44 Veranstaltungen in 14 Tagen
: Jüdische Kulturwochen setzen ein Zeichen für Gemeinsamkeit

Vom 2. bis 15. November finden in Stuttgart die 23. Jüdischen Kulturwochen statt. Das Programm enthält neben bekannten Schwerpunkten viel Neues und Unerwartetes. Über allem steht ein klares Bekenntnis.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Juedischen Kulturwochen: Stuttgart, Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs stellt das Programm der diesjährigen jüdischen Kulturwochen 

Im Bild: Barbara Traub, Susanne Jakubowski, Mihail Rubinstein

Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, präsentiert das Programm der diesjährigen jüdischen Kulturwochen vom 2 - 15. November in Stuttgart.

Lichtgut/Max Kovalenko
  • In Stuttgart finden vom 2. bis 15. November die 23. Jüdischen Kulturwochen statt.
  • Motto ohne Fragezeichen: „Gemeinsam weiter. Weiter gemeinsam.“ als Bekenntnis zu Zusammenhalt.
  • 44 Veranstaltungen an neuen Orten wie Theater Rampe, Freies Musikzentrum und Theodor-Heuss-Haus.
  • Programm mit Unerwartetem – von Uni-Abend zur NS-Zeit bis „Lesen im Besen“ über Hannelore König.
  • Auftakt im Rathaus: Fotoausstellung „Mit dir bin ich ich“; Fokus auf Menschen statt Politik.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Von einem einzelnen Satzzeichen kann viel abhängen. Erst recht, wenn es sich um ein Fragezeichen handelt. Mit Fragezeichen hätte das Motto der diesjährigen jüdischen Kulturwochen in Stuttgart einen anderen, zweifelnden Zungenschlag gehabt. Und tatsächlich hatten die Organisatoren um Barbara Traub, der Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs,  angesichts der spalterischen Tendenzen in der Gesellschaft lange hin und her überlegt, ehe sie sich dafür entschieden haben, dem Zweifel keinen Raum zu geben, sondern ein kraftvolles Statement in die Stadtgesellschaft hinein zu senden. Nämlich dieses: „Gemeinsam weiter. Weiter gemeinsam.“ Ohne Wenn und Aber und ohne Fragezeichen.

„Wir haben das Bestreben, Stuttgart gemeinsam zu gestalten und uns hier zu engagieren. Gerade jetzt wollen wir als jüdische Gemeinschaft dazu beitragen, das Gemeinsame hervorzukehren. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist heute wichtiger denn je“, sagte Barbara Traub am Freitag bei der Vorstellung des Programms der 23. Jüdischen Kulturwochen vom 2. bis 15. November mit 44 Veranstaltungen in 14 Tagen. „Nach dem 7. Oktober haben uns viele gefragt, ob wir auf gepackten Koffern sitzen“, sagt Susanne Jakubowski, Mitglied der Repräsentanz der israelitischen Religionsgemeinschaft. „Nein, das tun wir nicht. Wir haben die Koffer zurückgestellt.“

Unterstrichen wird das Bekenntnis zu Gemeinschaft durch einen neuen, farbenfrohen Look, der die Handschrift von Gemeindedirektor Michael Rubinstein und Bärbel Mohrmann, Koordinatorin und Ex-Weindorf-Chefin, trägt. Diese Buntheit zieht sich durch den gesamten Auftritt – vom Programmheft bis zum Magen David, dem Davidstern, der einem hier auch als Zeichen für Vielfalt begegnet. Unterstützung erhält die jüdische Gemeinde von der Stadt, dem Land und Partnern, wie der Berthold-Leibinger-Stiftung, dem Stuttgarter Lehrhaus, Porsche, der BW-Bank oder Toto-Lotto.

Stuttgart, Jüdische Gemeinde, 

#tm Mitten dabei - 80 Jahre jüdisches Leben in Stuttgart

Pressegespräch zum Auftakt der Jüdischen Kulturwochen (3.-16. November).

Im Bild: Hr. Rubinschtein und Fr. Traub

Eine Aktion aus dem vergangenen Jahr zum Thema Sprache: Gemeindedirektor Michael Rubinstein und Barbara Traub.

Archiv/Lichtgut/Max Kovalenko

Doch nicht nur der Anstrich ist neu, es gibt auch zusätzliche Angebote und neue Veranstaltungsorte, wie das Theater Rampe, Schauplatz unter anderem eines „kulinarischen Dinner-Talks über die Stadtgesellschaft“, das Freie Musikzentrum in Feuerbach, wo eine szenische Lesung „Jews Undercover“ und ein Jugendmusikwettbewerb stattfinden, das Theaterhaus mit einer großen Schülerveranstaltung oder das Theodor-Heuss-Haus, das einen Familientag ausrichtet.

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Überhaupt enthält das Programm viel Unerwartetes. Etwa einen Abend über die „Verfolgung und Entrechtung an der Technischen Hochschule Stuttgart während der NS-Zeit“. Mit diesem Angebot war die Uni auf die jüdische Gemeinde zugekommen. Sehr zur Freude von Traub, die darin in Zeiten von antijüdischen Ressentiments an Hochschulen ein starkes Zeichen sieht.

Unerwartet ist auch das „Lesen im Besen“, ein Literaturabend in der Besenwirtschaft Ruoff in Uhlbach. Dort geht es um die Lebensgeschichte der Jüdin Hannelore König, die hier in der Landwirtschaft arbeitete und später Staatsanwältin wurde. „Ich bin kein Fräulein, ich bin der Staatsanwalt“, lautete der sprechende Titel der Matinée.

Das Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938, die Verfolgung der Jüdinnen und Juden und die Shoah nimmt auch in diesem Jahr mit mehreren Veranstaltungen einen angemessenen Raum ein. Barbara Traub betont aber auch: „Es gab ein Davor, und es gibt ein Danach.“ Und es gibt ein Heute, in dem die jüdische Gemeinschaft selbstbewusst zeigt, dass sie selbstverständlicher Teil der Stuttgarter Stadtgesellschaft ist mit allem, was dazu gehört: Musik, Literatur, Essen, Feiern. Ob Bier- und Whiskey-Tasting mit Rebbe und Sommelière im Kraftpaule, Kochabende, Filmvorführungen, ein Synagogenkonzert oder eine „Kulinarische Lesung Read & Eat“ im neugestalteten Restaurant Erez im jüdischen Gemeindezentrum mit Hannah Mann, der Urenkelin von Heinrich Mann – viele Facetten des Lebens finden im Programm ihren Niederschlag. „Es wird brummen in der Stadt“, meint Barbara Traub. Es gebe bereits viele Anmeldungen.

Den Auftakt der Kulturwochen bildet traditionell eine Ausstellungseröffnung im Stuttgarter Rathaus am 1. November. In der diesjährigen Fotoausstellung „Mit dir bin ich ich“ geht es um Freundschaften zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen. An anderer Stelle, in dem Dokumentarfilm „Until we talk“,  begegnen sich ein Israeli und ein Palästinenser, die im Nahostkonflikt beide ihre Töchter verloren haben. Auch sonst gilt: Die Menschen sollen im Mittelpunkt stehen, nicht die Politik.

Weitere Infos und das Programm gibt es unter: www.juedische-kulturwochen-stuttgart.de