Für Feldhasen ist das Stuttgarter Stadtgebiet ein idealer Lebensraum. Wenn da die wachsende Zahl an Hunden und das Bauprojekt S21 nicht wären.
In Parks und auf weitläufigen Grünflächen sind sie im Stuttgarter Stadtgebiet längst keine seltenen Gäste mehr – seit Jahren sind Wildhasen dort heimisch. Vor allem im Rosensteinpark in Bad Cannstatt trifft man die Nager an. Wie viele es sind, lässt sich nicht genau sagen, denn die Stadt Stuttgart selbst erhebt keine Zahlen von Feldhasen oder Wildkaninchen. Die Bereiche Rosensteinpark, Schlossgarten und Schlossplatz sind zudem Liegenschaften des Landes. Laut Angaben des Landwirtschaftlichen Zentrums Baden-Württemberg (LAZBW) lag die Feldhasenpopulation dort zwischen 2011 und 2022, dem letzten Jahr der Erhebung, bei einem Gesamtmittelwert von 97 Feldhasen pro Quadratkilometer Parkfläche.
Seit dem Jahr 2022 wird die Feldhasenpopulation im Rosensteinpark in Stuttgart nicht mehr erhoben. Dennoch beobachten Stuttgarterinnen und Stuttgarter immer wieder, wie die Fellnasen in städtischem Gebiet unterwegs sind – teils im Schlossgarten am Eckensee oder im Schutz der Dunkelheit gar auf den Grünflächen am Schlossplatz. Erst kürzlich kursierte das Bild eines Mümmlers im Netz, der im Schutz der Dunkelheit direkt auf den Wiesen am Schlossplatz auf Futtersuche war.
Dass Feldhasen häufig dicht besiedelte Bereiche aufsuchen, bestätigt auch Johanna Arnold vom Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW), die dort an der Wildforschungsstelle unter anderem für das landesweite Wildtiermonitoring zuständig ist. „Feldhasen leben zunehmend auch in städtischen Gebieten und kommen dort in recht hohen Dichten vor“, erklärt sie.
Stuttgarts Parks und Grünanlagen als reichhaltiges Büffet für Feldhasen
Doch was treibt die scheuen Tiere in die stark von Menschen frequentierte Innenstadt? Die Gründe dafür sind vielseitig: Zum einen profitierten die Feldhasen in städtischen Parks von einem guten Nahrungsangebot, erklärt die Wissenschaftlerin. „In Parks, Grünanlagen, Gärten, auf Sportplätzen oder Brachflächen finden Feldhasen reichlich Gras, Kräuter und junge Triebe – oft ganzjährig und nährstoffreich“, so Arnold. „Besonders Häsinnen benötigen nährstoffreiche Pflanzen, um ihre Jungtiere aufzuziehen.“ Auch Abfall und weggeworfene Lebensmittel locken die Tiere in die Innenstadt.
Die Scheu vor Menschen könnten Hasen dafür schnell ablegen. „Feldhasen sind sehr anpassungsfähig und lernen, menschliche Aktivität einzuschätzen“, so Arnold. „Wenn sie nicht verfolgt werden, verlieren sie einen Teil ihrer Scheu und können so die Zeit für fressen und ruhen nutzen.“
Städte bieten Hasen ein sicheres Umfeld
Ohnehin böten Städte den Hasen ein sichereres Umfeld als in ländlicheren Gebieten. „In Städten gibt es meist weniger Füchse, Marder oder Greifvögel als in der offenen Agrarlandschaft.“ Neben dem Sicherheitsfaktor spielen auch das städtische Klima und die abwechslungsreichen Lebensräume in der Stadt eine Rolle. „Städte sind häufiger wärmer als das Umland. Gerade im Winter spart das den Hasen Energie und kann die Überlebenschancen von Jungtieren erhöhen“, erklärt die Expertin.
