Jüdische Kulturwochen eröffnet: Ein Abend, der Judentum sichtbar macht

„Wir werden uns als jüdische Gemeinschaft nicht abhalten lassen, unseren Weg mit Ihnen gemeinsam weiterzugehen“ – Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, bei der Eröffnung der 23. jüdischen Kulturwochen im Stuttgarter Rathaus.
Lichtgut/Christoph Schmidt- In Stuttgart wurden die 23. Jüdischen Kulturwochen eröffnet – Motto: „Gemeinsam weiter“.
- Barbara Traub betont Gemeinschaft und Sichtbarkeit jüdischen Lebens ohne Appellzeichen.
- Reden verurteilen Antisemitismus. Das Land führt Ofek fort, so Sozialminister Oliver Hildenbrandt.
- Diskussion mit Ayala Nagel, Sergey Lagodinsky und Philipp Peymann Engel zur Rolle der Mitte.
- Bis zum 15. November sind über 40 Veranstaltungen geplant. Ziel sind 5000 Besucher.
Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.
Wenn die Redewendung stimmt, dass schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, weil diese ein größeres Publikum finden, dann war die Eröffnung der 23. Jüdischen Kulturwochen am Montag im Stuttgarter Rathaus ein wenig zugkräftiger Abend – einer ohne schlechte Nachrichten. Das beginnt bei dem Motto „Gemeinsam weiter – weiter gemeinsam“. Einem Statement, das in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung den Wert von Gemeinschaft betont.
Die Veranstalter hatten lange überlegt, ob sie ihr Motto mit einem Fragezeichen oder einem Ausrufezeichen versehen sollen. Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, schildert den Abwägungsprozess so: „Wenn wir den Anstieg des Antisemitismus und der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft betrachten, dann war uns manchmal das Fragezeichen näher. An anderen Tagen rückte das Ausrufezeichen in den Fokus, vor allem dann, wenn wir aus der Gesellschaft Unterstützung wahrgenommen haben.“
Am Ende verzichteten sie auf beide. Das Fragezeichen schied aus, weil die jüdische Gemeinde sich als integraler Teil der bundesdeutschen Gesellschaft und „unseres vielfältigen und wunderbaren Landes versteht (Traub)“. Das Ausrufezeichen entfiel, weil man „nicht noch einen Appell“ formulieren wollte, wie Barbara Traub betont. Gleichzeitig sieht sie Klärungsbedarf: „Was verstehen wir als Gemeinschaft? Traubs Hoffnung ist, dass die erwarteten 5000 Besucher der Jüdischen Kulturwochen mit dieser Fragestellung umgehen. Bis zum 15. November besteht auf mehr als 40 Veranstaltungen Gelegenheit dazu.
Dabei geht es immer auch um Sichtbarkeit von jüdischem Leben. „Was ist Judentum?“, fragt Traub und liefert vor den rund 300 Besuchern im Sitzungssaal eine eindrückliche Erklärung, die nicht nur das Mitschreiben, sondern auch das Verinnerlichen lohnt: „Ist Judentum eine Religion, ein Glaube? Ja, aber nicht nur. Eine Kultur? Das ist wichtig, reicht aber nicht. Ist es die jüdische Mutter, die Schicksalsgemeinschaft? Ja, aber nicht nur.“ Traub fährt fort: „Ganz bestimmt ist Judentum zweierlei nicht: eine Rasse, zu der uns einst jene erklärten, die mit Fackeln durch die Straßen marschierten. Und genauso wenig Teil einer vermeintlichen Israel-Lobby, an der man sich von extrem Linksaußen ungeniert und selbstgerecht abarbeiten kann.“ „Judentum“, so erklärt Traub, „ist der Wert der Gemeinschaft, der Fromme und Säkulare, Aschkenasim und Sepharden (die beiden großen historischen Hauptgruppen des Judentums), Linke und Rechte, Zentrum und Peripherie über alle Zeiten hinweg verbunden hat. Diese Gemeinschaft wollen wir mit Ihnen teilen.“

Vollbesetzter Sitzungssaal zum Auftakt der Jüdischen Kulturwochen
Lichtgut/Christoph SchmidtDieses Angebot wird von den versammelten Vertretern der Stadtgesellschaft bereitwillig angenommen und erwidert. Das Grußwort von Sozialminister Oliver Hildenbrandt (Grüne) hat den Charakter einer Solidaritätsadresse. Mit Blick auf den zunehmenden Antisemitismus auch in Baden-Württemberg sagt er: „Antisemitismus ist in keiner Weise und in keiner Gestalt zu dulden. Es ist beschämend, wenn das Tragen eines Davidsterns zur Gefahr werden kann.“ Unter Beifall kündigt er an: „Das Land führt Ofek fort!“ Gemeint ist die Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. Der Minister geht von einem entsprechenden positiven Votum des Landtags aus.
Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) greift das Thema Gemeinschaft auf. Stuttgart sei mit der jüdischen Gemeinde besonders eng verbunden, betont sie: „Das geht bei uns über Lippenbekenntnisse weit hinaus.“ Musikalisch unterstrichen wird der Gemeinschaftsgedanke von Preisträgern des Karl-Adler-Musikwettbewerbs, dem jungen Duo Linda und David Schönberger,: „Aus echtem Zuhören wächst immer ein Wir“, heißt es in ihrem Beitrag, der Premiere hat.
Gut aufgehoben fühlt sich in diesem Kreis Philipp Peymann Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung, der Stuttgart als „bürgerlich zivilisierte und aufgeräumte Stadt“ wahrnimmt, im Gegensatz zur „Horrorstadt Berlin“. Gemeinsam mit der Fotokünstlerin Ayala Nagel, deren Ausstellung über deutsch-israelische Freundschaften im Rathaus zu sehen ist, und dem Europaabgeordneten Sergey Lagodinsky (Grüne), diskutiert er über das Motto der Kulturwochen.
Peymann Engel setzt angesichts des „explodierenden Antisemitismus“ auf die gesellschaftliche Mitte. Nagel wehrt sich dagegen, dass Juden „auf bestimmte Bilder und Richtungen reduziert werden“. Und Lagaodinsky, dessen Familie als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge 1993 nach Deutschland kam, sieht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach drei überwiegend guten Jahrzehnten heute wieder in einem „klassischen Diasporaverhältnis“. „Das schmerzt!“, sagt er. Die Verunsicherung reiche sehr tief, „ob wir hier noch eine Zukunft haben“.
Lagaodinsky ruft die jüdische Gemeinschaft dazu auf, aktiv zu werden und „mehr Verantwortung zu übernehmen“. Damit geht für ihn auch ein neues Selbstverständnis einher. „Die Erinnerungsrepublik Deutschland“ sieht er am Ende: „Wir sind nicht die wandelnden Erinnerungen für die Toten der Shoah, sondern wir sind die, die für diese Demokratie kämpfen. Wir geben Deutschland nicht auf. Auch nicht Berlin!“
„Wir wollen in Deutschland bleiben!“
Der aus Frankfurt (dort wurde am Montag die neue Jüdische Akademie eingeweiht) mit einer Videobotschaft zugeschaltete Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, hatte zuvor seinerseits klargestellt: „Wir wollen in Deutschland bleiben!“ Für Barbara Traub wiederum ist klar: „Wir werden uns als jüdische Gemeinschaft nicht abhalten lassen, unseren Weg mit Ihnen gemeinsam weiterzugehen – trotz des vielfach geschürten Hasses.“ Ein Abend, der Beispiele dafür lieferte, wie es gelingen kann, schlechte Nachrichten in positive zu verwandeln.
Weitere Infos und das Programm gibt es unter: www.juedische-kulturwochen-stuttgart.de

