FDP-Kandidaten: Vom Erfolg kalt erwischt

... ihrer kleinen Tochter
Foto: StNTag 1 nach der Wahl: Judith Skudelny nimmt endlich den Hörer ab. Ja, ein paar Minuten habe sie: "Ich bin gerade beim Stillen." Die 33-Jährige sitzt dabei nicht zu Hause in Leinfelden-Echterdingen auf dem Sofa, sondern wartet in Berlin auf die nächsten Anweisungen. Wenige Stunden vorher hatte sie erfahren, sie werde über Platz 12 der FDP-Landesliste in den Bundestag einziehen. "Noch am Wahlabend um 23 Uhr hat mich Frau Homburger informiert, dass ich am nächsten Tag nach Berlin kommen müsse."
"Soll das ein Witz sein?", fragte Skudelny die Landesvorsitzende irritiert. Schließlich war die kleine Wahlparty in ihrem Elternhaus erst kurz vorher zu Ende gegangen. "Aber das war kein Spaß, das war eine Ansage", erklärt Skudelny am Montag. So packt sie am Morgen ein paar Sachen zusammen, schnappt sich die drei Monate alte Tochter, kauft um 7.30 Uhr ein Flugticket und sitzt wenig später in der Bundeshauptstadt. Sie hat die Nacht nicht ungestört verbracht ("um 4 Uhr haben die mich noch mal rausgeklingelt und bestätigt, dass ich im Bundestag bin"), und ihr Ehemann hat an ihrem ersten Tag in Berlin schon dreimal angerufen, um Details bei der Betreuung des dreijährigen Sohns zu klären. Zum Glück ist der Familienvater selbstständig und kann sich um den Nachwuchs kümmern: "Das haben wir vorher alles so abgesprochen", sagt Judith Skudelny.
Was nun allerdings wirklich auf sie zukommt, kann die 33-Jährige nur ahnen. Womöglich hat sie den Aufwand doch unterschätzt. Ob eine Sitzungswoche pro Monat, wie ihr vorschwebt, wohl ausreicht? Bei dem Pensum, das die agile Frau sonst noch bewältigen will, wäre das reichlich. "Die Familie geht vor" - das soll auf jeden Fall so bleiben, hat die junge Mutter entschieden.
Darüber hinaus will die Juristin ihren Beruf als Rechtsanwältin bei einer Kanzlei in Stuttgart weiter ausüben und ihr Mandat als Stadträtin in der Heimatstadt "auf keinen Fall aufgeben". Immerhin fügt sich ihre kleine Tochter offenbar problemlos in die neue Rolle. Der Flug sei ohne Zwischenfälle verlaufen, sagt Skudelny, "sonst nehme ich sie ja auch ins Büro mit".
Wie viel Engagement ihr das Bundestagsmandat abverlangt, muss sie erst noch herausfinden. Am Montag wurde sie darüber gemeinsam mit anderen neuen Abgeordneten der Liberalen informiert, morgen gibt es eine Einführung zu Sitzungszeiten und Ausschüssen. Das war's an offiziellen Verpflichtungen in Berlin für diese Woche. In Stuttgart stehen dann noch Gerichtstermine an, und am Freitag feiert sie, ganz privat, ihren 34. Geburtstag.
Ihre erste Fraktionssitzung im Bundestag hat die Juristin, wie andere Neulinge auch, schon hinter sich. Dank einer Besichtigungstour dürfte es ihr nicht mehr schwerfallen, sich in der neuen Umgebung zu orientieren. Bevor die frisch gekürten Mandatsträger allerdings ihr eigenes Büro beziehen dürfen, sitzen sie in einem Patenbüro. Judith Skudelny wird von der FDP-Innenpolitikerin Sybille Lauritsch betreut. Einen starken Trumpf hat die Frau von den Fildern mit Blick auf die Vierfachbelastung zwischen Familie, Beruf und zwei Mandaten aber in der Hinterhand: ihre Eltern. "Wir haben uns entschlossen, für diese Zeit nach Berlin zu ziehen", sagen Heide und Gisbert Skudelny, die wie die Tochter im Leinfelden-Echterdinger Stadtteil Stetten wohnen. Zumindest in den Sitzungswochen wollen Mutter und/oder Vater der Tochter helfen, in Berlin die Kinder zu betreuen. Auf so viel Familienzusammenhalt können sich andere nicht stützen. Ebenso kalt erwischt vom Bundestagsmandat wurde Werner Simmling aus dem Wahlkreis Göppingen, der auf Platz 14 überraschend noch den Sprung nach Berlin geschafft hat. Damit sind aus der Region nunmehr fünf Abgeordnete der FDP in Berlin vertreten. In fünf der zehn Wahlkreise kamen die Liberalen sogar auf mehr Zweitstimmen als die SPD.