Eine karge, aber wunderbar stille Landschaft: Die Inselgruppe Les Écréhous Foto: Monika Höna

Nahe an Frankreich, aber sehr britisch: Die Kanalinsel Jersey punktet mit ihrer vielfältigen Küstenlandschaft und extremen Gezeitenunterschieden

Linda Rothera liebt das Meer, kann vom nassen Element gar nicht genug bekommen, und freut sich jedes Mal, wenn sie sich auf Jersey wieder in die Fluten stürzen kann. „It’s my favourite“, sagt die 47-jährige Engländerin aus London, die auf der Insel Freunde hat und diese fast jeden Sommer besucht, um in einer der zahlreichen Buchten ihren Lieblingssport auszuüben.

 

Sie hat auch schon bei „30 bays in 30 days“ mitgemacht, einer jedes Jahr im Juli veranstalteten Aktion, bei der möglichst viele Menschen aufgerufen sind, sich nach Möglichkeit 30 Tage lang täglich in einer anderen Bucht ins oder aufs Wasser zu begeben und durch ihre Teilnahmegebühr karitative Einrichtungen vor Ort zu unterstützen.

Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut kann bis zu 12,5 Meter betragen

Wie vielfältig und abwechslungsreich Jerseys Küste ist, lässt sich aber auch ohne sportliche Herausforderungen erleben. Denn vom Meer ist man auf der 14,5 Kilometer langen und neun Kilometer breiten Insel nie weit entfernt. Je nach Standort kann man an fast endlosen Sandstränden die gar nicht so selten scheinende Sonne genießen, an steilen Klippen die tosende Brandung bestaunen oder auf gut erschlossenen Wegen die Küste abwandern. Etwa von der mittelalterlichen Burgruine Groznez Castle an der Nordwestspitze zunächst auf einem Klippenweg und dann am kilometerlangen Strand der St. Ouen’s Bay entlang bis zum Corbière-Leuchtturm im Südwesten. Der 19 Meter hohe Turm wurde 1873 auf einer Landzunge errichtet und ist bei Ebbe trockenen Fußes über den Dammweg erreichbar.

Einmalig ist auch das riesige, im Osten gelegene Felsenwatt, das bei Ebbe durchwandert werden kann. Dabei sollte man allerdings stets die Gezeiten im Blick behalten, die auf Jersey enormen Schwankungen unterliegen. Bis zu 12,5 Meter kann der Unterschied zwischen Ebbe und Flut betragen, was ziemlich schnell gefährlich werden kann, wenn jemand vom Strand weit hinausläuft, um endlich ans Meer zu kommen. Denn wenn die Flut erst einmal anrollt, wird der Weg zurück oft zum Wettlauf gegen die Zeit. Kein Wunder, dass unerfahrenen Besuchern eine geführte Tour empfohlen wird.

Jersey liegt im Ärmelkanal Foto: STZN/Lange

Wer zum Beispiel mit Trudie Hairon loszieht, hat nichts zu befürchten. Wie alle Tourguides hält sie sich stets über die Gezeiten auf dem Laufenden und bietet den mehrstündigen Ausflug zum Seymour Tower und zurück nur während der ungefährlichen Ebbe-Phase an. Ihn zu buchen und sich von Trudie Hairon in die Geheimnisse der erstaunlich vielfältigen Flora und Fauna einweihen zu lassen, ist ein lehrreiches Erlebnis, lebt die erfahrene Wattkennerin doch seit 15 Jahren auf Jersey. „Was mich hier am meisten begeistert, sind der weite Horizont und die ständige Veränderung der Küste durch die Gezeiten“, sagt die gebürtige Augsburgerin.

Es gibt viele französische Spuren

Die Welt der Algen, Muscheln, Krebse, Austern offenbart sich als faszinierender Kosmos, der in der „Royal Bay of Grouville“, überragt von Jerseys ältester, sehr gut erhaltener Burganlage Mont Orgueil Castle, optimale Bedingungen vorfindet. „Keine Industrie, keine großen Schiffe und viel Plankton“, erklärt Trudie Hairon und lotst die Gruppe zu den reihenweise in großen Säcken gelagerten Austernkolonien, die alle drei bis vier Monate gedreht werden müssen, ehe sie nach einigen Jahren auf den Tellern lokaler Restaurants landen oder ins nahe und ferne Ausland exportiert werden.

Zur Feinschmeckernation Frankreich ist es von hier nur ein Katzensprung, was in der Geschichte Jerseys bis in die Gegenwart sichtbare Spuren hinterlassen hat, etwa an den vielen französischen Straßen- und Hausnamen oder auf den Speisekarten, die stets eine reiche Auswahl an fangfrischem Meeresgetier aufweisen.

Im Lauf der Jahrhunderte kämpften Engländer und Franzosen immer wieder erbittert um die Insel, wobei die Briten meist die Oberhand behielten. Die wechselvolle Inselgeschichte lässt sich in der Hauptstadt St. Helier im Jersey Museum, einem alten Stadthaus aus viktorianischer Zeit, verfolgen.

Natürlich wird auch der Zweite Weltkrieg nicht ausgespart, lebten die 41 000 Einwohner Jerseys von Juli 1940 bis Mai 1945 doch unter der Besatzung von 11 000 deutschen Soldaten. Eine ganze Wand mit unzähligen Porträts und interessanten Hörbeispielen erinnert im Museum an die Erfahrungen und Gedanken der Menschen jener Zeit.

