„Keine Verbotsschilder“
: Deniz Yücel irritiert einige Zuhörer in Ludwigsburg mit seinem Freiheitsbegriff

Deniz Yücel diskutiert in Ludwigsburg Meinungsfreiheit und Debattenkultur. Als der Journalist von der angeblichen Selbstgerechtigkeit in manchen linken Kreisen spricht, knallen Türen.
Von
Michael Soltys
Ludwigsburg
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Talk mit Deniz Yücel in Düsseldorf: Deniz Yücel beim Talk im Rahmen der Gesprächsreihe 'Positionen und Perspektiven' im Düsseldorfer Schauspielhaus. Düsseldorf, 14.06.2026

Deniz Yücel ist mit seiner Interpretation von Freiheit in Ludwigsburg angeeckt. (Archivfoto)

Oliver Langel/Future Image
  • In Ludwigsburg diskutierte Deniz Yücel über Meinungsfreiheit und Debattenkultur.
  • Er lehnte „Verbotsschilder“ ab und forderte Gespräche ohne Brandmauern.
  • Yücel kritisierte schärfere staatliche Maßnahmen und nannte Klagen „einschüchternd“.
  • Habeck und Baerbock bezeichnete er als „Heulsusen“ – im Saal knallten Türen.
  • Sein Fazit: Meinungsfreiheit ist „schon okay“, sie müsse aber praktiziert werden.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es war eine großangelegte Frage, mit der Ludger Engels das Gespräch mit seinem Gast Deniz Yücel eröffnete: „Ist die Kunst frei, ist die Gesellschaft frei?“ Doch der Journalist und langjährige Redakteur von „taz“ und „Welt“, deutschlandweit bekannt geworden durch seine Inhaftierung in der Türkei, sah sich überfordert: „Das müssen Sie Kant oder Habermas fragen“, verwies er den Leiter der Akademie der Darstellenden Kunst (ADK) auf die beiden deutschen Philosophen.

Ludger Engels hatte die Frage gestellt, der die ADK und die benachbarte Filmakademie am Donnerstag und Freitag vor dem Tag der Deutschen Einheit bei ihrem „Fest der Freiheit“ nachgegangen waren, einer Art Tag der offenen Tür. Das Publikum konnte sich an Workshops und Diskussionen beteiligen, an Führungen teilnehmen und die Arbeit der Filmakademie und der ADK kennenlernen.

Welche Dimensionen der Begriff der Freiheit hat, zeigten auch die Aufführungen: Gelesen wurden unter anderem „Texte über die Freiheit“ von Christian Friedrich Daniel Schubart, dem Dichter, der ab 1777 zehn Jahre lang auf dem Hohenasperg gefangen gehalten wurde. „Je veux“, das Lied von Zaz über den unbedingten Wunsch nach persönlichem Glück und Freiheit, war ebenso zu hören wie „Strange Fruit“, das bittere Gedicht über die Lynchjustiz im US-amerikanischen Süden, das die Jazz-Sängerin Billie Holiday in den 1930er-Jahren weltberühmt machte.

Habeck und Baerbock sind „Heulsusen“

Dann wurde es politisch: Die Diskussion mit Deniz Yücel war als Abschluss und Höhepunkt des Festes auf dem Ludwigsburger Hochschulcampus geplant. Yücel, eloquent und einnehmend, vertrat dabei einen Freiheitsbegriff, der manchen Zuhörer irritierte. „Es gibt keine Verbotsschilder“, machte er deutlich. Für niemanden. Für niemanden. Auch für keinen Rechtsaußen und schon gar nicht für die AfD, auf die schnell die Rede kam. Ein Gespräch, bei dem eine Seite nicht bereit sei, dem Gegenüber ein Minimum an Wahrhaftigkeit zuzugestehen oder einzuräumen, er könnte vielleicht doch an irgendeinem Punkt recht haben, sei kein Gespräch, sondern ein „Verhör“.

Die Debattenkultur in Deutschland habe eine falsche Richtung genommen, fuhr Yücel fort. Der Staat habe seine Zwangsmaßnahmen geschärft. Wer einen „Witz auf schlechtem Niveau“ macht und seinem politischen Gegner auf Wahlplakaten einen Hitlerbart aufmalt, könne wegen Beleidigung belangt werden. Es reiche schon aus, Robert Habeck in sozialen Medien einen „Schwachkopf“ zu nennen, damit die Polizei vor der Tür stehe, führte Yücel ein konkretes Beispiel an. „Das alles hat einschüchternde Wirkung.“ Habeck und die frühere Außenministerin Annalena Baerbock, die gerichtlich gegen solche Äußerungen vorgegangen sind, nannte er „Heulsusen“.

Statt Verboten und Brandmauern helfe nur Reden, wie es Yücel in der Vergangenheit mit Veranstaltungen in Ostdeutschland versucht hat. Doch das Reden wird schwieriger. Während sich vor einigen Jahren prominente AfD-Anhänger noch dem offenen Gespräch stellten, ist das heute deutlich anders. Die Bereitschaft, zuzuhören, sinke auf allen Seiten.

Yücel warnte vor der Tendenz, aus politischen Gegnern Feinde zu machen. Das „Nein zur AfD“ sei nicht der Maßstab der Meinungsfreiheit. Da knallten dann schon ein paar Türen im Saal, wenn Yücel von der „Selbstgerechtigkeit und Selbstvergewisserung“ in manchen linken Kreisen sprach. Wie aber umgehen mit den Versuchen von Rechtsaußen, das Leben von Menschen einzuschränken, die nicht in das Wertesystem von Rechtsaußen passen? Denn die Bedrohungen sind konkret.

„Man muss sie praktizieren.“
Deniz Yücel
Journalist über die Meinungsfreiheit

Wie kommt man aus seiner eigenen Blase heraus und „wie kann man mutig bleiben?“, fragte Maya Sultanova, eine Deutsche mit kurdischen Wurzeln. Aleksandr Kapeliush, ein angehender Regisseur, hatte sein Regiestudium in Moskau mit Beginn des Ukraine-Krieges aufgegeben und war nach Israel ausgewandert. Was tun, wenn schwule oder queere Menschen als Feindbild dienen, als extremistisch, kriminell und unerwünscht gelten, fragte er Yücel?

Ob Yücels Antwort ihn überzeugte? Während seiner Inhaftierung wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ habe er selbst keine Angst gehabt und nichts bedauert. Als „Mahnmal der Meinungsfreiheit“ will er deshalb nicht verstanden werden. „Humor und Gelassenheit“ helfen aus Yücels Sicht, wenn Feindbilder „so absurd und lächerlich erscheinen“.

Also, wie steht es um die Meinungsfreiheit? „Schon okay“, beantwortete Deniz Yücel die Frage von Ludger Engels gleich zu Beginn, „aber es könnte besser sein“. Wichtig sei: „Man muss sie praktizieren.“