Bayreuther Festspiele: Der einhellig ausgebuhte „KI“-Ring

Die unendliche Bilderflut auch in der „Götterdämmerung“: Das Finale des „Rings des Nibelungen“.
Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele/dpa- Bayreuth zeigt den „Ring des Nibelungen“ mit KI-Projektionen, kuratiert von Marcus Lobbes.
- Die KI erzeugt live wechselnde Bilder, Personenregie fehlt – halbkonzertantes Konzept.
- Die Bilderflut überlagert oft die Musik, die Themen des Werks bleiben weitgehend ungenutzt.
- Christian Thielemann überzeugt musikalisch, mehrere Sängerleistungen werden hervorgehoben.
- Zum Schluss der „Götterdämmerung“ ist ein starker Buhsturm wahrscheinlich.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Das war ein gnadenlos einhelliger Buhsturm, samt Pfeifkonzert! Nach vier Aufführungstagen, nach vierzehneinhalb Stunden Wagner-Musik darf das Publikum seinem Ärger Luft machen. Beim „Ring des Nibelungen“ haben die Bayreuther Festspiele eine besondere Applaus-Ordnung: Erst zum Schluss, nach der „Götterdämmerung“, tritt der Regisseur mit seinem Team an die Rampe. Und das ist selbst schon große Oper.
Als sich Frank Castorf 2013 nach der Premiere den geballten Unmut abholte, blieb er einfach zehn Minuten lang stehen, trieb die Wagnerianer zur Weißglut und zeigte ihnen den Vogel. 2022 buhten die Zuschauerinnen und Zuschauer den jungen Valentin Schwarz brutal bis höllisch aus. Und jetzt der „Ring“ im Jubiläumsjahr, 150 Jahre nach Gründung der Festspiele? Es gab noch nicht einmal einen Regisseur, der abgestraft wurde: Sondern nur einen „Kurator“: Marcus Lobbes, der mit seinem Team (Digital- und KI-Storytelling, Creative Art, Visual Art) die Tetralogie mit Künstlicher Intelligenz inszenierte.
Nein, auch falsch: Sie fütterten ein KI-Modell mit historischem Bildmaterial der Bayreuther „Ring“-Inszenierungen seit 1876, der Rezeptionsgeschichte sowie Fotos des Weltgeschehens und ließen ihr dann live fast freie Hand für eine atemlos, ständig sich aufbauende und wieder verwischende digitale Malerei. Personenregie? Fehlanzeige. Der Kurator platzierte das Sängerensemble in gleichmacherisch grauweiß gefiederten Kostümen (Pia Maria Mackert) vor einem Gazevorhang in einem hologrammähnlichen optischen Raum. Erst in der „Götterdämmerung“ durfte Hagen (Mika Kares) dem Siegfried auch wirklich mal den (unsichtbaren) Speer in den Rücken stoßen.
„Vom Mythos zum Code“
Gewiss, nach dem Schwarz-Flop hatte ein neuer „Ring“ zum Jubiläumsjahr produziert werden müssen. Auch aus akutem Geldmangel fand Festspielchefin Katharina Wagner, durchaus avantgardistisch, diese Lösung: halbkonzertant, mit KI-generierten Projektionen. Das Bühnenfestspiel stand unter der Überschrift: „Ring 10010110 – vom Mythos zum Code“.
Auch die Kunst- und Opernwelt kann und will sich dieser digitalen Zukunft nicht verweigern. Aber noch hat die Künstliche Intelligenz kein menschliches Bewusstsein. Kurz gesagt: So ästhetisch bunt bis faszinierend die Bilder des „Rings“ mit kreativer Hilfe erzeugt werden, ein künstlerischer Kopf sollte Ablauf und Wirkung steuern. Man könnte auch ganz altmodisch den Job mit Regisseur/Regisseurin beschreiben.
Das schwitzende Publikum und die Klimakatastrophe
Es mag Liebhaber konzertanter Oper geben, aber selbst die großartigste musikalische Aufführung wirkt noch weit eindrucksvoller, wenn dazu sichtbar, inhaltsreich eine Geschichte erzählt und gespielt wird. In Bayreuth ist es so, dass die Bilderflut die Musik sogar bedrängt bis neutralisiert. Dabei gäbe es so viele Themen, zu der Wagners Werk befragt werden könnte: etwa die Klimakatastrophe – die Weltesche ist verdorrt, aus der Wotan machtgierig einen Ast brach für den Schaft seines Speers. Das im Festspielhaus schwitzende Publikum verstünde solche Interpretation sofort.
Pausengespräche bei 35 Grad auf dem Grünen Hügel: Es läuft ein Quiz. Wer hat was gesehen und was könnte es bedeuten? Ah ja, das war doch im „Siegfried“ das kommunistische Mount Rushemore mit Mao aus dem Castorf-„Ring“? Die Zitate aus der Festspielgeschichte? Nett, aber wer kann sie entschlüsseln? Hilfreich wäre eine begleitende dokumentarische Ausstellung. Und was hat die Mondlandung der US-Astronauten mit dem jungen ungestümen Helden Siegfried zu tun? Warum tauchen die Nachkriegs-Festspielchefs Wolfgang und Wieland Wagner auf – hat der Waldvogel das der KI gezwitschert?
Augen zu und genießen
Zugegeben, der Rezensent hatte im Finale des dritten „Siegfried“-Akts oft die Augen geschlossen – um dieser wunderbaren Musik, die Christian Thielemann so romantisch aufführte, ungestört zu lauschen; einer ohne KI geschaffenen, von Menschen unnachahmlich live dargebotenen Musik. Siegfried entdeckt Brünnhilde, lernt das Fürchten: die Liebe. Und die Sonne geht strahlend auf. Funkelnde Sternenmusik. Heiligste Klänge. Leise dahinwehende Streicher, herrliche Bläser-Soli, kraftvoll aufbrausende Orchestermalerei aus dem verdeckten Graben, explosive Wucht. Aber selbst im emotional komplexen Verschmelzen der vielen Leitmotive ist bei Thielemann in der grandios-plastischen Akustik des Festspielhauses noch die kleinste melodische Bewegung zu hören.
Und dann macht man die Augen wieder auf und sieht: den reinsten Kitsch. Die Liebe? Da fallen dieser KI nur billigste Figurenschemata ein, computergenerierte Abziehbilder für Supermarktheftchen. Peinlich, ein Tiefpunkt.