Zudem böten städtische Grünflächen mit ihrem bunten Mix aus Hecken, Wiesen, Böschungen und Brachen gute Deckung und Ruheplätze, gerade für Jungtiere. Denn diese seien in reproduktionsstarken Wildtierpopulationen der Motor des Populationswachstums. „Überleben mehr, kann die Population stabil bleiben oder ansteigen.“
In allen 23 Stuttgarter Stadtbezirken leben Feldhasen
Auch wenn es keine genauen, aktuellen Zahlen zur Hasenpopulation im Stuttgarter Stadtgebiet gibt, dass sie sich in allen 23 Stadtbezirken aufhalten, kann auch Wildbiologe Klaus Lachenmaier vom Landesjagdverband bestätigen. Auch innerstädtische Bezirke ohne Felder, aber mit Parkanlagen, Wäldern oder Gartengebieten seien besiedelt. Naturgemäß seien aber Stadtbezirke mit höheren Anteilen an Feldflur am Nordrand wie etwa Weilimdorf, Stammheim, Mühlhausen sowie der Südrand der Stadt (Plieningen, Möhringen, Vaihingen) die Hauptlebensräume der Nager.
Landesweit beobachte man bei Feldhasen seit einigen Jahren einen positiven Trend, was die Ausbreitung betrifft, erklärt Lachenmaier. Wie sieht die Tendenz im Raum Stuttgart aus? „Stuttgart mit seinen so unterschiedlichen und vor allem urbanen Lebensräumen profitiert davon wohl nicht so stark“, so der Wildbiologe. „Wir sehen aber auch keinen Rückgang. Ein über die Jahre und Jahrzehnte schwankender Bestand ist bei Hasen und vielen anderen Arten aus Gründen natürlicher Schwankungen normal.“
Lebensräume für Hasen durch Projekte wie S21 verloren gegangen
Gleichzeitig sieht Lachenmaier bei einigen Flächen in Stuttgart Probleme, die die Hasen von dort vertreiben könnten oder das bereits geschehen ist. Denn der Mensch greift immer stärker in den Lebensraum der Tiere ein. „Leider sind zwei wichtige große urbane Bracheräume als sehr gute Hasenlebensräume verloren gegangen“, sagt er. „Das ist zum einen die ehemalige S21-Brache, die sich rund um den Pariser Platz mittlerweile zum Europaviertel entwickelt hat, zum anderen der ehemalige Cannstatter Güterbahnhof, der nun zum Neckarpark entwickelt wurde.“ Die dortige Brachfläche wurde mit Wohn-, Gewerbe- und Sportflächen aufgesiedelt. Das habe großflächige Lebensräume für Hasen und andere Fauna vernichtet, so Lachenmaier.
Der Stadt Stuttgart ist es an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass es sich dabei jedoch um urbane Bracheräume handelt, die sich verschiedene Wildtierarten, wie der Feldhase, in der Zwischenzeit zunutze gemacht hatten, bevor die Flächen im Sinne der Stadtplanung bestimmungsgemäß entwickelt worden sind. „Es ist dort kein gewidmeter Naturraum den Wildtieren entzogen worden“, so ein Sprecher der Stadt Stuttgart.
Auch die wachsende Zahl an Hunden in der Stadt trage zur Verschlechterung der Situation bei, ergänzt Wildbiologe Lachenmaier. „Die Hunde werden in ihren ‚Wohn- und Schlafzimmern’ ausgeführt und ständige Störungen und ab und zu auch Verluste sind leider die Folge“, so der Wildbiologe.
Feldhasen aktuell in der Schonzeit – Jagd untergeordnet
Was sagt die Stadt Stuttgart ansonsten zu der Situation? Besteht Handlungsbedarf angesichts grasender Hasen in der Innenstadt? „Grundsätzlich gibt es auch im Stadtgebiet Jagd auf Feldhasen“, so ein Sprecher der Stadt. Die Jagd auf Feldhasen in Stuttgart nehme gegenüber der Jagd auf Rehwild, Wildschweinen, Füchsen und Waschbären allerdings eine untergeordnete Rolle ein. Zudem sei zu berücksichtigen, dass die Zahl der Feldhasen durch Füchse sowie Wildunfälle auf den Straßen dezimiert wird. „In den vergangenen Jahren gab es keine größeren Ausschläge bei der Zahl der durch Jagd erlegten Feldhasen in Stuttgart“, so der Sprecher.
Aktuell herrscht, wie durch das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz festgelegt, Schonzeit für Feldhasen (1. Januar bis 30. September). Die Jagdzeit erstreckt sich vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember, von Januar bis September haben Feldhasen ihre Ruhe – zumindest vor den Stadtjägern.