Bis zu 39 Grad werden für diesen Mittwoch erwartet. Für einige ist der Arbeitsplatz dann besonders herausfordernd, andere hingegen haben es schön kellerkühl.
Michael Scherf steht mit verschränkten Armen unter einem Sonnenschirm. Auf seinem grauen T-Shirt sind Schweißflecken zu sehen. Es ist heiß, sehr heiß. Abkühlung wäre eigentlich direkt vor ihm, im Becken des Möhringer Freibads planschen zahlreiche Menschen. Doch während sich die Gäste vergnügen, muss Scherf zusehen. Er ist der Bademeister.
Sein Arbeitstag beginnt an diesem Montag um 13 Uhr und endet, sofern alles gut geht, um 21.15 Uhr. Wenn am Nachmittag die Hitze mit rund 33 Grad ihren Höhepunkt erreicht, geht es für den 47-Jährigen rund. Dann sind die meisten Gäste da, an normalen Tagen sind das 2 500 bis 3 000, es können aber auch mehr werden. Rund 4 000 waren es am Feiertag Christi Himmelfahrt, als der Sommer seinen zweiten Anlauf nahm.
Eine solche Hitzewelle hat Scherf in über 20 Jahren noch nicht erlebt
Eine ähnliche Hitzewelle wie derzeit hat Scherf bislang noch nicht erlebt. Und er arbeitet bereits seit 2002 in Stuttgart als Bademeister. Früher sei es mal drei Wochen am Stück heiß gewesen, aber das war es dann auch. Jetzt ist das anders: Laut dem Amt für Umweltschutz hat es im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich vier sogenannten „Wüstentage“ gegeben, also Tage mit Temperaturen von mehr als 35 Grad. 2025 waren es bis Ende Juni schon drei. Und die Hitzewellen selbst sind heißer als früher, erklärt das Amt.
Ein Tag wie Mittwoch, an dem bis zu 39 Grad erwartet werden, ist ideal für einen Besuch im Freibad. Wirklich Spaß macht es aber nur im Wasser. Doch trotz der Hitze will sich Michael Scherf nicht beschweren: Der Arbeitgeber stelle Sonnencreme und viel zu trinken bereit, dazu gebe es Schattenplätze. Letztlich sei es Kopfsache: „In diesem Job denkt man nicht so viel über die Hitze nach. Man ist damit beschäftigt, die Menschen zu beobachten.“ Und immerhin sei man ja an der frischen Luft.
Doch die psychische Belastung, gerade wenn so viel los ist, die spüre er. „Nach sechs Tagen merkt man es schon. Da ist man froh, dass man für zwei, drei Tage raus ist. Aber am Ende des Tages sind wir genauso kaputt wie alle anderen auch.“ Wichtig sei, dass die Badegäste in Sicherheit seien. „Und ab und zu gönnen wir uns auch mal ein Eis. Das hebt die Moral und kühlt auch.“ Der private Kioskbetreiber sei da recht spendabel.
Im Döner-Imbiss ist die Hitze doppelt schlimm
Andere klagen da schon deutlich mehr über die aktuelle Hitzewelle. Bangus Inan steht in seinem Döner-Imbiss und schwitzt. Seine Kunden schwitzen ebenfalls, auch wenn sie immerhin von einem Lüfter angeblasen werden. Hinter der Theke und in der Küche ist das anders: „Draußen hat es 30 Grad, hier drin hat es bestimmt 60 Grad“, sagt der Inhaber von MMC Kult am Olgaeck. Von den beiden Fleischgrillen geht ordentlich Hitze weg, genauso wie vom Backofen. Momentan muss Inan sein T-Shirt zwei- bis dreimal am Tag wechseln, so sehr schwitzt er hinter der Theke.
