Der von Bedenken begleitete Bau des Dükers für den Abwassersammler des Nesenbachs ist fertig. In ihm unterquert der Kanal den neuen Bahnhof von Stuttgart 21.
Stuttgart - Der Nesenbach, das Fließgewässer an dem Stuttgart tatsächlich liegt, fristet in der Stadt ein trübes Dasein. Er ist der größte Abwasserkanal der Landeshauptstadt und transportiert seine schmutzige Fracht in einem unterirdischen Kanal zum Hauptklärwerk in Mühlhausen. Auf seinem Weg dorthin bildet der entstehende Durchgangsbahnhof von Stuttgart 21 ein Hindernis. Dieses unterquert der Abwasserkanal künftig mittels eines sogenannten Dükers, dessen Funktion der eines Siphons ähnelt. Das mit vielen Befürchtungen verknüpfte Projekt wird diese Woche in Betrieb gehen.
100 Kubikmeter Wasser in der Sekunde
„Das ist ein sehr wichtiges Bauwerk für uns“, sagte Jürgen Mutz, Leiter des Stuttgarter Tiefbauamts, bei einer Begehung der Röhre. Mit sieben Meter Breite und dreieinhalb Meter Höhe ist es eher ein Tunnel als ein Abwasserkanal. Der große Querschnitt soll nur bei besonders starkem Regen geflutet werden. „Wir gehen davon aus, dass das einmal im Monat der Fall sein wird“, so Mutz. Dann können bis zu 100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch den Düker fließen. „Damit würden wir ein olympiataugliches Schwimmbecken in 30 Sekunden füllen“, erklärt der Tiefbauamtschef zur Veranschaulichung. Parallel zu diesem großen Kanal laufen zwei deutlich kleinere Leitungen, eine mit einem Durchmesser von einem Meter und eine zweite mit 2,40 Meter im Querschnitt, die bei weniger starkem Wasserandrang in Betrieb sind. Bei besonders großen Wassermassen werden diese in dem mit lediglich einem Prozent Gefälle verlaufenden Stück direkt unter den Bahntunneln aufgestaut und erst dann nach und nach wieder in den anschließenden Kanal abgegeben. Danach müsse der Bereich gesäubert werden, weswegen sich an der Erdoberfläche Öffnungen befinden, durch die Mitarbeiter der Stadtentwässerung in das Bauwerk einsteigen können.
Millionenaufwand für den neuen Kanal
Der bisherige Nesenbachkanal hat eine Größe von fünf auf fünf Meter. Er ist dem Weiterbau der Zulauftunnel für den Hauptbahnhof im Weg und wird abgerissen, sobald die Abwässer ihren neuen Weg nehmen. „Ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag“ sei für den Neubau fällig geworden, sagt Mark Theilemann, der bei der Bahnprojektgesellschaft Stuttgart–Ulm seit Kurzem den Bau des Bahnhofs und seiner Zulaufstrecken verantwortet. 20 000 Kubikmeter Beton und 2500 Tonnen Stahl wurden in fünf Jahren verbaut. Das insgesamt 390 Meter lange Bauwerk ruht auf 500 Pfeilern. Der tiefste Punkt ist rund 22 Meter unter der Geländeoberfläche. Diese große Tiefe, aber auch die beengten Verhältnisse auf der Baustelle waren laut Thomas Hauser vom Baukonzern Züblin die größten Herausforderungen.
Der Bau des Dükers war ein Streitfall in der an Kontroversen nicht armen Geschichte von Stuttgart 21. Kritiker äußerten immer wieder die Befürchtung, dass beim Bau des Dükers das Mineralwasservorkommen in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Die Bedenken waren auch Teil der Schlichtungsgespräche bei Stuttgart 21 unter Heiner Geißler im Herbst vor zehn Jahren. „Beim Nesenbachdüker verbleibt nur eine geringe poröse Deckschicht. Es besteht die Gefahr, dass Mineralwasser aufsteigt“, fasste Geißler die vorgetragenen Kritikpunkte zusammen. Tatsächlich war der Bau alles andere als trivial. Um stets genug Gewicht auf den mineralwasserführenden Schichten zu haben, wurden die Baugruben geflutet, für den weiteren Aushub und das Betonieren kamen spezialisierte Industrietaucher zum Einsatz, die unter Wasser arbeiteten.
Kritiker zweifeln an der Leistungsfähigkeit
Neben den Risiken beim Bau, die so wie geäußert nicht eingetreten sind, sehen Kritiker aber auch Gefahren im Betrieb. Sie glauben, dass die neue Konstruktion weniger leistungsstark ist als die bisherige. „Durch die Dükerung wird aber die bisherige Abflussleistung der bislang gerade durchlaufenden Abwasserkanäle deutlich verringert, was bei Starkregen-Ereignissen die Überflutungsgefahr der Innenstadt erheblich vergrößert“, schrieb etwa Hans Heydemann, Mitglied bei der projektkritischen Gruppe Ingenieure 22 in einem 80-seitigen Papier, in dem er 2018 die „Überflutungsrisiken durch Stuttgart 21“, wie sie sich aus seiner Sicht ergeben, zusammengefasst hat.
Tiefbauamtschef Jürgen Mutz sagt, dass es einen Düker dieser Größenordnung noch nirgends im Stuttgarter Kanalnetz gibt. Die Konstruktionen, deren Bezeichnung auf den niederländischen Ausdruck für Taucher zurückgeht, betreibt die Stuttgarter Stadtentwässerung gleichwohl an mehreren Stellen. Allein am neuen Bahnhof sind bereits zwei dieser Unterquerungen entstanden. Eine im Zuge des Hauptsammlers West und eine beim Sammler unter der Cannstatter Straße. Und auch in anderen Bereichen des Kanalnetzes führen Leitungen unter natürlichen oder künstlichen Barrieren hindurch. Mutz nennt etwa eine Abwasserleitung, die in der Nähe des Hauptklärwerks Mühlhausen den Neckar unterquert.