Eine Szene aus der „Walküre“
Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele/dpaZu bewundern dagegen: etwa der Grand Slam von Tenor Klaus Florian Vogt mit seinem ganz eigenen, hell ätherischen Schmelz: Loge, Siegmund, junger und alter Siegfried. Vier Tage, vier Partien! Phänomenal, wie Gerhard Siegel den Mime sang: nicht die fies verhuschte Karikatur, sondern fast heldentenoral. Christa Mayer ist eine tief mysteriöse Erda und dann eine starke Waltraude. Michael Volle als Wotan und als geschlagen abtretender Wanderer: eine Autorität, oft liedhaft textverständlich. Und Camilla Nylund drehte als Brünnhilde mächtig auf, mit gewaltigem Vibrato teils, aber auch mit innigst flutenden Emotionen. Ein gefeiertes Ensemble.

Was die KI so ausspuckt. Wolfgang und Wieland Wagner im "Siegfried"
Enrico Nawrath/Bayreuther FestspieleAber dieser „Ring“ ist vor allem der Triumph von Christian Thielemann, der das hervorragende Festspielorchester wie aus dem Moment heraus dramatisch aufwühlend führt. Bezeichnend: Bei den drei großen Zwischenspielen in der „Götterdämmerung“, etwa Siegfrieds Tod, geht der Vorhang zu. Das ist auch eine Kapitulation der „KI“-Bebilderer. „Sehen Sie nicht so viel hin, hören Sie zu!“, wird Wagner im Programmbuch zitiert.
Die braune Geschichte aufgearbeitet
In Bayreuth, dessen braune Geschichte Katharina Wagner mit deutlichen Worten und auch mit der Einladung von Michel Friedman zu einer „Gesellschaftsanalyse“ beeindruckend aufarbeitet, wird es allemal weitergehen. Es gab in der vergangenen Woche auch einen „Exkurs in die Untiefen des Meisters“ unter dem Titel „Realitot oder Wagner in Endzeitstimmung“. Und im Richard Wagner Museum läuft Felix Burgers Videoinstallation „Swanhood“, in der ein Junge am Ende mit dem Riesenhammer ein gipsernes Festspielhaus zertrümmert. Aber das sind nur Beispiele, wie man sich unendlich am Werk Wagners abarbeiten kann.
Der Normalbesucher freilich würde einfach gerne für sein Geld im weltweit einmaligen Bayreuther Festspielhaus eine so aufrüttelnde, inhaltsreiche wie emotionale Inszenierung des „Rings des Nibelungen“ erleben.
Die neuen Wagner-Bücher des Sommers
Was lesen die Wagner-Liebhaber in diesem Festspielsommer – außer Textbücher der Opern, weil der KI-„Ring“ keine Geschichte erzählt? Ein Gesprächsthema ist das Buch „Von Bayreuth nach Auschwitz“ von Anno Mungen. Der Theater- und Musikwissenschaftler analysiert die Verstrickung von Bayreuth mit dem Nationalsozialismus und überhaupt dem völkischen Erbe Wagners (Westend Verlag). Und der große Wagner-Kenner Stephan Mösch hat die Festspielgeschichte untersucht und facettenreich dargestellt: „Bayreuth als Theater“ (Bärenreiter/Metzler).