Die derzeitige Hitze sei „sehr schlimm“, eine „Katastrophe“, sagt der 47-Jährige. Für die Arbeitsbedingungen sei es schlecht, noch mehr aber für die Nachfrage. Denn bei 30 Grad gehen die Menschen lieber ins Freibad, essen ein Eis. Den Leuten ist nicht nach Döner. Nur vereinzelt kommen an diesem Tag Kunden. „Das merkt man schon“, meint Inan. Gerade am Nachmittag sei kaum etwas los. Wenn die Sonne untergeht, wird es zumindest ein wenig besser. „Gott sei Dank wird es nächste Woche wieder kühler.“
Angenehme Temperaturen auf der Baustelle Stuttgart 21
Zurück ins Freie, ab in den Innenhof des Alten Schlosses. Dort wird gerade die Bühne für die Jazz Open aufgebaut. Der 22-jährige Bryan hat sich drei Stunden lang um die Technik gekümmert, gegen Abend ist die Sonne schon so weit gewandert, dass der mächtige Bau in der Stuttgarter Innenstadt genügend Schattenplätze für die Arbeiter bietet. Bryan läuft der Schweiß trotzdem die Stirn herunter. Ein undankbarer Arbeitsplatz an diesen Tagen? Nein, findet er nicht. Es sei „angenehmer als okay“. Vom Arbeitgeber bekomme er alles, was er brauche, es gebe auch genug Rückzugsorte. Trotzdem freut sich Bryan schon auf die Dusche, wenn er am Abend nach Hause kommt.
Noch angenehmer ist es auf einer anderen Baustelle, einer Großbaustelle, die fast das ganze Land beschäftigt: Stuttgart 21. Im zukünftigen, unterirdischen Hauptbahnhof sind die Gleise bereits verlegt. In die moderne Architektur mit Kelchstützen reihen sich sogenannte Lichtaugen ein, also Glasflächen, die für Tageslicht sorgen. Doch selbst unterhalb dieser Lichtaugen ist es nur mäßig heiß. Im Rest der Baustelle ist es angenehm kühl, 21,8 Grad zeigt das Thermometer an. Schwitzen muss man hier nicht.
Thomas Schubert ist beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm als Obermonteur tätig. Er und sein Team kümmern sich um den Einbau der Fahrtreppen und Aufzüge. 20 Fahrtreppen sind bereits großteils montiert, komplett fertig ist noch keine. Schubert ist für die Organisation zuständig, er kümmert sich insbesondere um alle Vorarbeiten. Wenn er nicht im kühlen Bahnhofskeller steht, sitzt er oben im klimatisierten Container. Früher hat er Fachkraft für Veranstaltungstechnik gelernt. Nun kümmert er sich darum, dass die Fahrgäste eines Tages bequem die Fahrgleise des neuen Hauptbahnhofes erreichen werden. Als nächsten Schritt auf der Karriereleiter sieht er das.
Hitzeschock beim Verlassen der Bahnsteighalle
Unter Schutzhelm und Warnweste schwitzt er trotz der angenehmen Temperaturen. Richtig unangenehm wird es aber, wenn er oder seine Teamkollegen raus müssen zum Auto, um Material oder Getränke zu holen. Von 21,8 Grad direkt zu 35 Grad. So ähnlich müssen sich deutsche Touristen fühlen, die im Winter in den Flieger ein- und erst in Indonesien wieder aussteigen. „Wir diskutieren immer, wer rausgehen muss. Das ist wirklich wie ein Schlag ins Gesicht“, sagt Schubert. Einer muss sich dann eben erbarmen.
Der große Vorteil für alle Arbeiter, die in der Bahnsteighalle arbeiten: Hier unten ist es immer angenehm, zu jeder Jahreszeit. Im Sommer ist es nicht zu warm, im Winter nicht zu kalt. „Wir sind echt alle happy, dass wir hier unten arbeiten können. Aber wir sind in Gedanken auch bei den Jungs, die zum Beispiel auf dem Dach arbeiten müssen“, sagt Schubert. Die gibt es auf einer so umfangreichen Baustelle wie Stuttgart 21 natürlich auch.
Schubert wohnt unter der Woche in einem Hotel ganz in der Nähe vom Arnulf-Klett-Platz. Am Wochenende fährt er heim. Daheim ist bei ihm Marienberg im Erzgebirge, nahe an der tschechischen Grenze. Wenn er nach Stuttgart fährt, merkt er das in klimatischer Hinsicht. „In Stuttgart ist es immer unangenehm von den Temperaturen her“, sagt Schubert. Hier habe es stets fünf bis sieben Grad mehr als im Erzgebirge.
Wer schon Feierabend hat, kann einen der von der Stadt offiziell ausgeschriebenen „kühlen Orte“ aufsuchen. Dazu zählen vor allem schattige Plätze im Freien, aber auch die verschiedenen Stadtteilbibliotheken. Zumindest am Montag fällt letztere Option allerdings flach: Die Einrichtungen der Stadtbibliotheken haben aufgrund einer Gemeinschaftsveranstaltung geschlossen.