In Stuttgart fehlt es an geeigneten Ausweichflächen für hier heimische Reptilien – das führt zu widersinnigen Aktionen, beobachtet Lokalchef Jan Sellner. Wieder einmal.
Stuttgart - Alles hängt mit allem irgendwie zusammen. Das zeigt sich gerade wieder einmal beim Thema Stuttgart 21. In diesem Fall hängt Untertürkheim mit Heslach zusammen, der geplante Abstellbahnhof im Osten mit der Abholzung von Büschen und Bäumen im Süden – und schließlich die Population der Stuttgarter Mauereidechsen mit der der Smaragdeidechsen.
Doch der Reihe nach. In Untertürkheim will die Bahn auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs einen für das Projekt Stuttgart 21 wichtigen Abstellbahnhof bauen. Dummerweise spielen die Natur und der Artenschutz nicht mit. Jedenfalls stehen dem Bauvorhaben geschätzte 4350 Stuttgart-typische Mauereidechsen entgegen, die auf dem Gelände heimisch geworden sind. Vor einem Baustart müssen die Reptilien umgesiedelt werden. Nicht irgendwohin, sondern in ein ausreichend großes und hinreichend geeignetes Gebiet. Die von der Bahn bisher ins Auge gefassten Flächen reichen dafür nicht aus. An dieser Stelle kommen der Stuttgarter Süden und die dort verkehrende Panoramabahn ins Spiel. Gleisnahe Flächen in Heslach, so das Kalkül der Bahn, könnten als Ausweichquartier für die Mauereidechsen aus Untertürkheim dienen.
Stuttgarts neues Wappentier
Damit sind wir beim Rückschnitt von Bäumen und Büschen entlang der Panoramabahn, der rechtlich nicht zu beanstanden ist, nach der Beobachtung von alteingesessenen Heslachern in diesen Tagen so radikal ausfällt wie nie zuvor. Heftige Missfallensbekundungen sind die Folge. Die so entstandenen Kahlflächen sollen allerdings auch nicht den Heslachern gefallen, sondern den Untertürkheimer Mauereidechsen und dem Eisenbahn-Bundesamt, das darüber befindet, ob das Ausweichquartier den strengen Anforderungen des Artenschutzes genügt.
Alles hängt mit allem zusammen, deshalb ergibt aber noch lange nicht alles Sinn. Denn der Stuttgarter Süden ist bereits von Eidechsen besiedelt, wie Stuttgart überhaupt eine an Reptilien reiche Stadt ist. Würde man heute über ein neues Wappentier nachdenken, fielen einem an erster Stelle Eidechsen und Borkenkäfer ein und nicht Stuten und Rösser. Die Zahl der Mauereidechsen übersteigt mit gutachterlich bestätigten 140 000 Exemplaren die der Pferde im früheren Stutengarten jedenfalls um ein Vielfaches.
Auch aus Hofen müssen Eidechsen umgesiedelt werden
Nach diesem Ausflug ins Allgemeine zurück nach Heslach ins Konkrete: Die Abholzarbeiten zugunsten der Untertürkheimer Mauereidechsen lösen auch deshalb Kritik aus, weil sie zur Folge haben könnten, dass den in Heslach wohnenden Smaragdeidechsen das Leben schwer gemacht wird. Ohne Gebüsch, so die Sorge von Ortskundigen, fehlt ihnen der natürliche Schutz; sie drohen leichte Beute für Greifvögel zu werden. Unklar auch, wie die verschiedenen Populationen aufeinander reagieren. Das Ganze wirkt deshalb doch recht widersinnig. Immerhin scheint der Vorschlag der CDU-Gemeinderatsfraktion vom Tisch, in Heslach statt Untertürkheimer Mauereidechsen Hofener Zauneidechsen anzusiedeln, denn auch aus dem dortigen neuen Baugebiet müssen Reptilien umgesiedelt werden, was ausnahmsweise nicht mit Stuttgart 21 zusammenhängt – anders als die Mauereidechsen, die vor zwei Jahren mit immensem Aufwand vom Neckartal auf den Killesberg verfrachtet worden sind.
Man kann sie umsiedeln, wie man will, es zeigt sich immer wieder: Stuttgart hat ein Reptilien-Problem. Nach den strengen Regeln des Artenschutzes gibt es für sie in der weiter wachsenden Stadt keine Ausweichflächen mehr. Die Eidechsen können allerdings am wenigsten etwas dafür. Und auch nicht die Heslacher.
jan.sellner@stzn.de