Stuttgart in den 1970ern: Straßenbahn auf dem Schlossplatz, das legendäre Eiscafé Venedig und der Striptease-Club Belami im Leonhardsviertel. bei. Foto: Karin Merkle

Ihre Fotos lassen Boomer-Herzen höherschlagen – und zeigen Jüngeren, wie sich Stuttgart verändert hat: Karin Merkle hielt die Stadt in den 70ern mit der Kamera fest. Eine Zeitreise.

Als Karin Merkle Mitte der 1970er-Jahre mit dem Fotoapparat durch Stuttgart zog, hatte sie ein klares Ziel: Sie wollte ihren französischen Schülerinnen und Schülern mit Bildern ihre Heimatstadt näherbringen. Die damalige Studentin arbeitete für ein Jahr als Deutsch-Assistentin an einer Schule in Frankreich – und wollte im Unterricht zeigen, wo sie herkommt.

 

Karin Merkle hat nun Schätze aus ihrer einzigartigen Fotosammlung unserem Geschichtsprojekt Stuttgart-Album anvertraut. „Es waren Dias, und ich habe sie digitalisiert“, schreibt sie uns. Damals hat sie Orte der Stadt festgehalten, die heute fürwahr historisch anmuten, zum Teil gar nicht mehr so existieren.

Die Straßenbahn fährt noch auf der Königstraße, der heutigen Fußgängerzone. Foto: Karin Merkle

Heute – ein halbes Jahrhundert später – wirken diese Aufnahmen wie Fenster in eine andere Welt. Farben, Formen, Reklamen rufen bei Boomern schöne Erinnerungen wach. So sah die Straßenbilder früher aus. Willkommen bei der Zeitreise ins Stuttgart der 1970er Jahren!

Straßenbahnlinie 8: Ein Blick auf das wandelbare Stuttgart

Besonders eindrucksvoll ist die Aufnahme der Straßenbahnlinie 8 vom Typ GT 4, die damals noch über den Schlossplatz rumpelte – über jenen Platz, der heute fest den Fußgängerinnen und Fußgängern gehört. Im Hintergrund erkennt man Fassaden, Schaufenster, Reklame – es ist der Alltag in Stuttgart vor fünf Jahrzehnten. Was auf den Fotos von Karin Merkle zu sehen ist, war damals nichts Besonderes – heute faszinieren diese Aufnahmen umso mehr. „Die alten Straßenbahnen waren zwar einfach ausgestattet, aber nützlich und trugen den Charme Stuttgarts in sich“, schreibt Marcus Püschel auf dem Facebook-Portal unseres Stuttgart-Albums zum Strampe-Foto auf der Königstraße.

Auf einem anderen Foto ist zu sehen, wie vor dem Eiscafé Venedig Tische und Stühle stehen, daneben befindet sich der Schmuckladen Ordiam. Auf dem Facebook-Portal des Stuttgart-Albums sorgt dieses Bild für Staunen. Userin Petra Spannagel schreibt: „Toll, die Zeit ohne Handy, die Leute mussten sich noch miteinander unterhalten, oder haben einfach nur in der ‚Weltgeschichte‘ herumgeschaut und das Drumherum wahrgenommen.“

Peter Karr kommentiert: „Ich kann mich noch gut an das alte Eiscafé Venedig erinnern und bin dort Ende der 1960er und in den 1970er gern Gast gewesen. Irgendwann war es einfach nicht mehr da, nur noch so als Kiosk in der Mitte der Fußgängerzone vorhanden. Leider sind mit den Jahren so viele Institutionen in der Innenstadt verschwunden, die zuvor fester, attraktiver Bestandteil der Stadt waren.“

Und Kerstin Didier postet: „Solche Bilder von Straßenszenen sind echt Schätze.“

Blumenverkauf auf der Straße. Foto: Karin Merkle

Manches Motiv aus Merkles Sammlung wirkt fast filmreif. Etwa das Foto des Striptease-Clubs Belami, der heute längst verschwunden ist. Davor steht ein älterer Herr, der seinen Blick kaum vom Schaufensterfoto einer Nackten lösen kann.

„Leonhardsviertel: Erst Currywurst, dann ... gucken, nur gucken“

Auf Facebook kommentiert Andy Geisslreither mit einem Augenzwinkern: „Leonhardsviertel! Erst Currywurst, dann ... gucken, nur gucken.“

Weitere Aufnahmen zeigen die Straßenbahn, die mitten über die Königstraße fährt – ein Bild, das heute nur noch in Erzählungen vorkommt. Wir sehen eine Blumenverkäuferin, die ihre Ware auf dem Gehweg anpreist. Und wir sehen den Kleinen Schlossplatz, wie er einst war, bevor er immer wieder umgestaltet und neu gedacht wurde.

Besonders auffällig: Ein Kunstwerk von Otto Herbert Hajek. Sein „Stadtzeichen 1969/1974“, erst aus Holz, später aus bemaltem Stahl, erhob sich sechs Meter hoch über den Platz – modern, kantig, farbig. Ein typisches Symbol einer Epoche, in der die Stadt zwischen Aufbruch und Umbruch schwebte.

Nostalgie pur: 70er-Jahre-Mode und unbeschwerte Erinnerungen

Die Fotos von Karin Merkle küssen Stimmungen wach, die viele Boomer mit den 1970ern verbinden – es sind unbeschwerte Gefühle. Erinnerungen an Schlaghosen und selbstgebatikte T-Shirts werden wach, an bunt gemusterte Tapeten und aufblasbare Sessel, an Apfelshampoo, an lange Haare mit Mittelscheitel – und an manche modische Peinlichkeiten, die damals den Menschen gar nicht auffielen und über die man heute spotten kann.

Im Mövenpick auf dem Kleinen Schlossplatz. Foto: Karin Merkle

Die 1970er waren in Stuttgart ein Jahrzehnt voller Energie. Quer durch die Stadt ratterten die Baumaschinen – damals, so scheint es, gab es mindestens so viele Baustellen wie heute, die Stuttgart 21 mit sich bringen. Die Stadt bereitete damals sich auf die neue unterirdische Stadtbahn vor und auf die S-Bahn, die 1978 ihren Betrieb aufnahm.

Erinnerungen an eine Zeit zwischen Tradition und Aufbruch

Es war die Zeit des unvergessenen Oberbürgermeisters Manfred Rommel, des heutigen Ehrenbürgers, und seiner weltoffenen Liberalität, die Zeit des aufblühenden Stuttgarter Ballettwunders, der Langen Nächte und der ersten Jahre des Weindorfs. Die Fotos zeigen, wie die Stadt damals versucht hat, Tradition und Aufbruch miteinander zu verbinden.

Die Zeitreise führt vor, wie schnell sich Orte verändern können. Und wie lebendig vergangene Jahrzehnte werden, wenn jemand den richtigen Moment im richtigen Licht festhält. Ein Dankeschön an Karin Merkle!

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