskirche.

    "Offene Chöre, offene Gesellschaft", lautete das Angebot des Forums der Kulturen bei der Langen Nacht der Demokratie in der Leonhardskirche.

    Jan Sellner
  • SWR Kultur Forum live auf dem Fernsehturm: Moderatorin Eva Röder sprach mit Joachim Dorfs, Chefredakteur von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, SWR-Intendant Kai Gniffke und Elena Kountidou, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher:innern, über die Rolle der "Vierten Gewalt".

    SWR Kultur Forum live auf dem Fernsehturm: Moderatorin Eva Röder sprach mit Joachim Dorfs, Chefredakteur von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, SWR-Intendant Kai Gniffke und Elena Kountidou, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher:innern, über die Rolle der "Vierten Gewalt".

    Jan Sellner
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Auch auf dem Schlossplatz steht das Wort im Mittelpunkt. Mitglieder von Pulse of Europe um den Organisator Sebastian Hoch haben sich vor der Schosstreppe eine kleine Bühne geschaffen. In den Redebeiträgen geht es um Krieg und Frieden, um die Ukraine und Georgien und darum, wie schnell die Demokratie unter autoritäre Räder kommen kann. An vielen Passanten zieht das scheinbar vorbei, einige blieben stehen. Mehr kann man wohl nicht erwarten. Ein Teilnehmer meint, die Leute hätten keine Zeit, über Demokratie zu reden. Gerade die Jugendlichen. Bei der Mobilen Jugendarbeit am Stand gegenüber hat man einen anderen Eindruck. Sie bietet Demokratie so niederschwellig wie möglich an. Mit Spielen, einem Escape-Room und temporären Tattoos. Die Bänke sind besetzt. Jede Stunde kommt der gut gebuchte „Party-Bus“ vorbei; er pendelt zwischen Jugendhäusern und dem Schlossplatz.

Viel höher angesiedelt, deshalb aber nicht abgehoben, ist ein anderes Angebot. Beim Kultur-Forum  des Südwestrundfunks auf dem Fernsehturm diskutieren bereits am Nachmittag Verantwortliche der Medien über die Frage „Demokratie unter Druck – Was wird aus der ,vierten Gewalt'?“ Joachim Dorfs, Chefredakteur von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, SWR-Intendant Kai Gniffke und Elena Kountidou, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher:innen, sprechen mit Moderatorin Eva Röder über Glaubwürdigkeit, veränderte Mediennutzung und journalistisches Ethos in Zeiten von technischer Transformation und Spardruck. Gniffke warnt davor, in Talkshow-Formaten „Hass zu reproduzieren“, in dem man Vertretern extremer Parteien dort eine Plattform gibt. Und er will EU-weite Regeln für digitale Plattformanbieter, um eine „Privilegierung“ von Qualitätsmedien zu sichern, weil sonst der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht sei.

„Wenn wir den Lokaljournalismus verlieren, dann ist das gefährlich für die Demokratie.“
Elena Kountidou,
Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher:innen

Kountidou fordert, „Fakten zu verteidigen“ und den Lokaljournalismus zu stärken. „Wenn wir den verlieren, dann ist das gefährlich für die Demokratie.“ Die Medien sollten in eigener Sache mutiger auftreten, und „klarmachen, warum sie wichtig sind“. Im Interesse der Mediennutzer müsse es sein, für guten Journalismus auch zu zahlen. Dorfs diagnostiziert eine durch Krisen und Kriege hervorgerufene „News Fatigue“ und plädiert für mehr konstruktiven Journalismus, der angesichts der vielen Veränderungen, von denen sich Menschen bedroht fühlten, Lösungsmöglichkeiten aufzeige. Auch Gniffke will „den Leuten in den gewaltigen Transformationsprozessen zur Seite stehen“. Allen gemeinsam ist das Bekenntnis zu handwerklich sauberer journalistischer Arbeit . Rund 50 Interessierte hören bei der live im Radio übertragenen Runde auf dem Fernsehturm zu.

In der Landeszentrale für politische Bildung in der Heilbronner Straße begegnet man am späten Abend vielen zufriedenen Gesichtern. Am Nachmittag wurde die Einweihung des neuen Standorts gefeiert, am Abend die Demokratie - auch hier mit gutem Zuspruch zu diversen Mitmachaktionen. Direktorin sieht Sybille Thelen sich bestätigt. Wie viele Menschen haben sich an der Langen Nacht der Demokratie nun beteiligt? Die Auswertung erfolgt noch. Es waren wohl mehr als bei der Premiere vor zwei Jahren. Gefühlt.