Sehenswert sind in dem Zusammenhang die Jersey War Tunnels im Inselinneren. Dort haben die Nationalsozialisten ab 1941 von hunderten Zwangsarbeitern ein unterirdisches Tunnelsystem zunächst als Munitionslager anlegen lassen, das später in ein Lazarett umgewandelt wurde. Heute befindet sich darin ein Dokumentationszentrum mit verschiedenen Ausstellungen.

Ein Steuerparadies für die Finanzwirtschaft

Eine Skulptur auf dem Liberation Square in St. Helier, bestehend aus einer Menschengruppe mit wehender britischer Flagge, erinnert seit 1995 an die Befreiung im Mai 1945. Wie alle Kanalinseln genießt auch Jersey heutzutage einen politischen Sonderstatus. Es ist zwar der englischen Krone unterstellt, aber nicht Teil des Vereinigten Königreichs. In dem Steuerparadies ist vor allem die Finanzwirtschaft üppig vertreten, was sich an den vielen Banken und Versicherungen in St. Helier ablesen lässt. Hübsche Läden und Geschäfte, eine schmucke, 1881 erbaute Markthalle, Museen und Galerien sowie zahlreiche Pubs, Cafés und Restaurants sorgen für städtisches Flair und Ausgehmöglichkeiten.

Beschaulicher, aber sehr stimmungsvoll geht es am anderen Ende der rund vier Kilometer langen Bucht im kleinen St. Aubin zu, wo man im lebhaften Hafenviertel umherspazieren und auf netten Terrassen eine Erfrischung mit Meerblick genießen kann. Sollte ein Regenschauer das Outdoor-Vergnügen verhindern, lässt man sich seinen Cream Tea oder einen Cocktail einfach in einem der stilvollen Hotels oder in einer gemütlichen Bar servieren. Und wieder lockt das Meer. Vom Anleger bei St. Catherine’s Breakwater im Nordosten geht es im Schnellboot, das in rasanter Fahrt über die Wellen hüpft, auf die rund zehn Kilometer entfernte Inselgruppe Les Écréhous. Dort warten außer ein paar verlassenen Fischerhütten nur Felsen, Steine und einsame Buchten. Eine karge, aber wunderbar stille Landschaft, bevölkert nur von Vögeln und Kegelrobben. Mit etwas Glück, so die Skipper von Jersey Seafaris, bekommt man hin und wieder auch Delfine zu sehen.

Der zweistündige Aufenthalt, eine Art meditative Auszeit mitten im blau leuchtenden Meer, führt einem einmal mehr die Schönheit dieser kleinen Inselwelt vor Augen, an der auch Einheimische ihre helle Freude haben. „Die Vielfalt von Jersey und allen Kanalinseln ist einfach überwältigend“, meint der seit einem Jahr dort lebende Lehrer Domonic, der den Ausflug zusammen mit seiner aus Kanada stammenden Frau Justine unternommen hat. „A real treat“, ein echter Genuss, lobt das junge Paar, das das Inselleben noch mindestens fünf bis zehn weitere Jahre genießen will. Man könnte fast ein bisschen neidisch werden.

Info

Anreise
 Direktflüge aus Deutschland nach Jersey gibt es von Ende April bis Ende Oktober samstags von München mit Air Dolomiti, www.airdolomiti.de, von anderen Flughäfen teilweise täglich mit Umstieg in London. Mit der Bahn geht es ab Stuttgart via Paris und Rennes nach St. Malo und von dort mit der Fähre nach Jersey, www.bahn.de , www.sncf-connect.com , www.dfds.com .

Einreise
Von April 2025 an ist neben dem Reisepass auch eine Einreisegenehmigung erforderlich. Diese kostet umgerechnet etwa 12 Euro pro Person, gilt zwei Jahre und kann über die Webseite der britischen Regierung beantragt werden, www.gov.uk .

Unterkunft
Ein modernes Boutique-Hotel mit Spa-Bereich in St. Helier ist The Club Hotel & Spa, Doppelzimmer mit Frühstück ab 143 Euro, www.theclubjersey.com . Viel historisches Flair findet man im Old Court House in St. Aubin, Doppelzimmer mit Frühstück ab ca. 170 Euro, www.oldcourthousejersey.com .

Essen und Trinken
Eine reiche Auswahl und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis findet man im Salty Dog Bar & Bistro in St. Aubin, www.saltydogbistro.com . Direkt am Strand: Le Braye Bistro nahe St. Brelade, www.lebraye.com .

Aktivitäten
Interessante Inselführungen: www.suejerseytourguide.com .Felsenriffwanderung mit Trudie Hairon: www.jerseywalkadventures.co.uk . Kriegstunnel (März bis November): www.jerseywartunnels.com . Museum zur Inselgeschichte und Mont Orgueil Castle, geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr, www.jerseyheritage.org . Bootsausflug zu Les Écréhous: www.jerseyseafaris.com .Um auf der Insel von einem Ort zum anderen zu gelangen, steht ein gut ausgebautes Busnetz zur Verfügung. Weiter Informationen unter: https://libertybus.je/ Bequem ist man auch mit Fahrrädern unterwegs, die auf den „Green Lanes“ Vorfahrt haben und an vielen Orten ausgeliehen werden können.

Allgemeine Informationen
Visit Jersey, www.jersey.com