Biohacking gilt längst nicht mehr als Nischentrend für Tech-Eliten. Ein Besuch auf der Stuttgarter Messe zeigt, wer heute nach mehr Gesundheit und einem längeren Leben sucht.
Am Sonntagnachmittag sind die Hallen der Stuttgarter Frühjahrsmesse noch gut gefüllt. Der große Andrang scheint am letzten Messetag zwar bereits abgeebbt, doch zwischen den Ständen wird weiterhin geschlendert, stehen geblieben, ausprobiert. Die Messe versteht sich als Deutschlands größter Verbund rund um bewusstes Genießen. Und mittendrin rückt ein Thema in den Fokus, das weniger nach Genuss klingt als nach Disziplin.
Die Selbstoptimierung hat Stuttgart erreicht. Auf der „Biohacking“-Messe geht es um Gesundheit, Leistungsfähigkeit und ein langes Leben. Was bedeutet Biohacking überhaupt? Biohacking, vor einigen Jahren vor allem in den USA verbreitet, meint den Versuch, den eigenen Körper gezielt zu beeinflussen und zu optimieren. Ursprünglich ging es dabei um eine technikaffine Szene, die Daten zu Schlaf, Bewegung und Ernährung sammelt und auswertet. Inzwischen hat sich das Konzept deutlich erweitert. Was lange im Leistungssport verankert war, ist im Alltag angekommen. Atemübungen, Eisbäder oder Intervallfasten sind keine Randphänomene mehr, sondern für viele Teil eines modernen Gesundheitsverständnisses geworden. Eng damit verbunden ist der Begriff Longevity. Gemeint ist nicht nur ein möglichst langes Leben, sondern vor allem die Idee, die gesunden Lebensjahre zu verlängern. Im Zentrum steht also die Frage, wie sich Alterungsprozesse verlangsamen lassen, um möglichst lange körperlich und geistig leistungsfähig zu bleiben.
Bei minus 85 Grad in der Kryokammer
Wie sich das ganz konkret anfühlen soll, lässt sich auf der Messe nicht nur theoretisch erklären, sondern vor allem erleben. Viele der Anwendungen, die hier angeboten werden, versprechen genau das: den eigenen Körper gezielt zu reizen, zu messen und damit langfristig zu verbessern. Vor dem Stand mit der Kryokammer hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. In einer Kryokammer setzt man den Körper für wenige Minuten extremer Kälte aus, um durch den Kältereiz Regeneration und Stoffwechsel gezielt anzuregen. Neugierige bleiben stehen, beobachten das Geschehen und einige wollen selbst hinein in die extreme Kälte. „Wann bekomme ich denn sonst die Möglichkeit?“, sagt einer der Wartenden.
Auch die Familie Brenner aus Filderstadt zögert nicht lange und entscheidet sich, es auszuprobieren. Für zwei Minuten geht es bei minus 85 Grad in die Kammer. Zum Schutz gibt es Stirnband, Maske und dicke Handschuhe – eine Winterjacke jedoch nicht. Stattdessen tragen die Teilnehmer T-Shirt. Damit die Kältetherapie wirken kann, muss die Hauttemperatur möglichst schnell absinken. Kleidung würde die Körperwärme isolieren und wie eine Schutzschicht wirken. Nur wenn die Kälterezeptoren direkt der extremen Temperatur ausgesetzt sind, setzt das Gehirn die gewünschten Reaktionen in Gang.
Nach Ablauf der zwei Minuten treten die Brenners wieder heraus. „Schon ziemlich frisch am Anfang“, sagen beide. Vor allem an den Armen habe man die Kälte deutlich gespürt. Ein unmittelbarer Effekt? Schwer zu sagen. „Ich hätte auch noch länger drin bleiben können“, meint die Frau Brenner. Auf der Biohackingmesse sind die beiden heute eher zufällig, sie schauen sich die Aussteller ohne feste Erwartung an, findet das Thema aber zunehmend spannend.
Biohacking: Durch Lichtimpulsen entspannen
Ein paar Stände weiter können Besucher ein Gerät testen, dass durch Lichtimpulse, Klänge, rhythmische Vibrationen das Gehirn stimuliert und so entspannen soll. Mit einem Stirnband befestigt man ein das Gerät mit den Lichtimpulsen direkt vor den Augen. Dann heißt es Kopfhörer auf und in den Massagestuhl. Vincent und Aron, beide 22 und aus Stuttgart, möchten das direkt ausprobieren. Beide sind im gesundheitlichen Bereich tätig, der eine macht ein Physioausbildung und der andere studiert Sportwissenschaft. Weil sie sich auch privat für das Thema Gesundheit interessieren, sind sie heute hier. „Wenn man neue, innovative Dinge kennenlernen will, dann geht man am besten auf eine Messe, haben wir gedacht.“ Die Erfahrung mit dem Lichtimpulsgerät fanden beide ziemlich intensiv, aber es hat ihnen gefallen: „Man sieht viele verschiedene Farben, am Anfang ist es etwas intensiv. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran und ich konnte mich entspannen“, so Aron.
Auch Katharina Dodik hat sich 7 Minuten lang an der aktiven Entspannung versucht. Sie kommt aus Metzingen und wirkt begeistert: „Ich dachte erst, wie soll ich mich hier entspannen, bei dem Lärm“, sagt sie und deutet auf die Bühne gegenüber. „Und dann bist du plötzlich ganz woanders.“ Sie beschreibt Bilder von Natur, von Wald, das Gefühl, komplett abzuschalten. Sieben Minuten hätten sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Aber man müsse auch offen dafür sein und sich darauf einlassen, findet sie.
Am Ende dieses Messetages bleibt ein offenes Bild. Zwischen Kryokammern, Klanginstallationen und klassischen Gesundheitsangeboten zeigt sich, wie breit das geworden ist, was Biohacking heute meint. Ob das die Lebensqualität tatsächlich verbessert, bleibt offen. Sicher ist nur: Das Thema ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.