Unter dem Kernerviertel ist der letzte innerstädtische Tunnel für Stuttgart 21 durchgeschlagen worden. Für die Anwohner des Quartiers eine gute Nachricht. Allerdings sind noch nicht alle rechtlichen Fragen zwischen ihnen und der Bahn geklärt.
Stuttgart - Die Tunnelbauer von Stuttgart 21 sind nun auch mit der letzten Röhre in der City angekommen. Der Durchschlag am Mittwoch fand unter dem Kernerviertel statt. Bahnmitarbeiter und Mineure blieben dabei wegen der Kontakteinschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie unter sich. Der übliche große Bahnhof bei solchen Anlässen fiel aus. Im Februar war die parallel dazu verlaufende Röhre in der Baugrube an der Sängerstraße angekommen. Die Planer waren diesem Abschnitt mit Respekt begegnet, weil die Überdeckung – also der Abstand zwischen Tunneloberkante und der Erdoberfläche – nur wenige Meter beträgt. Umso erleichterter war man bei der Bahn. „Wir sind durch! Alle Tunnelröhren zum Stuttgarter Hauptbahnhof sind vollständig aufgefahren. Das ist ein Meilenstein auf dem Wege zum neuen Bahnknoten Stuttgart und ein starkes Symbol für eine starke Schiene.“, ließ Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla ausrichten.
Am Flughafen bleibt noch viel zu tun
Von den 58,8 Kilometer Tunnel für Stuttgart 21 sind damit knapp 50 Kilometer vorgetrieben. Das Gros der noch fehlenden Tunnelmeter entsteht im Bereich rund um den Flughafen. Allerdings sind dort zum einen noch Gerichtsverfahren anhängig und zum anderen fehlt für einen Abschnitt noch die Baugenehmigung. Der nun in der Innenstadt fertig ausgebrochene Bereich verknüpft die Tunnel auf die Filder und ins Neckartal mit den kurzen Röhren, in denen die Gleise den eigentlichen Bahnhof erreichen werden.
Die Arbeiten im Untergrund des Kernerviertels haben durchaus Spuren an der Oberfläche hinterlassen. Zwar hatte die Bahn bei sogenannten Hebungsinjektionen ganze Häuser angehoben, um den beim Tunnelbau nicht unüblichen Setzungen entgegenzuwirken. Doch der Erfolg der Maßnahme wollte sich nicht überall gleichermaßen einstellen. Ein Zwischenbau zwischen zwei Häusern an der Kernerstraße war so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass er abgerissen werden musste. Auch andere Gebäude nahmen Schaden: „Bei 20 Gebäuden im Kernerviertel können Schäden auf die Bauaktivitäten zurückgeführt werden, darunter 15 Gebäude mit kleineren Schäden wie Haarrissen und verzogenen Türen und Fenstern“, erklärt ein Projektsprecher auf Anfrage. Vorübergehend mussten Anwohner über der Tunnelbaustelle in Hotels oder Ersatzwohnungen übersiedeln. Zumindest auf Hotelübernachtungen ist niemand mehr angewiesen. „Beim innerstädtischen Tunnelvortrieb stehen die Mineure und Ingenieure stets vor besonderen Herausforderungen“, erklärte Günter Osthoff, der für diesen S-21-Abschnitt zuständige Ingenieur.
Anwohner kämpfen um höhere Entschädigung
Die im Netzwerk Kernerviertel zusammengeschlossenen Anwohner sehen sich durch die eingetretenen Schäden in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Frank Schweizer vom Netzwerk, der selbst an der Kernerstraße wohnt, sagt auf Anfrage, dass ihn zwar zuletzt keine Beschwerden mehr wegen neuer Schäden erreicht hätten. „Aber nicht alle Betroffenen wenden sich ja an die Netzwerke“, sagt er. Auch an seinem Haus waren Schäden entstanden. Nun warte er auf den Fortgang des sogenannten Beweissicherungsverfahrens. „Und dann wird der Streit über die Finanzierung losgehen“, dessen ist sich Schweizer sicher. Während es dabei um einen Schadenersatz geht, seien auch noch Fragen der Entschädigung offen, berichtet er. Die wird fällig, weil die Bahn mit ihren Tunneln dauerhaft Grundstücke in Anspruch nimmt. Dies wird auch in die Grundbücher eingetragen. Die von der Bahn dafür angebotene Summe ist nicht nur Frank Schweizer zu gering.
Kurz vor dem Tunneldurchschlag hat das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 seine Bedenken gegen die Brandschutzvorkehrungen in den langen Tunnel erneuert. Kritiker hatten sich vor Gericht das Recht erkämpft, bislang unter Verschluss gehaltene Unterlagen einsehen zu können. Nach deren Analyse wählt Bündnissprecher Eisenhart von Loeper drastische Worte: „Die Bahn baut hier einen Todestunnel, und sie hat Politik und Öffentlichkeit massiv über die Risiken der S-21-Tunnel getäuscht!“ Bei der Bahn verweist man auf genehmigte Pläne, nach denen man baue.
Förderband wird abgebaut
Mit dem nun erfolgten Durchschlag ist ein Zwischenziel erreicht, die Arbeiten gehen weiter. Für den Lückenschluss zwischen den Tunnelportalen am Kernerviertel und dem Trog des Bahnhofs muss noch unter anderem die bisherige Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie weichen. Deren Neubau soll im September in Betrieb gehen – allerdings ohne die Verbindung zum Hauptbahnhof. Die wird nicht vor Dezember 2023 hergestellt sein. Für den Weiterbau der Stuttgart-21-Röhren muss dann auch die Willy-Brandt-Straße ein weiteres Mal verlegt werden.
Einen Hoffnungsschimmer gibt es für die baustellengeplagten Anwohner des Kernerviertels. Das vor gut sechs Jahren aufgebaute Förderband, mit dem Tunnelaushub in den Mittleren Schlossgarten transportiert wurde und das wenig zur Verschönerung der Gegend beitrug, ist bald Geschichte: „Das Förderband wird noch bis Ende Juni betrieben und voraussichtlich im Juli zurückgebaut“, erklärt der Projektsprecher. Anfang der Woche hat die Bahn bekannt gegeben, dass der erste Auftrag für den Gleisbau bei Stuttgart 21 erteilt worden sei. Just in den nun fertig ausgebrochenen Röhren auf die Filder und ins Neckartal sollen in einem Jahr die ersten Schienen für Stuttgart 21 verlegt werden. Nach wie vor geht die Bahn davon aus, den Bahnhof 2025 in Betrieb zu nehmen.