Der Stuttgarter Meisterkeeper analysiert das Torwartspiel von Alexander Nübel vor der Partie bei Borussia Dortmund und dem Duell mit Gregor Kobel an diesem Samstag.
Vor dem direkten Duell in der Bundesliga an diesem Samstag verlief die Zeit von Gregor Kobel (27) und Alexander Nübel (29) im Kreise ihrer Nationalteams wie zuletzt immer unterschiedlich. Klar, Kobel qualifizierte sich mit der Schweiz ebenso als Gruppensieger für die WM im nächsten Sommer wie Nübel mit der DFB-Elf. Allein: Kobel ist der Stammkeeper der Schweiz, Nübel bekanntlich aktuell die deutsche Nummer zwei hinter Oliver Baumann.
An diesem Samstag, im Spitzenspiel bei Borussia Dortmund (15.30 Uhr), wird Nübel für den VfB Stuttgart wieder zwischen den Pfosten stehen – und auf den BVB mit Kobel treffen, der von 2019 bis 2021 bei den Weiß-Roten spielte. Zweifelsohne stehen sich damit zwei der besten Keeper der Liga gegenüber. Doch wer ist von den beiden der bessere? Und ist einer gar der aktuell beste Torhüter der Liga?
Timo Hildebrand, der Stuttgarter Meistertorwart von 2007, gehörte lange selbst zu den Besten seines Fachs. Der heute 46-Jährige wird am Samstag in Dortmund im Stadion sein – beim Blick auf Kobel und Nübel legt er sich nun vorher gegenüber unserer Redaktion fest. Oder, je nach Sichtweise, auch nicht: „Ich sehe die beiden auf Augenhöhe, sie spielen konstant auf höchstem Niveau“, sagt er: „Es ist ein Leistungslevel, das die beiden in dieser Saison bieten. Kobel ist vielleicht ein bisschen aggressiver und offensiver unterwegs in seinen Aktionen, Nübel sehe ich stärker im Eins-gegen-eins.“
Der Rat von Timo Hildebrand an Alexander Nübel
Der aktuelle VfB-Torhüter, so Hildebrand weiter, spiele „viel besser“ als noch in der vergangenen Saison. Kobel wiederum habe zumindest in puncto Erfahrung in der Champions League und in seiner Nationalelf die Nase vorn gegenüber Nübel – von dem Hildebrand eine spezielle Verbesserung erwartet: „Mir ist das Risiko manchmal viel zu hoch, das er beim Spielaufbau eingeht. Der Pass vor dem Gegentor zuletzt gegen den FC Augsburg ist das beste Beispiel, da wünsche ich mehr Klarheit und auch mal eher einen langen Ball. Auch wenn vertikale Pässe schon im Spielaufbau für Torhüter heutzutage selbstverständlich sind.“ Aber nicht, so meint das Hildebrand, wenn der Mitspieler, wie gegen Augsburg (3:2) vor dem Gegentor zum 1:2 geschehen, am eigenen Strafraum in Bedrängnis ist.
Wo Alexander Nübel statistisch vorne liegt
Beim Blick auf die Statistik fällt auf, dass Kobel und Nübel bei der Prozentzahl der abgewehrten Torschüsse in dieser Bundesliga-Saison (Kobel 76 Prozent, Nübel 73) nahezu gleichauf liegen. Bei den angekommenen Pässen liegt Nübel mit 80 Prozent vor Kobel (74), ebenso bei den angekommenen langen Pässen: Nübel steht da bei 49 Prozent, Kobel bei 36. Damit rangieren beide Keeper bei diesen Werten hinter dem ewigen Manuel Neuer. Der Torhüter des FC Bayern kommt bei der Passquote auf 80 Prozent und bei den langen Pässen auf 50. Neuers Quote bei den abgewehrten Schüssen aber liegt mit 70 Prozent unter jener von Kobel und Nübel – womit sich die Frage aufdrängt, wer denn nun der beste Torhüter der Bundesliga ist.
Für Timo Hildebrand ist auch hier der Fall klar: „Es gibt nicht den einen, es gibt mehrere“, sagt er: „Ich sehe Neuer, Nübel, Kobel und auch Baumann sowie Noah Atubolu derzeit auf einem Niveau. Es sind für mich die fünf besten Keeper der Liga.“
Baumann von der TSG Hoffenheim, so Hildebrand weiter, sei aufgrund seiner jahrelangen Konstanz über jeden Zweifel erhaben und derzeit zu Recht die Nummer eins vor Nübel in der Nationalmannschaft: „Deshalb verstehe ich die ganzen Diskussionen und Debatten um eine Rückkehr von Manuel Neuer ins DFB-Tor auch nicht. Manu ist natürlich auch mit seinen 39 Jahren einer der besten Torhüter und hat diese spezielle Aura – aber man hat mit Baumann im Tor überhaupt keine Not, und Manu hat seine Karriere in der Nationalelf beendet“, sagt der ehemalige VfB-Keeper: „Ich weiß also gar nicht, wo das Problem ist. Zumal Marc-André ter Stegen, wenn er denn bald einen neuen Club findet, bei dem er Spielpraxis sammeln kann, auch noch zurückkehren könnte – was ich ihm sehr wünsche.“
Beim Blick auf Atubolu wiederum fühlt sich Hildebrand ein bisschen zurückversetzt in die Zeit seiner Anfänge als Profi. Nach einigen Wacklern in seiner ersten Profisaison 2023/24 stand das Eigengewächs des SC Freiburg in der Kritik, teils unter der Gürtellinie in den sozialen Medien. Die spielten bei Hildebrand um die Jahrtausendwende beim VfB noch keine Rolle. „Ich wurde aber ähnlich wie Noah in seinem ersten Jahr auch teils zerrissen in der Öffentlichkeit. Wenn man die Begleitumstände in seinem ersten Bundesligajahr kennt, sind Noahs Leistungen jetzt noch höher einzuordnen – und ich bin froh, dass die Verantwortlichen in Freiburg so klar an ihm festgehalten haben.“
Sich als Jungtorhüter auf höchstem Niveau beweisen zu müssen: über diesen Status sind Kobel und Nübel freilich längst hinaus. Sie duellieren sich an diesem Samstag in Dortmund: im Spitzenspiel der Spitzenkeeper.