Agnes Su, Erste Solistin des Stuttgarter Balletts, zieht nach Toronto. Beim kanadischen Nationalballett hofft die Tänzerin auf neue Impulse. Ihren Abschied gibt sie als Julia.
Am 1. September beginnt für Agnes Su ein neuer Karriereabschnitt, dann ist ihr erster Arbeitstag beim kanadischen Nationalballett. Bis dahin hat sie einiges vor. Und es ist nicht unbedingt der Umzug, der die Erste Solistin des Stuttgarter Balletts beschäftigt. Der sei super durchgeplant, sagt Agnes Su beim Abschiedsgespräch im Opernhaus. Für etwas Stress sorge eher ihre bevorstehende Hochzeit in Nizza, verrät die amerikanische Tänzerin. „Da ist noch so viel vorzubereiten.“ Und doch freut sie sich auf die Zeit in der Heimat ihres Verlobten. „Ich liebe die Côte d’Azur, auch wenn es heiß ist und viele Mücken hat“, sagt Agnes Su.
Ihr zukünftiger Ehemann, ein Cellist des Staatsorchesters, ist auch der Grund, warum die Tänzerin nach zwölf Spielzeiten beim Stuttgarter Ballett die Kompanie verlassen wird. „Ihm wurde eine Stelle als Erster Solo-Cellist im Orchester der kanadischen Nationaloper angeboten, da war es keine Frage, dass wir umziehen“, sagt Agnes Su und erklärt: „Ein Musiker arbeitet in seinem Beruf bis zum Rentenalter, für mich als Tänzerin gilt das nicht. Deshalb mussten wir Prioritäten setzen.“
Der Wechsel kommt zur richtigen Zeit
Doch der Wechsel kommt auch für die 29-Jährige zur richtigen Zeit, wie sie es nach getroffener Entscheidung empfindet. „Ich bin hier an die Decke gestoßen. Nach den Jahren an der Cranko-Schule und beim Stuttgarter Ballett spürte ich den Wunsch nach Veränderung“, sagt Agnes Su.
Die wird, was das Repertoire betrifft, gar nicht so groß sein. Crankos große Tanzdramen, Ballette von Marco Goecke und Christian Spuck, David Dawson als neuer Haus-Choreograf, der ein „paar gute Worte“ für sie eingelegt habe: Agnes Su trifft in Toronto auf alte Bekannte, freut sich aber auch auf das Neue. Auf die Direktorin Hope Muir etwa, die nach jungen Talenten suche. „Sie will etwas Neues aufbauen“, sagt Agnes Su. „Und ich habe gehört, dass es dort einen tollen ,Nussknacker‘ gibt.“
Furchtlos offen für Neues
Die Kalifornierin mit chinesischen Wurzeln war auch in ihrer Stuttgarter Zeit immer offen für Neues. Die Liste an Rollen, die Kollegen und Choreografen wie Douglas Lee, Johan Inger und Marco Goecke für sie geschaffen haben, steht dafür. Furchtlos war sie ebenfalls bei einem Auftritt mit dem Quartett um den Saxofonisten Magnus Mehl und improvisierte im Rahmen einer „Dance/Jazz-Fusion“ im Theaterhaus.
Angst will sie in ihrer neuen kanadischen Heimat keinesfalls vor den unberechenbaren Plänen des amerikanischen Präsidenten Trump haben. „Die Kanadier wollen zum Glück unabhängig bleiben und haben viele Ressourcen“, sagt Agnes Su, die sich sicher ist: „Den schlechten Nachrichten entkommt man nicht, es gibt sie auch in der deutschen Kulturpolitik, wo gerade viel gespart wird. Die Zeiten ändern sich überall.“
Beförderung auf der Bühne
Nach einem berührenden Debüt als Tatjana in Crankos „Onegin“ war Agnes Su noch während des Schlussapplauses im Opernhaus zur Ersten Solistin befördert worden. Im November 2021 war das, damals tanzte sie nach der Coronapause in blendender Form auf und es gelang ihr, dem Drama die volle Fallhöhe zwischen tänzerischer Leichtigkeit und Gesten von Gewicht zu erspielen.
Nun freut sie sich darauf, ihr Stuttgarter Ballettwissen über den Atlantik zu tragen, kann aber auch sofort benennen, was sie vermissen wird. „Dass ich hier mit Künstlern wie Marcia Haydée zusammenarbeiten konnte, war einzigartig“, sagt Agnes Su. „Es ist schon besonders, wenn man eine Rolle mit jemandem einstudieren kann, für den sie kreiert wurde.“ Auch die Stuttgarter Kolleginnen und Kollegin werden ihr fehlen. „Wir sind alles Ausländer, die das Ballett hier zusammengebracht hat, das ist eine super nette Gemeinschaft“, blickt Agnes Su auf ihre 15 Jahre in Stuttgart zurück.
Schwerer Abschied vom langjährigen Tanzpartner
Vor allem der Abschied von ihrem langjährigen Tanzpartner Adhonay Soares da Silva, ihrem „Ballettmann“, wie Agnes Su den Brasilianer mit einem Lachen nennt, wird der Amerikanerin, wie sie sagt, schwerfallen. „Wir sind vom Charakter her einander ähnlich und konnten ohne Ego sehr gut zusammenarbeiten“, sagt die scheidende Solistin. „Den Abschied wollen wir noch gar nicht wahrhaben und genießen die Zeit, die uns noch bleibt.“ Die endet definitiv am 29. Juli, dann tanzt Agnes Su ein letztes Mal als Mitglied des Stuttgarter Balletts an der Seite von Adhonay Soares da Silva die weibliche Hauptrolle in „Romeo und Julia“.
Agnes Sus Eltern ziehen ebenfalls nach Toronto
Und vielleicht hat Agnes Su bis dahin die perfekte Wohnung in Toronto gefunden, nach der sie mit Hilfe ihrer Eltern, die ebenfalls nach Kanada ziehen, derzeit sucht. Die Ansprüche, die sie aus dem relativ grünen Stuttgart mitbringt, sind hoch; hier wohnt die Tänzerin in der Nähe des Teehauses. „Ich habe den Wald vor dem Fenster“, sagt Agnes Su, „das werde ich auch sehr vermissen.“
Info
Abschied
Agnes Su verbeugt sich am 29. Juli ein letztes Mal als Erste Solistin des Stuttgarter Balletts und zwar nach John Crankos „Romeo und Julia“ im Opernhaus. Für die Vorstellung, die um 19 Uhr beginnt, gibt es Restkarten. Am 30. Juli verabschiedet sich das Stuttgarter Ballett ebenfalls mit „Romeo und Julia“ in die Sommerpause. Erster Auftritt der Kompanie in der neuen Spielzeit ist am 19. Oktober mit John Neumeiers „Anna Karenina“ im Opernhaus.
USA
Die Sommerpause endet für die Tänzerinnen und Tänzer bereits früher. Vom 26. bis zum 27. September 2025 ist die Kompanie zu Gast beim „Fall for Dance“-Festival in New York, anschließend reist sie weiter nach Washington, wo vom 8. bis zum 12. Oktober im John F. Kennedy Center sieben „Onegin“-Vorstellungen auf dem Spielplan stehen.